15.02.2018
Berlinale 2018

Generation Kplus

Supa Modo
Einer der interessantesten, kraftvollsten Filme im Kplus-Programm: Supa Modo

„Märchen­hafte Wirk­lich­keiten, poetische Dialoge, formale Grenz­er­fah­rungen“ – Schlag­worte, die ein anspruchs­volles Film­pro­gramm signa­li­sieren, das für GENERATION ausge­wählt wurde, aufge­teilt in „Kplus“ (= Kinder von 6 bis 14 J.) und „14plus“.

Von Christel Strobel

Der Eröff­nungs­film von Gene­ra­tion Kplus aller­dings bleibt leider hinter diesen Ansprüchen zurück. Den Utrolige Historie Om Den Kæmpes­tore Pære (Die unglaub­liche Geschichte von der Riesen­birne; Regie: Philip Einstein Lipski, Amalie Næsby Fick, Jørgen Lerdam, Dänemark; empfohlen ab 8 J.) ist ein aufwän­diger Anima­ti­ons­film, dessen Geschichte ganz originell beginnt, die aber einen immer mons­trö­seren Verlauf nimmt. Der Film basiert auf dem gleich­na­migen Kinder­buch des dänischen Autors und Kari­ka­tu­risten Jakob Martin Strid und erzählt das Abenteuer vom Elefanten Sebastian und Kater Mika, die beim Angeln eine Flaschen­post mit einem geheim­nis­vollen Samenkorn finden. Die Freunde setzen es in die Erde und über Nacht erwächst daraus eine Birne, die ihr ganzes Haus fast erdrückt. Die Flaschen­post hat aber auch noch einen Brief des beliebten Bürger­meis­ters enthalten, der vor kurzem spurlos verschwunden ist, so dass jetzt der größen­wahn­sin­nige Rivale freie Fahrt hat und droht, den sonnigen Ort am Meer durch den Bau eines über­di­men­sio­nierten Hoch­hauses in ein dunkles Loch zu verwan­deln. Die Riesen­birne erweist sich plötzlich als Schiff und schon finden sich der ängst­liche Sebastian und der wasser­scheue Mika samt einem völlig deplat­zierten „verrückten Professor“, der auch noch den Namen Glycose trägt, auf der Fahrt zu einer geheim­nis­vollen Insel, wo sie hoffen, den Bürger­meister zu finden. Das „rasante Abenteuer“ mit Piraten, See- und Luft­mons­tern entwi­ckelt sich zum gigan­ti­schen Farben­rausch, das Augen und Ohren stra­pa­ziert und immer mehr vom Zauber des Anfangs verliert.

Ebenfalls aus Dänemark kommt Cirkeline, Coco Og Det Vilde Næsehorn (Cirkeline, Coco und das wilde Nashorn). Altmeister Jannik Hastrup, seit 1985 regel­mäßig im Kinder­film­pro­gramm der Berlinale, stellt mit seinem 60-minütigen Zeichen­trick­film zum vierten Mal ein Abenteuer der kleinen Cirkeline vor. Eine schöne Ausgangs­idee – Cirkeline und ihre Mäuse­freunde reisen mit Prin­zessin Coco und dem zickigen kleinen Nashorn in deren Heimat Afrika und lernen eine ihnen fremde Welt kennen – kann aller­dings nicht ganz über­zeugen, denn die Figuren sind etwas bieder geraten und die Geschichte nicht stringent genug erzählt.

Gordon Och Paddy (Gordon und Buffy; Regie: Linda Hambäck, Schweden) – der dritte Anima­ti­ons­film unter den 14 Lang­filmen von Kplus – ist ein rundum gelun­gener Zeichen­trick­film und mit seinen 65 Minuten für jüngere Kinder gut geeignet, wobei sich auch Eltern amüsieren können. Erzählt wird von Gordon, dem gutmü­tigen Frosch­kom­missar (Stimme: Stellan Skarsgård) und Hüter des Waldes, der seines Amtes langsam müde geworden ist. Da kommt ihm die arme Waldmaus Buffy – wie sich heraus­stellt klug und clever – als Assis­tentin gerade recht. Nun verfolgen sie gemeinsam den Nuss­dieb­stahl, den die hyste­ri­schen Hasen angezeigt haben, und schützen die Wald­be­wohner vor dem Fuchs. Schließ­lich übergibt der amtsmüde Gordon seinen Posten an Buffy, die hoch­mo­ti­vierte Waldmaus, die bald ihre erste Bewäh­rungs­probe am Fuchsbau bestehen muss. Das ist alles farben­froh gezeichnet, die Tiere sind liebevoll charak­te­ri­siert und immer wieder ist die Geschichte mit stim­mungs­vollen Details ange­rei­chert, wie beispiels­weise kleine Fenster, die am Abend in den Baum­stämmen zu leuchten beginnen und eine atmo­s­phä­ri­sche Wald­land­schaft zaubern. „Gordon und Buffy“ könnte auch das Kinder­kino hier­zu­lande berei­chern.

