22.09.2017
65. Festival Internacional de Cine de San Sebastián

Katalanische Eröffnung

Lemkes Making Judith
San Sebastian 1973: Pressekonferenz mit Orson Welles (© Archivo Festival)

»Un ano mas« – Notizen aus San Sebastián, Folge 1

Von Rüdiger Suchsland

»Such were the days, still, hot, heavy, disap­pearing one by one into the past, as if falling into an abyss for ever open in the wake of the ship; and the ship, lonely under a wisp of smoke, held on her steadfast way black and smoul­de­ring in a luminous intensity, as if scorched by a flame flicked at her from a heaven without pity.«
Joseph Conrad, »Lord Jim«

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»Un ano mas« begrüßt mich die nette Redak­teurin bei RTVE. RTVE ist das nationale, regional aufge­teilte spanische Radio, vergleichbar mit ARD, die haben zwei profes­sio­nelle Studios. Als ich komme, ist gerade das Fern­seh­team da, man filmt sich selbst und mich jetzt auch als »inter­na­tio­naler Besucher«, um zu zeigen, wie hier gear­beitet wird.
»Un ano mas« – das ist eine gute Nachricht, denn es heißt, wir leben, es geht weiter, und das die Tage dahin­gehen lautlos, einer nach dem anderen in Vergan­gen­heit sich verwan­deln, ist nicht das Schlech­teste, so lange die »luminous intensity«, von der Conrad schreibt, weiter­brennt.
Die Fest­stel­lung ist zugleich natürlich die resi­gnie­rende Einsicht, dass die Jahre vergehen. Sie drängt sich bei einem Film­fes­tival ganz besonders auf, so wie man sie auch nirgendwo besser vergessen kann.

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»Espana es diferente«, »Spanien ist anders« – so warb vor vielen Jahren das spanische Touris­mus­mi­nis­te­rium um Billig­flug­tou­risten aus Deutsch­land. In den Betten­burgen der Costa del Sol gab es Flamenco und schweren Rotwein, in der nächsten Stadt am Woche­n­ende Stier­kampf. Die Zeiten solchen Spani­en­ur­laubs sind vorbei, der Rotwein leichter und über Stier­kampf wird auch in Spanien debat­tiert – was nicht unbedingt ein gutes Zeichen, sondern viel­leicht nur die neoli­be­rale Ideologie ist, die in ganz Europa alles Störende tilgen will: Rauchen, fran­zö­si­schen Käse, Stier­kampf – puri­fi­ca­ción nannte man das unter Franco.
Aber bevor wir abschweifen: Wir wollten ja eigent­lich etwas anderes sagen. In der Welt der Film­fes­ti­vals macht der alte Slogan nämlich immer noch Sinn. San Sebastián ist anders!!

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Das Film­fes­tival in der nord­ost­spa­ni­schen Haupt­stadt des Basken­landes ist das quali­tativ viert­wich­tigste der Welt. Inter­es­santer und weniger chaotisch als Locarno, über­sicht­lich, nicht ausschließ­lich auf Film­nach­wuchs fixiert – ein Global Player, der über 200 Filme zeigt, in zwei Wett­be­werben Preise vergibt, Regie-Altmeis­tern wie Anges Varda und Stars wie in diesem Jahr Monica Bellucci, James Franco, Glenn Close und John Malko­vitch auf den Roten Teppich holt.
Im Gegensatz zu anderen großen Film­fes­ti­vals ist dieses Festival kein abge­schlos­sener und abge­ho­bener Betrieb, sondern ein Festival, das mitten in einer – wunder­schönen – Stadt statt­findet, und es trotzdem nicht nötig hat, sich als »Publi­kums­fes­tival« halb anzu­bie­dern, halb zu vermarkten. Denn hier gibt es niemanden, der maso­chis­tisch fünf Stunden für irgendein Ticket ansteht, und sich gerade deshalb noch toll dabei findet. Man bekommt auch eine halbe Stunde vor Beginn noch für vieles Karten, trotzdem sitzt man in gut gefüllten Häusern gemischt zwischen Berufs-Cine­philen und stink­nor­malen Kino­gän­gern.

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Im Gegensatz zu Cannes, Venedig oder Locarno hat man hier auch nie das Gefühl, die übrige Welt komplett hinter sich zu lassen, und zehn Tage in einem eigenen Orbit zu verbringen – allein über die innen­po­li­ti­schen spani­schen Ereig­nisse, den Basken­kon­flikt, der einem früher an jeder Ecke begegnete, um den es in den letzten Jahren aber ruhiger geworden ist, und über die derzei­tige scharfe Debatte um das von den Natio­na­listen geplante, aber verfas­sungs­wid­rige Unab­hän­gig­keits­re­fe­rendum in Kata­lo­nien wird man hier vielmehr tagtäg­lich intensiv auf den Boden der Tatsachen zurück­ge­holt, das Poli­ti­sche und das Ästhe­ti­sche, das Kino und das Leben sind in San Sebastián nicht zu trennen.

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Dazu gehört, dass fast immer während ich hier bin, die Bundes­tags­wahl statt­findet. Eine große Erholung ist allein schon, dass man sich den Schwach­sinn nicht im Fernsehen angucken muss.
Ich hoffe vor allem aufs Ende der GroKo am Sonntag, fürchte aber, dass es so weiter­geht – was ich mir eigent­lich klamm­heim­lich wünsche, das ist eine absolute Merkel­mehr­heit, nur das und nichts anderes wäre für sie der Supergau. Man könnte Angela Merkel nichts Schlim­meres antun, als sie mit Horst Seehofer und Jens Spahn allein zu lassen.

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San Sebastián ist auch mein Lieb­lings­fes­tival. Könnte ich mir eine Stadt unter den vielen aussuchen, in denen Film­fes­ti­vals statt­finden, um dort ein Jahr zu verbringen, würde ich wohl San Sebastián wählen, trotz Venedig. Es ist weniger Kulisse, die Luft ist besser, das Essen auch, und vor allem sind die Spanier alles in allem natürlich viel ange­nehmer.

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Am Vorabend ist San Sebastián aber vor allem viel Orga­ni­sa­tion: Fahrrad holen, Akkre­di­tie­rung, Inter­net­gut­haben besorgen, einkaufen, Hotel beziehen und dann den Katalog lesen.
Nebenbei läuft in allen Lokalen Fußball: Real Sociedad San Sebastián verliert und steht nach gutem Start wieder im Mittel­feld – die eigent­liche Sensation ist aber, das Real Madrid noch keines seiner drei Heim­spiele gewonnen hat. Am Mittwoch verloren sie gar gegen das sympa­thi­sche Durch­schnitts­team von Betis Sevilla – eine Sensation.
In ein paar Stunden wird das Film­fes­tival eröffnet. Es ist die 65. Ausgabe. Und es ist das erste inter­na­tio­nale Film­fes­tival seit langem, das einen deutschen Eröff­nungs­film hat: »Submer­gence« von Wim Wenders. Den werden wir später sehen und bespre­chen.

(to be continued)

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