08.02.2018
Berlinale 2018

Zynische Zombies

Dana LInssen Jan Pieter Ekker
Kosslick steht unter Beobachtung…

Schluss mit lustig: Auf seiner vorletzten Berlinale-Programm­pres­se­kon­fe­renz zeigt sich der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick gekränkt, jammert über böse Spaß­bremsen und liefert eine schamlose One-Man-Show

Von Rüdiger Suchsland

Die Programm-Pres­se­kon­fe­renz der Berlinale – seit Jahren ist sie unter Berliner Jour­na­listen gefürchtet. Selten unter zwei Stunden lang, wird dort endlos geredet, die Leiter der rund zwei Dutzend Sektionen stellten das Programm vor, dann am Ende, wenn alle ermüdet sind, gibt es zwei, drei Fragen – aber wer da eine Woche vor Eröffnung des Festivals noch echte Neuig­keiten erwartet, ist am falschen Ort. Eher geht es um die Art des Auftritts. Alles ist Zeichen und Perfor­mance in der Berliner Medi­en­welt, und wer genau hinschaute, dem verriet die gestrige Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz eine ganze Menge – allemal über die Befind­lich­keiten des bald schei­denden Direktors.

»Wir haben uns seit unserem letzten Festival Gedanken gemacht über unsere Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel. Auch diese Programm­kon­fe­renz ist in neuem Gesicht keine Stühle auf der Bühne, keine Talk-Show-Situation.«

Das waren die aller­ersten Sätze am Dienstag. Wie sonderbar und wie bemer­kens­wert, eine Pres­se­kon­fe­renz mit einer Nachricht zur Kommu­ni­ka­tion und Pres­se­ar­beit beginnen zu lassen.

Aber medi­en­be­wusst, das war die Berlinale unter diesem Direktor schon immer. Das galt auch für die gestrige, seine 17 Programm­pres­se­kon­fe­renz, der vorletzten, denn im Februar kommenden Jahres wird Kosslicks Vertrag nicht mehr verlän­gert. Und das wollte er alle spüren lassen. Oder er konnte nicht anders. Jeden­falls reagierte er wie eine belei­digte Leber­wurst auf Kritik, zeigte Wirkung, wurde endlich einmal ernst (was nach so vielen Jahren natürlich ziemlich lächer­lich wirkt).
Müde, schlecht gelaunt, beleidigt, strafte er die Jour­na­listen mit Show­ver­zicht ab.

Alles, wie gesagt, war Zeichen, Perfor­mance, Auftritt und Geste: Keine Stühle, sondern ein Pult. Der schwarze Anzug des Direktors. Der Verzicht auf den Roten Schal, sein Marken­zei­chen im letzten Jahrzehnt.
Und vor allem: Statt wie immer sein Team vorzu­stellen, und mit zwölf oder mehr Sekti­ons­lei­tern auf der Bühne Diver­sität zumindest zu behaupten, stand Kosslick gestern ganz allen auf der Bühne, nur begleitet von Thomas Hailer, der im Orga­ni­gramm des Festivals als »Berlinale-Kurator« geführt wird, praktisch gesehen eine Art Stabschef und de facto Graue Eminenz und Nummer Zwei. Wachsam ergänzte dieser Haus­hof­meister die Ausfüh­rungen des Chefs ergänzte, korri­gierte milde.

Viel­leicht war es ja eine unbe­wusste Geste, aber es war auch eine sehr spre­chende: Gerade in dem Moment, in dem das Ende des Regiments von Dieter Kosslick am Horizont der Berlinale sichtbar wird, in dem man sagen kann: Es geht endlich nicht mehr um eine Person, leistet sich der Berlinale-Direktor eine schamlose One-Man-Show.

Erkennbar reagierte Kosslick auf die Kritik der über 80 Regis­seure an seiner Direktion und Film­aus­wahl. Gefragt, mit welchen Gefühlen er in seine vorletzte Berlinale gehe, antwor­tete er:
»…ja mit welchen Gefühlen… Gut… Man wird nicht mehr so viele Witze reißen, denn die Spaß­bremsen möchten das ja nicht…«

Die bösen Spaß­bremsen sind also schuld.

