26.04.2018
Cinema Moralia – Folge 175

Kunstfreiheit statt Gremienfilme!

Der letzte Mohikaner
Die echte Romy Schneider in Quiberon. Ja, es waren drei Tage (Foto: Stern)

Verän­de­rung ist möglich: Frank­furter Kongress zur Zukunft des Kinos, die Folgen, und was sonst noch so in und um das (nicht nur deutsche) Kino los ist – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 175. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Den Unter­schied zwischen Romy Schneider und Schau­spie­le­rinnen, die Romy Schneider spielen, hatte ich vorver­gan­gene Woche in »Cinema Moralia« eigent­lich nicht mal beschrieben, sondern eher ange­deutet; noch mehr den Unter­schied zwischen den Zeiten, als Romy Schneider noch ein inter­na­tio­naler Star war und der Gegenwart, in der es kaum inter­na­tio­nale deutsche Stars gibt, und das keines­wegs zufällig. 3 Tage in Quiberon, das Romy-Biopic von Emily Atef ist da nur ein Anlass, diesen Nieder­gang zu bemerken Not amused war darüber Maria Köpf, ehemalige Film­pro­du­zentin, jetzt als Förder­chefin von Hamburg Schleswig-Holstein mitver­ant­wort­lich für den Film. Sie fühle sich als Film­funk­ti­onärin ange­spro­chen, »da die Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein 3 Tage in Quiberon von Rohfilm Factory maßgeb­lich mit unter­s­tützt hat« – meinte Köpf so weit ganz zutref­fend in einer Facebook-Reaktion auf meinen Text. Dass »wir ziemlich stolz darauf sind« bleibt ihr ebenfalls unbe­nommen, auch wenn ich es noch viel toller fände, wenn mal eine Film­funk­ti­onärin statt öffent­lich stolz zu sein, und zu loben und sich selbst auf die Schulter zu klopfen, offen Fehler einge­stehen könnte, und öffent­lich erzählt, auf welche Filme sie denn nicht stolz ist, sich mögli­cher­weise sogar schämt. Oder gibt es das gar nicht, weil solche Gedanken nicht zuge­lassen werden, auch innerlich nicht?

Es ist ja nicht das Lob als solches, das stört, sondern die fort­wäh­rend hinaus­po­saunte unisono Super-Stimmung, die die öffent­li­chen Reden und Mittei­lungen der Film­för­derer so anstren­gend macht, wie sonst nur Volks­mu­sik­sen­dungen im deutschen Fernsehen. Wenn nur über­trieben gelobt wird, und nie diffe­ren­ziert, geschweige denn mal kriti­siert, dann ist alles eben unglaub­würdig und prin­zi­piell im Verdacht der Propa­ganda.
Der wird nicht weniger, wenn ich dann weiter­lese: »Über Geschmack kann und muss man streiten, aber die Art und Weise wie dieser großar­tige Film, in den ab heute hoffent­lich viele Zuschauer gehen werden (oops, Ergötzung) hier diskre­di­tiert wird und als 'unnötig' einge­stuft wird, sieht schwer nach Geschmacks­po­lizei aus.«