Mit CERES (Regie: Janet van den Brand, Belgien/Nieder­lande; empfohlen ab 12 J.) ist ein Doku­men­tar­film vertreten, der einen Blick in den Alltag von vier Kindern in der Land­wirt­schaft gewährt. Die Kamera kommt ihnen in Hof und Feld sehr nah: Geburt eines Kälbchens, Mitarbeit im Schwei­ne­stall, Mithilfe beim Aufstellen der großen Stroh­ballen auf dem Feld. Janet van den Brand arbeitet in ihrem doku­men­ta­ri­schen Lang­film­debüt sehr gut die Unter­schied­lich­keit der elf-, zwölf­jäh­rigen Kinder heraus: Koen, ein sensibler Junge, liebt und pflegt die kleinen Ferkel, strei­chelt sie und ist traurig, als der Stall leer ist, nachdem die Schweine zum Schlachthof gefahren wurden. Sven hingegen liebt Compu­ter­spiele, hilft am elter­li­chen Hof mit, meint aber: „In der Schule rede ich mit keinem über meine Erleb­nisse auf dem Hof, das inter­es­siert doch keinen, wozu dann darüber erzählen.“
In Daan hingegen sieht man schon den künftigen Bauern, der mal die Land­wirt­schaft über­nehmen wird, während Jeanine sich mehr ihrem Aussehen und anderen Dingen zuwendet und an der Land­wirt­schaft eher geringes Interesse hat. Indem die Kamera immer ganz nah dran ist und sich auf die Betrach­tungen, Gedanken und Gefühle der vier Kinder konzen­triert, wird eine persön­liche Beziehung zu ihnen herge­stellt und Stadt­kinder lernen eine weniger oder ganz unbe­kannte Welt kennen. Ande­rer­seits verengen die Nahauf­nahmen das Bild, es fehlt ein Überblick, was Land­wirt­schaft an Arbeit im Gesamten bedeutet, wie ein Bauernhof funk­tio­niert. Der Doku­men­tar­film CERES vermit­telt einen Ausschnitt, den aller­dings mit Empathie und Poesie.

Vom Land mitten in die Großstadt Paris führt Allons Enfants (Cléo & Paul, Regie und Buch: Stéphane Demous­tier, Frank­reich, empfohlen ab 7 J.). Cléo ist drei­ein­halb, aufge­weckt und spielt am liebsten Verste­cken im Park, wo ihr kleiner Bruder sie suchen muss. Doch diesmal findet er sie nicht, und die Tages­mutter ist mit den beiden lebhaften Kindern offen­sicht­lich über­for­dert. Auch Cléo, der der Film jetzt folgt, kennt sich nicht mehr aus, gerät in eine Menschen­menge, die im Pokémon-Rausch durch den Park eilt und keinen Blick für das kleine Mädchen hat. Auf der weiteren Suche kommt Cléo durch einen Verg­nü­gungs­park und auf die angren­zende Straße. Dort gesellt sie sich zu einer jungen Frau, die offen­sicht­lich auch ein Problem hat, wie ihr Gespräch am Mobil­te­lefon erkennen lässt. Ziel­strebig sucht Cléo deren Nähe und Schutz, und die beiden „Verlo­renen“ machen neue Erfah­rungen. Auch Paul findet sich – an anderer Stelle, aber alles nicht so weit vonein­ander entfernt – allein zwischen Kindern wieder. Irgend­wann sieht man von Ferne, dass beide Kinder behutsam in ein Auto mit Blaulicht geführt werden. So geht diese geradezu märchen­hafte Odyssee durch die pulsie­rende Großstadt zu Ende.
Was am meisten an diesem unge­wöhn­li­chen „Kinder­film“ beein­druckt, ist das unbe­fan­gene, natür­liche Spiel der Kinder, insbe­son­dere des Mädchens Cléo, was ein Blick auf die Besetzung erklärt, da es sich um die beiden Kinder des Regis­seurs Stéphane Demous­tier handelt.

