21.05.2017
70. Filmfestspiele Cannes 2017

Portrait eines lächer­li­chen Mannes

Ruben Östlunds THE SQUARE
Ruben Östlunds The Square
(Foto: Alamode Film – Fabien Arséguel e.K. / Die FilmAgentinnen GmbH i.G.)

Royal mit Kunst: Upgrades allerorten, aber wo ist der Gelbe Punkt? Cannes-Notizen, 6. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»What is the point?« – »There is no point.«
Aus: »The Square« von Ruben Östlund

Am Freitag ist mir etwas passiert, was mir noch nie passierte in all den Jahren, die ich nun auch schon nach Cannes komme: Kurz nach acht Uhr morgens wollte ich mich gerade vor dem Palais in meine Jour­na­listen-Schlange einreihen, da merkte ich, dass ich mein Badge im Zimmer vergessen hatte. Von wegen gemüt­li­cher Start und noch ein bisschen Lesen vor dem Kino, ich musste noch einmal ganz schnell zurück auf das Zimmer und dann wieder hierher. Glück, dass das Zimmer, das ich nun schon im fünften Jahr miete, nur etwa zehn Minuten Fußweg entfernt liegt, bergauf. Bergab, also zurück zum Festival-Palais kann man es sogar in fünf Minuten schaffen – und tatsäch­lich war ich so gerade noch recht­zeitig wieder da und im Kino. Es war dann die Okja-Vorstel­lung, die ich um ein Haar verpasst hätte.

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Am gleichen Abend habe ich dann den bisher besten Film im Wett­be­werb gesehen: Es ist tatsäch­lich der, auf den ich auch am Anfang gewettet hatte, The Square von dem Schweden Ruben Östlund. Östlund, dessen Filme von dem unter anderem in Berlin ansäs­sigen fran­zö­si­schen Produ­zenten Philippe Bober (Copro­duc­tion Office) produ­ziert werden, ist ein alter Cannes-Bekannter. Aber im Wett­be­werb war er noch nie: Invol­un­tary lief 2008 in Un Certain Regard, Play gewann 2011 in der Quinzaine einen Preis. Und bereits der ganz groß­ar­tige Höhere Gewalt, der 2014 wieder in »Un Certain Regard« lief, und dort einen der Preise gewann, hätte eigent­lich in den Wett­be­werb gehört.

Östlunds in der schönen Regel­mäßig­keit von drei Jahren entste­hende Filme sind auch sonst sehr kontrol­liert, und atmen durchaus jene Autoren­fil­mäs­thetik der cleanen, leicht etwas zu kühlen Bilder, und der langen Einstel­lungen, und sehr langen Szenen, die leicht zur Masche geraten kann.

Was dafür sorgt, dass sie es nicht tut, ist der Humor des Regis­seurs. Diesen Humor, der kritisch ist, aber nie herzlos, der von Ironie geprägt ist, verbindet Östlund mit einer mora­li­schen... mehr Infra­ge­stel­lung als Kritik seiner Figuren. Diese stammen aus dem Mittel­stand, dem gebil­deten, wohl­ha­benden Bürgertum, und viel­leicht es das, was den Schweden so viel sympa­thi­scher macht, als etwa den im letzten Text erwähnten Russen Andreij Zvyag­intsev: Seine Filme handeln immer von ihm selber, er blickt nie von oben auf die kleinen dummen Ameisen da unten herab.

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The Square handelt von Männ­lich­keit, von Moral und mora­li­scher Verant­wor­tung, und von Vertrauen. Das »typisch Schwe­di­sche« hieran ist, wenn man so will, dass er der Entfal­tung mora­li­scher Konflikte viel Raum einräumt, und dass seine Figuren tatsäch­lich moralisch sind, moralisch handeln wollen, und darum immer mit sich selbst hadern.

