07.02.2018
Berlinale 2019

Die Ruhe vor dem Lüftchen

Akin - der goldene Handschuh
Mir ist schon jetzt langweilig und ich freue mich auf den Morgen, an dem in 10 Tagen alles vorbei ist...

Starbuck lebt hier nicht mehr – Berlinale-Tagebuch, Folge 1

Von Rüdiger Suchsland

»Mittwoch ist immer ein schwie­riger Tag, nie weiß man, in welchem der Läden was los ist und wo nicht. Es hatte Mittwioch schon High Life in Tüten gegeben, manchmal bleibt es aber gähnend leer, und niemand weiß, warum, selbst Herbert nicht, der sonst immer alles weiß.«
Heinz Strunk, »Der Goldene Handschuh«, S.25

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Mittwoch, Spät­nach­mittag, Gang zu Fuß vom Potsdamer Platz durch die Straße, die zum soge­nannten »Berlinale Palast« führt. Ein Palast war das hier noch nie, selbst in jenen Tagen vor 20 Jahren nicht, als man mit damals viel­leicht guten Gründen – die Neue Mitte, wieder­ver­ei­nigte Stadt, Boomtown Berlin, Inves­to­ren­pa­ra­dies, es geht voran, und so – die Berlinale von ihrem ange­stammten Ort rund um den Zoopalast und die Ku-Damm-Kinos wegriss und er Dekret der neurei­chen Schröder-Sozis hierher verlegte, an die alte Mitte, die nie die propa­gan­dis­ti­schen Verspre­chen der Einheits­eu­pho­rier­he­torik erfüllen konnte. Inzwi­schen sieht hier alles einge­fallen, angeranzt, ziemlich herun­ter­ge­kommen und ganz schön lang­weilig aus.

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Aber viel­leicht ist das auch nur meine Stim­mungs­lage. Mir ist schon jetzt lang­weilig und ich freue mich auf den Morgen, an dem in 10 Tagen alles vorbei ist. Nicht wegen Dieter Kosslick, über den ist genug geschrieben worden, sondern weil diese Berlinale auf dem Papier und in der Theorie – die Praxis, die Filme selbst kennen wir ja noch nicht – nichts Span­nendes verspricht. Ein paar habe ich gesehen, die waren eigent­lich auch gut, also haben die zustän­digen Leute ihre Arbeit gemacht. Aber die Berlinale ist anstren­gend und das Wetter ist schlecht, da müsste so etwas wie Aura entfaltet werden, ein Verspre­chen auf die nahe Zukunft. Wird aber nicht.

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Die Menschen am Akkre­di­tie­rungs­schalter sind alle ziemlich jung und super­freund­lich, Wirken auch nicht wie Roboter oder aufge­zo­gene Duracell-Häschen, wie es ja hier auch schon war, sondern einfach angenehm. Sie denken mit, wenn man mit ihnen redet. Es ist noch ziemlich leer an diesem Mitt­woch­abend, paar junge Akkre­di­tierte, viele Menschen die irgend­etwas schleppen oder aufbauen, Ruhe vor dem Sturm, der am Ende doch wieder ein Lüftchen sein wird.

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Nur an meiner Stim­mungs­lage liegt es aber nicht. Als ich wieder aus dem Hyatt-Hotel, wo man die Akkre­di­tie­rung holt, heraus bin, habe ich Zeit, mich umzusehen. Krass! Die gähnende Leere ist nicht nur in meiner Seele, sie herrscht auch in den Läden. Der Potsdamer Platz war immer schon Scheiße im Hinblick auf Aufent­halts­orte. Kaum Cafés, kaum Restau­rants, kaum Plätze, wo man sitzen und reden oder schreiben oder surfen oder lesen oder einfach abhängen konnte. Auch kaum Orte zum Rumstehen, draußen ist es dafür zu kalt. Die Cineplexe töten jeden cine­philen Gedanken, jede Lust auf... ja auch auf Exzess. Schon das Schreiben darüber ist lang­weilig. Also floh man in Ausweich­quar­tiere.
»Starbucks« mögen die meisten nicht, es gibt Gründe dafür. Trotzdem saßen wenigs­tens während der Berlinale alle hier. Es war warm, gab Kaffee und W-LAN und die Erlaubnis, ein bisschen rumzu­sitzen.
Jetzt hat »Starbucks« am Potsdamer Platz dicht­ge­macht. Auch das zweite Steak­house gegenüber Maredo ist verschwunden. Auch das Hofbräu­haus, wo es gutes Helles und anstän­digen Schweins­braten gab, ist ersatzlos weg – leere Schau­fenster, eine einge­schla­gene Glastür, die auch keinen weiter inter­es­siert.

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Nein, ich werde jetzt nicht meta­pho­risch und versuche das Nahe­lie­gende: Die Ödnis und Leere, den Zustand dieser herun­ter­ge­kom­menen Straße und plei­te­ge­gan­genen Touris­ten­fallen mit dem der Berlinale zu verglei­chen.
Sondern ich denke an meine Freunde, Kollegen und an mich. Wo können wir sitzen? Ein Film­fes­tival, aber das haben sie hier noch nie verstanden, ist mehr, als nur möglichst viele Filme möglichst vielen Leuten vorzu­führen.
Atmo­s­phä­risch bot die Berlinale immer schon Null, jetzt ist alles weit darunter.
Man muss auch kein Fan von Starbucks sein oder baye­ri­sche Küche mögen, um zu bedauern, dass es hier nicht für alle Geschmacks- und Preis­lagen ausrei­chend Lokale gibt, und dass die Berlinale sich um ihre Gäste nicht schert, und diese Ignoranz noch als Berliner Charme zu verkaufen sucht.

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Ein paar Meter entfernt, liegt die DFFB, die Berliner Film­aka­demie – eben keine Film­schule, was die meisten Studenten sehr wohl wissen, die meisten Dozenten aber nicht. Verschu­lung ist da gerade angesagt, ob das was werden wird, darf man glück­li­cher­weise bezwei­feln.
Im ersten DFFB-Jahrgang 1966 war bekannt­lich Holger Meins, der spätere RAF-Terrorist, einer der Studenten. Sein Codename war »Starbuck«. Bis letztes Jahr konnte man noch den Witz machen, dass sich das hiesige Kino von »Starbuck« zu »Starbucks« entwi­ckelt hat, von Radi­ka­lität zum Kapi­ta­lismus, in jeder Hinsicht. Der Befund stimmt zwar, aber auch der Witz funk­tio­niert jetzt nicht mehr.

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Ich wünsche allen, eine schöne Berlinale!

(to be continued)

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