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Das wiederum sieht sehr nach Zensur­gelüsten aus, und nach dem Drang, einzu­schüch­tern. Lassen wir mal dahin­ge­stellt, ob ich jetzt überhaupt irgendwen »diskre­di­tiert« habe (außer nament­lich unge­nannten, jedermann bekannten »Arte«-Redak­teuren); es würde mich ja eh mal inter­es­sieren, wie man denn »über Geschmack streiten« muss, um sich nicht den Geschmacks­po­lizei-Vorwurf einzu­han­deln.
Aber warum muss jemand, der nicht ohne Macht in der deutschen Film­branche ist, gleich mit derart deplat­zierten, aggres­siven Begriffen kommen? Ich will nichts verbieten und niemanden verhaften. Es ist viel einfacher: Ich inter­es­siere mich null für diesen Film – gerade weil ich Romy Schneider toll finde, so toll, dass man über sie keine Filme machen muss, in denen sie von einer anderen gespielt wird. Diese andere, Marie Bäumer, fand das übrigens auch lange Zeit – aber nicht mehr bei diesem Film. Emily Atef ist auch eine gute Regis­seurin – um all das geht es nicht, sondern um die Frage, ob und warum eigent­lich alles verfilmt werden muss. Muss es nicht! Lieber authen­ti­sche, neue Geschichten erfinden, etwas riskieren, als auf Nummer sicher reiten, als jeden Best­seller verfilmen und eine schöne Leiche nach der anderen ausschlachten. Das ist Zynismus oder Gedan­ken­armut. Das ist nicht zuletzt die Risi­ko­angst der deutschen Förder­funk­ti­onäre, die sich dann wieder wundern, warum sich inter­na­tional keiner für deutsche Filme inter­es­siert.

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Mehr als 40.000 Zuschauer hatte 3 Tage in Quiberon bereits am ersten Woche­n­ende. Das ist sehr schön für den Verleih Prokino und die Regis­seurin, und wahr­schein­lich auch schön für die Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein. Ob es auch fürs deutsche Kino schön ist, auf lange Sicht, da bin ich mir weniger sicher.
Möchten wir uns denn ein deutsches Kino vorstellen, dass nur noch Geschichten aus dritter, vierten Hand erzählt? Die in der Verganhgen­heit spielen, die Mythen der Vergan­gen­heit repro­du­zieren, aus Mangel an gegen­wär­tigen? Die Verfil­mung eines Buches, in dem zwei Männer über eine Begegnung vor bald vierzig Jahren schreiben, die seiner­zeit auch schon ihre Karriere hinter sich hatte?
Welches deutsche Schau­spie­le­rin­nen­schicksal wird man in vierzig Jahren verfilmen? Heike Makatsch? Veronika Ferres? Geh, bitte!

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Das Film­fes­tival von Cannes provo­ziert Diskus­sionen. Uner­war­tete, inter­es­sante. Diskus­sionen über das Kino, nicht über Festi­val­leiter, Zahl und Qualität der Filme oder die Frage, ob nur ein Publi­kums­fes­tival ein gutes Festival ist.
Zuletzt saßen wir in Istanbul zusammen, immer im Blick der Berlinale-Dele­ga­tion, die eine Eiswand aus (zur Abwechs­lung mal ganz esote­risch) »schlechter Energie« zwischen sich und allen anderen errichtet hatte, die nicht nur mir auffiel. Wir, das waren dieje­nigen türki­schen Kollegen, die auch nach Cannes fahren, die fürs Istan­buler Festival arbeiten, die das türkische Auto­ren­kino schätzen, und ein paar Gäste aus Europa, die zu Gast waren.
Ob der Netflix-Bann gut sei, war eine Frage. Ich bin da weniger sicher, als vor ein paar Wochen. So sympa­thisch es mir ist, auf dem Kino als Abspielort zu beharren, so sehr gibt mir ein anderes Argument zu denken. Es stammt von Christian Jungen, Kultur­chef der NZZ. Cannes sei, sagte er mir in einem Gespräch, das wir größ­ten­teils öffent­lich auf zwei Podien während des Frank­furter »Lichter«-Filmfests führten, seit jeher der privi­le­gierte Ort des Auto­ren­films. Man pflege und entdecke Filme­ma­cher, und das kompro­misslos. Jetzt plötzlich mache Cannes nicht den »Auteur« und sein Werk zum Kriterium, sondern Produk­tions- und Abspiel­ver­hält­nisse. Entschei­dend sei aber doch die Qualität des Films und nur sie, nicht, ob, wann und wie er ins Kino komme.
So mache sich Cannes eher abhängig von einem US-Studio und von fran­zö­si­schen Verlei­hern. Es gehe aber darum, zu entdecken und Loyalität zu erweisen. Warum Scorsese ablehnen, wenn er einen guten Film gemacht hat?

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.