Der Film arbeitet mit bestimmten lange ausge­spielten Szenen, die sich dann zu einem Portrait fügen. Dem Portrait eines lächer­li­chen Mannes. Die Haupt­figur ist ein Kunst­ku­rator. Er heißt Christian. Von Anfang an, und gerade in der ersten Hälfte des Films wird er, so scheint mir, der Lächer­lich­keit preis­ge­geben. Wir sollen ihn, zumindest am Anfang nicht mögen. Er ist ein Hoch­stapler, ein absolut nicht-authen­ti­scher Mensch, der selbst Spon­ta­nität insze­niert. Erst mit der Zeit kommt er uns näher, schon weil wir viel­leicht doch in Christian uns selbst erkennen.

Wir begleiten ihn durch ein paar Arbeits­tage. In präzisen, spre­chenden Momenten und Erleb­nissen folgen wir ihm, erkennen wir seine Doppel­moral und bemerken zugleich wie diese erschüt­tert wird. The Square ist auch eine Komödie der modernen Gesell­schaft, insbe­son­dere der schwe­di­schen, mit ihren Illu­sionen von Demo­kratie, von Gerech­tig­keit, mit ihrem schlechten Gewissen.
Es ist eine Komödie der poli­ti­schen Correct­ness.

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Eine Diskus­sion Chris­tians in einem anderen Museum wird aus dem Publikum immer wieder gestört: »Shit!« »Cunt!!« »Garbadge!!!« »Show your boobs!« Dann meldet sich eine Dame: »Sorry! My husband has Tourette«. Es geht so weiter. Die Frage, warum man den Mann nicht einfach raus­schmeißt, steht im Raum, aber sie wird nie gestellt. Statt­dessen pein­li­ches Schweigen. Alle sind gestört, aber blicken nur betreten zu Boden, lachen. Die Frau: »The atmo­sphere is stressing him out.« Dann steht einer auf: »Please be tolerant. Show more tolerance.«
Östlund ironi­siert hier eine voll­kommen über­trie­bene Toleranz, den sozialen Selbst­mord aus Toleranz, aus Angst vor dem Tode.

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Der Film heißt so, weil Christian gerade eine neue Ausstel­lung eröffnet, die The Square heißt. Darin geht es um einen freien Raum, in dem alles möglich und nichts gewiss ist – ein Sinnbild auch für die Sinnleere moderner Kunst. Ein weiterer Erzähl­faden ist also der der Kunst überhaupt und der der modernen Kunst. Was ist Kunst? Was heißt moderne Kunst?

Ist etwas dadurch, dass es im Museum steht, Kunst?
Eine alte klas­si­sche Frage. Die aber dadurch aktua­li­siert wird, dass wir hier immer wieder, wie als running gag, Publikum im Wahr­nehmen von Kunst­werken erleben, dass wir sehen, dass moderne Kunst nicht zum Betrachter spricht, uns dass wir vom Film nahe­ge­legt bekommen über solche Beob­ach­tungen zu lachen.
Ein zweiter Running Gag: Das regel­mäßige Auftau­chen von Obdach­losen. Dazu läuft melan­cho­li­sche Strei­cher­musik. Christian gibt Obdach­losen kein Geld. Als er einmal einer Bettlerin anbietet »Aber ich kann ihnen was zu essen kaufen.«, sagt die zurück: – »Ok, Chicken Chiabatta!« – »Chicken Chiabatta?« – »Chicken Chiabatta. Ohne Zwiebeln.«

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Manches ist etwas billig: Wenn der Koch über sein Buffet redet, wie ein Künstler und ihm keiner zuhört. Oder wenn ein Reini­gungs­wagen, die zum Kunstwerk aufgehäuften Kiesel­steine nachts weg saugt, und das zum Versi­che­rungs­fall wird.
Tief­sin­niger aber ist die Geschichte eines provo­ka­tiven Clips für die sozialen Netzwerke, der zuerst das Ziel hatte, durch Provo­ka­tion Aufmerk­sam­keit zu gene­rieren – »at least we got people talking« – dann aber zum Opfer eines Kunst-Betriebs wird, der sich längst an die Macht des Geldes verkauft hat: »Do you think they will give money to all this?«

Was wir gerade tatsäch­lich erleben, ist in den Museen und Galerien (viel­leicht auch den Film­fes­ti­vals, vgl. die Netflix-Debatten), das Ende der Kunst im Kapi­ta­lismus. Gesell­schaft­lich erleben wir, auch das spricht Östlund im Schicksal seines Kurators an, das Ende der Meinungs­frei­heit.