Zugleich zeigte die Pres­se­kon­fe­renz auch in den Fragen der Medi­en­ver­treter, die tiefer liegenden Probleme der Berlinale, des selbst­er­nannten Publi­kums­fes­ti­vals, dass sich auch seine höfischen Jour­na­listen erzogen hat: Keine Frage zum Wett­be­werb als solchem, eine Frage zum polni­schen Wett­be­werbs­film (natürlich von einem polni­schen Jour­na­listen), sie wurde von Hailer beant­wortet, und eine Frage zum »roten Faden« (»gibt keinen«, sagte Kosslick). Dann eine Frage zum »Kuli­na­ri­schen Kino«, über die wir ob ihrer Banalität das Leichen­tuch des Schwei­gens breiten wollen, und eine kaum span­nen­dere Frage zu »Berlinale goes Kiez«.
Es geht nie um Kunst bei diesem Kunst­fes­tival, auch nicht in den Fragen der Jour­na­listen. Es geht nie um die Form, um Stil, um neue Film­spra­chen oder gar um das Doppel­sin­nige und Irri­tie­rende guter Kunst.

»Kunst, das ist die Lüge, die die Wahrheit sagt.« – So einen Satz würde man von Kosslick nie hören. Besten­falls noch geht es im Berlinale-Programm ums Eindeu­tige, um will­fäh­rige Filme, und um den Punkt, an dem sich das Kino in poli­ti­sche und soziale Botschaften über­setzen, die Unklar­heit der Kunst in die Klarheit eines Manifest ummünzen lässt.
Das heißt: Es geht auf der Berlinale um Flücht­linge – mindes­tens fünf Filme haben das Thema.

Das heißt auch: Es geht um »Me Too«. Natürlich sei er gegen Gewalt, Miss­brauch, Sexismus, ließ Kosslick erklären, inter­es­san­ter­weise wieder durch seinen Stabschef, der eine vorbe­rei­tete Erklärung vom Blatt ablas – als ob man so etwas eigens dazusagen müsste. Muss ein Festi­val­di­rektor bald auch noch öffent­lich verkünden, dass er Mord und Folter ablehnt, quasi zur Sicher­heit, falls es Zweifel gibt?

Die Soli­da­rität der Berlinale mit Opfern des Sexismus geht dann aber doch nicht sehr weit. Sie hat ihre Grenzen dort, wo man das Schau­spie­le­rinnen-Schau­laufen in leich­tester Kleidung auf dem roten Teppich wenigs­tens zum Thema machen könnte. Zum Beispiel indem man die Sponsoren und Agen­tinnen der »Talents« auffor­dert, sich für einen anderen Dresscode einzu­setzen.
»Nobody's Doll« heißt die entspre­chende Initia­tive der Schau­spie­lerin Anna Brüg­ge­mann, die die Darstel­le­rinnen selbst in die Verant­wor­tung nimmt, und auf die die Berlinale aber nur zu sagen hat: Jede solle sich halt anziehen, wie sie wolle – als ob man im harten Showbiz immer die Wahl hätte.
»Ich werde auf keinen Fall eine Frau in flachen Schuhen zurück­weisen, und keine Männer in High Heels.«

Und »Pro Quote Film« spielt dieses zynische Spielchen mit, veran­staltet auf und mit der Berlinale das »Pro Quote Bubble« und bietet dem Festival dadurch ein billiges Feigen­blatt. Man behauptet bei »Pro Quote Film«, man wolle der Männer­macht die Stirn bieten – aber man kungelt mit dem Berlinale-Direktor und der etablierten Politik.
Bisher habe ich kein Wort zu jener vom »Missy«-Magazin initi­ierten, aber schnell durch Kosslick-Inter­ven­tionen unter­drückten, Nachfrage nach Sexismus und Rassismus auf der Berlinale gehört.

Aber es ändert nichts daran: Die Berlinale wie sie heute ist, sieht schon sehr alt und vergangen aus, sie hat keine Zukunft mehr. Die Berlinale war mal etwas, und sie muss wieder was werden. Zur Zeit aber ist Zwischen­zeit angesagt, ein Leerstand zwischen Gestern und Morgen.

Wie denn eine Berlinale-Zukunft aussähe, wurde der Lang­zeit­di­rektor auch noch gefragt:

»Also, wenn Sie mich fragen, für mich ist die Geschichte durch. Das ist der Stand der Dinge – mehr kann ich dazu nicht sagen.«

Eine inhalt­liche Bank­rotter­klä­rung – die Berlinale der Zukunft wird nun daran arbeiten müssen, nicht nur viele Filme zu zeigen, sondern die Kunst des Kinos und seine Künstler wieder sichtbar zu machen.
Denn worum geht es bei einem Film­fes­tival? Um Sicht­bar­keit. Sicht­bar­keit der Filme. Bei einem Festival das 400 Filme zeigt, ist jeder einzelne Film also nur ein Viertel so viel wert, wie wenn er auf einem Festival läuft, dass sich auf 100 Filme beschränkt. Dort hat der einzelne Film viermal so viel Chance auf Aufmerk­sam­keit. Die Person des Direktors muss im Vergleich zu den Filmen wieder unwichtig werden.

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