24.05.2018
Cinema Moralia – Folge 177

Flüchtige Filme, flüchtige Gedanken

Der letzte Mohikaner
Am Samstag ist Deutschlandpremiere in der Volksbühne von Les Unwanted de Europa 

Film und Philo­so­phie treffen sich an der Volks­bühne – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­gän­gers 177. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Es bringt uns nicht weiter, die rätsel­hafte Seite am Rätsel­haften pathe­tisch oder fanatisch zu unter­strei­chen; vielmehr durch­dringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäg­li­chen wieder­finden, kraft einer dialek­ti­schen Optik, die das Alltäg­liche als undurch­dring­lich, das Undurch­dring­liche als alltäg­lich erkennt.«
Walter Benjamin

Ein Philosoph, das Exil, die Flucht – mitten in Europa, in bers­tendem Schwarz-Weiß und inten­siven Plan­se­quenzen. Ein histo­ri­sches Ereignis, weit weg und unmit­telbar zugleich.
Was kann das Kino über die Philo­so­phie vermit­teln, erzählen, von ihr herauf­be­schwören? Welche Philo­so­phie kann Schlüssel geben, um sich der Erfahrung des Kinos anzu­n­ähern? Gemeinsam mit dem Professor für Ästhetik Georg W. Bertram (u.a. »Kunst als mensch­liche Praxis«) und Regisseur Fabrizio Ferraro widmen sich die Volks­bühne und Moderator Frédéric Jaeger den Unge­wollten Europas und ihrem ästhe­ti­schen Entwurf in einem film­phi­lo­so­phi­schen Gespräch.

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»Der Film, der entlang der Hügel der südöst­li­chen Pyrenäen gedreht wurde, zeichnet die letzten Tage des Philo­so­phen Walter Benjamin nach, während er von Frank­reich nach Spanien flieht, um der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfol­gung zu entgehen. In gedul­digen Schritten und mit nur wenig Dialog nimmt Benjamin eine kleine Gruppe von Geflüch­teten auf, und gemeinsam machen sie sich auf den Weg durch die üppige, imposante Land­schaft. Indem er lange Passagen aus stillen Beob­ach­tungen mit kurzen Dialogen und mitreißenden, von John Cage vertonten Inter­lu­dien kombi­niert, verlässt Ferraro tradi­tio­nelle narrative Wege. Auf diese Weise gestaltet er Benjamins Reise eher kontem­plativ und zeigt zugleich die Reso­nanzen mit Europas anhal­tender Flücht­lings­krise auf. In Anklang an Stimmung und Ästhetik von Albert Serras früher Folklore-Neuin­ter­pre­ta­tionen (Honor of the Knights, Birdsong) weist Les Unwanted de Europa Ferraro als einen Künstler mit ausge­prägtem Gespür für filmische Zeit und histo­ri­sches Gedächtnis aus.« (Jordan Cronk, Film Comment)

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Die Deutsch­land­pre­miere von Les Unwanted de Europa in Anwe­sen­heit von Regisseur Fabrizio Ferraro am Samstag, 26.05.2018, 20 Uhr in der Volks­bühne, Film & Diskus­sion – da wird auch das Cham­pi­ons­league-Finale erstmal mithalten müssen.

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Zu den Karrie­re­spe­ku­la­tionen im letzten »Cinema Moralia«. Einmal haben wir schon recht gehabt: Maria Köpf verlässt nach nur drei Jahren ihren Leitungs-Posten in der Film­för­de­rung Hamburg-Schleswig-Holstein. Da Köpf ausge­rechnet zum März 2019 geht, und nicht nur »aus persön­li­chen Gründen«, sondern weil sie sich »neuen beruf­li­chen Heraus­for­de­rungen zuwenden« will, wurde ich gestern nun schon wieder mehrfach drauf ange­spro­chen, ob sie denn nun neue Berlinale-Chefin wird? Wohl eher nicht, jeden­falls nach meinen Infor­ma­tionen. Und: Es wurde zwar noch nicht offiziell bestätigt, dass der Ex-Berlinale-Forums­chef Christoph Terhechte nach Marra­kesch geht. Aber drei vertrau­ens­wür­dige Menschen haben es uns schon unab­hängig vonein­ander erzählt.
Die inter­es­san­tere Frage ist aber der erst kürzlich erfolgte Doppel­wechsel beim FFF. Werden die Film­för­de­rungen auf ein Sprung­brett für zukünf­tige Karrieren reduziert?

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»Von allen denkbaren Vorwürfen, die man Kritikern gerne macht, ist der Vorwurf, dass man überhaupt kriti­siert, der blödeste.«

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.