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Bei einem Abend­essen unter dem Motto »Welcome to the jungle.« tritt ein Perfor­mance-Künstler als Affe auf und wird den reichen Gästen gegenüber gewalt­tätig. Östlund zeigt hier noch einmal weit über­trie­bene Toleranz für »das Andere«, eine Toleranz, die in die Selbst­de­mü­ti­gung einer Gesell­schaft mündet, die direkt der Gleich­gül­tig­keit und Nivel­lie­rung aller Geltungs- und Vernunft­an­sprüche folgt.

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»Do you trust other people?« heißt ein Kunstwerk, und Christian erklärt seinen Töchtern: »Früher hat man fremden Leuten noch vertraut. Heute hält man Erwach­sene erstmal für eine poten­ti­elle Bedrohung.« Unsere Gesell­schaft behauptet und prak­ti­ziert: Man soll anderen vertrauen. Aber sie weiß auch: Man kann anderen nicht vertrauen. Es tut auch keiner.
Es geht um Verant­wor­tung, aber es geht auch um das Scheitern der tole­ranten Gesell­schaft, der über­ver­ant­wor­tungs­vollen Gesell­schaft

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The Square ist ein unglaub­lich reich­hal­tiger Film, der in so einer Rezension nicht beschrieben und schon gar nicht ausge­schöpft werden kann. Ein Film, an dem wenig fehlt, und den ich gern noch mehr als einmal sehen werde. Aller­dings auch ein Film, der weniger »große Kino­mo­mente« hat, weniger »filmisch« ist, als er sein müsste, als Östlunds letzter Film Höhere Gewalt. Aber das ist ja gerade der Punkt sagt mir daraufhin Ronald vom »Filmkrant«, »dieser Film ist offener, weniger kontrol­liert, viel freier, darum ist er noch besser!« Viel­leicht...

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Die Badges (Akkre­di­tie­rungs­aus­weise) sind in Cannes mehr ein Thema als ande­ren­orts. Der Grund ist einfach: Es gibt bei den Akkre­di­tie­rungen ein Klas­sen­system. Bei den Markt­ak­kre­di­tie­rungen der Industrie (die aber nur in bestimmte Pres­se­vor­füh­rungen gehen können, in andere gar nicht, und die sich für die großen Premieren früh­zeitig Karten holen müssen, genau wie wir) stört das keinen, obwohl es moralisch betrachtet weitaus frag­wür­diger ist. Denn hier entscheidet über den Status vor allem, wie viel Geld einer zu bezahlen bereit und in der Lage ist. Große Firmen haben viele gute, kleine und arme Firmen wenig Akkre­di­tie­rungen.

Die meisten Jour­na­listen haben gelbe, blaue und rosa­far­bene. Die sind für tages­ak­tu­elle Bericht­erstatter, die blauen für Wochen-, Monats- und Film­zeit­ma­ga­zine, die gelben für alle anderen, orangene für die Photo­gra­phen. Im Prinzip. Ganz so stimmt es aber nicht, weil zum Beispiel Zeit und Spiegel als Tages­presse behandelt werden.

Dieser Akkre­di­tie­rung­s­tatus entscheidet darüber, wer zuerst rein­ge­lassen wird, wie schnell einer also im Kino ist. Je schneller, desto besser der Sitzplatz. Bei der ersten Vorstel­lung eines Films kommen viele gelbe nicht mehr rein. Ist die Vorstel­lung besonders begehrt, haben auch »Blaue« Probleme.