Auf sich gestellt ist auch der zwölf­jäh­rige Tomás in dem ab 12 J. empfoh­lenen Film Mochila De Plomo (Blei­ruck­sack, Regie: Darío Mascam­broni, Argen­ti­nien). Er lebt in schwie­rigen Fami­li­en­ver­hält­nissen, sein Vater lebt nicht mehr, seine Mutter kümmert sich nur spora­disch um ihn. Als der vermeint­liche Mörder seines Vaters aus dem Gefängnis kommt und der Wirt aus diesem Anlass ein Essen für ihn und seine Freunde gibt, ist Tomás entschlossen, mit dem Entlas­senen abzu­rechnen. Er hat die geladene Pistole vom Bruder seines Freundes im Rucksack. Tomás hört zwar noch vom Großvater, dass sich der Vater, nachdem er in schlechte Gesell­schaft geraten ist, selbst umge­bracht und dass Tomás’ Mutter auch Schuld daran hat, was zur Konfron­ta­tion zwischen dem Jungen und der Mutter führt. Die Begegnung aber des zu allem entschlos­senen Jungen mit dem vermeint­li­chen Mörder endet in einem klärenden, ruhigen Gespräch. Wieder zu Hause, erwartet die Mutter ihren Sohn – das Ende ist hoff­nungs­voll. „Blei­ruck­sack“, ein span­nender wie präzise erzählter Film über exis­ten­zi­elle Fragen wie Vergel­tung, Wider­sprüche, Offenheit ebenso wie über eine Mutter-Sohn-Beziehung, beein­druckt durch die redu­zierte, aufs Wesent­liche gerich­tete Gestal­tung und wirkt noch lange nach.

Einer der inter­es­san­testen, kraft­vollsten Filme im Kplus-Programm ist der von Tom Tykwer mitpro­du­zierte und in Kenia entstan­dene Supa Modo (Regie: Likarion Wainaina, Deutsch­land/Kenia, empfohlen ab 9 J.), obwohl ein schweres Thema der Ausgangs­punkt ist: Die neun­jäh­rige Jo ist an Leukämie erkrankt, liebt Action­filme und möchte gerne selbst eine Super­heldin sein. In ihrem Zimmer in der Kinder­klinik hängen Plakate ihrer Lieb­lings­helden. Eines Tages kommt Jos resolute Mutter und setzt durch, dass ihre Tochter die Zeit, die noch bleibt, nicht in der Klinik, sondern zu Hause verbringen kann. Dort, in der länd­li­chen Umgebung, gibt es aller­dings für das lebens­frohe Mädchen nicht viel, denn die anderen Kinder sind in der Schule und die einzigen Abwechs­lungen bieten das örtliche Kino – schon in der Klinik gab es Film­vor­füh­rungen – und Fußball, aber sie soll sich ja nicht zu sehr anstrengen. In dieser unsi­cheren Situation regt Jos Schwester ein wunder­bares Spiel an, indem sie Jo ermuntert, an ihre magischen Kräfte zu glauben und animiert schließ­lich das ganze Dorf, einen „Super­helden-Film“ mit Jo in der Haupt­rolle zu drehen. Es wird Jos letzter Auftritt und die Auffüh­rung des Films, der dies auch doku­men­tiert, wird für alle, auch für die zunächst ableh­nende Mutter, ein bewe­gendes Erlebnis. Der kenia­ni­sche Regisseur Likarion Wainaina schafft es spielend, Sympathie für die Akteure zu empfinden und ihre Menta­lität kennen­zu­lernen: Sehr direkt im Umgang mitein­ander, die klar sagen, was sie vonein­ander denken, impulsiv sind, dann löst sich wieder alles in Lachen auf – herzlich gelacht wird viel, das bleibt als Eindruck dieses bei aller Tragik opti­mis­ti­schen Films.

GENERATION 2018 ist bereits die 41. Ausgabe dieser Sektion der Berlinale. Ange­fangen hat alles 1978 – damals als „Kino für Leute ab sechs“ – und hieß danach bis 2006 schlicht „Kinder­film­fest“, ab 2004 mit dem Zusatz „14plus“. Im Laufe von 30 Jahren wurden außer­ge­wöhn­liche Kinder­filme aus der natio­nalen und vor allem inter­na­tio­nalen Film­pro­duk­tion präsen­tiert und ausge­zeichnet. Es waren heraus­ra­gende Beispiele, die die Einstel­lung zum Kinder­film in der Öffent­lich­keit positiv prägten.

Ab 2007 wurde unter dem Begriff „Gene­ra­tion“ das Programm fürs junge Publikum erheblich erweitert und klar geteilt in Kplus und 14plus. Diese Maßnahme schlug seiner­zeit erst mal Wellen und sorgte für Diskus­sionen unter den Fach­be­su­chern. Den Kindern war’s und ist’s egal. Sie kommen ins Kino, um einen tollen Film zu sehen.

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