Je schlechter die Akkre­di­tie­rungs­farbe, umso früher muss man sich anstellen. Man verliert also Zeit mit Warten, muss morgens früher aufstehen. Zusätz­lich verkom­pli­ziert wird alles dadurch, dass es nicht etwa nur drei Klassen gibt, sondern genau genommen fünf. Einige sehr wenige Jour­na­listen haben nämlich weiße Ausweise. Das sind fast immer ältere, bekannte Kollegen, und aus jedem Land nur sehr wenig. Aus Deutsch­land hat es meines Wissens nur Verena Lueken von der FAZ. »Weiß« ist so etwas wie die Creme de la Creme der Cannes Akkre­di­tie­rungen. Und dann gibt es da den Gelben Punkt. »Pastille« genannt, befindet er sich auf einem kleinen Teil, gefühlt etwa zehn Prozent der rosa­far­benen Akkre­di­tie­rungen. Die Kollegen mit »rose pastille« stehen zusammen mit den Weißen in der Schlange, die als erstes in den Festi­valsaal einge­lassen wird. Wer warum und weshalb »rose pastille«-Status bekommt, ist für mich auch im fünf­zehnten Cannes-Jahr voll­kommen undurch­schaubar geblieben. Es hat etwas mit der Zahl der Cannes-Jahre zu tun, mit der Menge der Texte, die man über das Festival schreibt, und mit der Bedeutung des Mediums. Die Bericht­erstat­terin der »Zeit« hat zum Beispiel den Gelben Punkt, obwohl sie ja – von Neben­tä­tig­keiten mal abgesehen – nur zwei oder drei Beiträge schreibt.

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Ich habe zwar immer eine »Rosa«-Akkre­di­tie­rung, aber noch nie einen gelben Punkt gehabt. Dabei glaube ich, hätte ich ihn in den letzten Jahren verdient. Auch diesmal wieder, war kein Punkt auf dem Badge, als ich ihn Dienstag abholte. Warum nur? Ich kenne viele Kollegen, bei denen es objektiv nicht einsichtig ist, dass sie bevorzugt werden – aber mit Objek­ti­vität hat es ja nichts zu tun. In diesem Jahr hat sich Freund­lich­keit oder Stetig­keit aber dann doch ausge­zahlt: Denn am Samstag bekam ich unver­hofft die Info vom Festi­val­büro: »We have upgraded your accre­di­ta­tion. You can receive your new badge any time in the festi­val­of­fice.« Da schau her!

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Upgrade aller­orten: Katja Nicodemus von der »Zeit« hat jetzt im »Daily« des Screen-Magazine den Part der deutschen Punk­te­ver­gabe über­nommen und damit Jan Schulz-Ojala abgelöst, über dessen Verren­tung niemand traurig ist. Eigent­lich ist sie noch ein bisschen zu jung für diesen Alther­ren­club, der in den letzten 20 Jahren nur einmal die Goldene Palme richtig prognos­ti­ziert hat und auch den Geschmack der meisten übrigen ernsthaft arbei­tenden Kollegen nicht reprä­sen­tiert. Kann ja jeder selbst verglei­chen.

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Es ist ein komisches Gefühl zum ersten Mal mit »Rose Pastille« in den Salle Debussy zu laufen, zuvor in der anderen Schlange anzu­stehen, unter anderen Kollegen. Die meisten kenne ich nicht oder nicht so gut, und ich fühle mich ihnen jeden­falls auch nicht richtig verbunden. Zum ersten Mal wird mir klar, dass man, wenn man unter den ersten ist, hier plötzlich wie auf einer Bühne nach oben geht. Eine Art Roter Teppich der Kritiker.
Der groß­ge­wach­sene Mann, der direkt vor mir sein Badge vorzeigt, wird dann aufge­halten. Zweimal blickt der Kontrol­leur auf das Bild, dann noch ein drittes Mal: »This is not you« sagt er, zieht den Mann zur Seite und nimmt ihm den Badge ab.

(to be continued)