15.02.2015

65. Berlinale 2015

Schöne Frauen sind einfach schöner

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Mein persönlicher goldener Bär: Victoria

Außer Atem in Berlin und eine persön­liche Besten­liste – Berlinale-Tagebuch, 14. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Schon ein paar Tage her, vor einem Film im Gespräch mit Heike. Über Malick sind wir uns einig: Endlich mal ein Film mit Niveau. Keine Einschrän­kungen wie bei DD und DD a la, wenn die Dialoge nicht wären, wäre er ja ganz gut. Der Kunst nutzt es, wenn einer frei ist, da sind wir uns einig. Ganz frei. Und als ich referiere, dass ihm alle, leider auch sehr gute Kriti­kerInnen vorwerfen, dass die Frauen zu gut aussehen, sagt Heike: »Schöne Frauen sind einfach schöner.«

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Klarer könnte man's nicht sagen. Das Problem ist halt, dass für die allzu viele der angeb­li­chen Kunst­kri­tiker Schönheit gar keine Kategorie ist. Oder, schlimmer noch: Eine verdäch­tige.

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Darum hat Malick auch nichts bekommen. Ist nicht schlimm. Sagt nur was über die Szene: Dass man diesem Film nichts geben muss, nichts geben will, sich nicht dafür schämen muss, ihn zu igno­rieren. Er steht auf meiner persön­li­chen Besten­liste sehr weit oben. Dazu kommen vier andere Filme, eine Reihen­folge muss man jetzt nicht festlegen, im Einzelnen werde ich noch über sie schreiben: Der sehr sehens­werte Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern von Stina Werenfels. Iraqi Odyssey vom aus Bagdad stam­menden Schweizer Samir. Dominik Grafs Film Was heißt hier Ende? über Michael Althen. Howard Hawks Gentlemen Prefer Blondes, der einzige Film der Retro­spek­tive, den ich gesehen habe, heute als letzten überhaupt dieser Berlinale und der nicht nur großartig ist, sondern sich als unver­hofft modern entpuppte.
Und Sebastian Schippers Victoria.

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Deutsche Filme erkennt man immer an so gut gelaunter Musik schon gleich zu Anfang. Und doch holpert's zunächst einmal ein wenig, bis dieser Film in Fahrt kommt. Die Idee ist klar: Sind eigent­lich zwei: erstens eine lange, lange Einstel­lung, eine einzige, ein Sog. Zweitens: Die Großstadt, ein fremdes Mädchen aus einem fernen, nicht zu fernen Sehn­suchts­land, und ein prole­ta­ri­scher Klein­gangster, der auf dicke Hose macht, aber doch sensibel genug ist, und in den sie sich verguckt. Anders gesagt: Außer Atem in Berlin.
Das ist ja immerhin schon mal eine Fallhöhe, die andere gar nicht erst herun­ter­s­türzen können.

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Nun ist Frederik Lau kein Belmondo, und Laia Costa beim besten Willen auch keine Jean Seberg. Aber beide, besonders sie, sind inter­es­sant genug, dass man ihnen zwei­ein­halb Stunden gern dabei zuguckt, wie sich die Schlinge des Schick­sals um sie legt, die jungen kurzen Träume ihrer Figuren erstickt.
Ganz zu recht ist Victoria der einzige unter den deutschen Wett­be­werbs-Beiträgen, der eine Auszeich­nung bekam. Der Spielfilm von Sebastian Schipper ist nicht nur virtuos, indem er mit einer zwei­ein­halb Stunden lang nahtlos pulsie­renden Kamera gedreht ist, und so den Taumel des Gesche­hens auf die Zuschauer überträgt. Dieser Film, der ebenso gut den Schau­spiel­preis hätte gewinnen können, lebt auch von seinen Figuren, ihrer exis­ten­ti­ellen Verlas­sen­heit und der Verbin­dung, die sie mit der Stadt Berlin eingehen, mit der Nacht der Metropole – hier ist sie: Die so oft vermisste Aura des Kinos.

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Der Plot in einem einzigen, voll­kom­menen unge­schnit­tenen Satz: Vier Klein­kri­mi­nelle aus einem Berliner Problem­be­zirk lernen gegen vier Uhr nachts eine voll­ge­dröhnte, aber immer noch recht umsich­tige Spanierin kennen, flirten, kiffen, saufen mit ihr bis zum frühen Morgen und dann kommt sie, weil einer der vier als Schnaps­leiche ausfällt, an seiner Stelle mit und macht den vierten »Mann« bei einem Banküber­fall, den einer der vier zwar als Gegen­leis­tung einem Exknacki schuldet, ande­rer­seits aber gar nicht liefern kann, weil er zu blöd und zu breit ist und die anderen zu ängstlich und zu unfähig, bis auf die Spanierin natürlich, weswegen die auch, als dann die Polizei doch noch auftaucht, und einen nach dem anderen ganz undeutsch ins Jenseits ballert, den Überblick behält, die Chance, die sie nicht hat, nutzt, und im letzten Bild mit ner Tüte voller Euro­scheine als einzige Über­le­bende im Westerns­her­rif­stil über die Straße geht.

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Klar: Man glaubt das nicht. Alles zu konstru­iert. Paar Wendungen und Schick­sals­schläge zu viel. Das Mädchen ist zu hübsch, zu clever, zu bürger­lich, als dass sie mit den vier besof­fenen Supernasen auch nur zehn Minuten mitgeht. Oder gar, dass sie dann die Bank macht. Alles ist auch a bisserl zu hektisch, um den Mythen, die hier beschworen werden, überhaupt Zeit zur Entfal­tung zu lassen. Die Bilder sind zu Dogma-haft wackelig und unge­staltet, um der Schönheit der reinen Empfin­dung und des bloßen Gedankens immer die benö­tigten Bilder zur Seite zu stellen.
Alles richtig. Aber, aber...
Es ist immer alles möglich in diesem Film. Der Sog funk­tio­niert und hält an bis zum Schluss. Der Einfall, völlig ohne Schnitt zu arbeiten, ist nicht zwingend, ist aber auch nicht gewollt, ist nie posig. Viel­leicht sollte man es nur einfach nicht erzählen, nicht vorab im Pres­se­heft verbreiten und betonen, denn dann klingt es, als ob man's nötig habe, also wie Origi­na­litäts­quatsch und Form­ge­hu­bere, das keiner braucht und hören will. Einfach den Film zeigen, und für sich sprechen lassen, ohne die Frage, wer hier den Längsten hat, zu beant­worten, bevor sie überhaupt gestellt wird.

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Das ist aber auch nur eine Neben­sache. Die Haupt­sache: Wow! Mutig. Erstmal ein Gefühl, später hält es den Gedanken statt. Dass sie nämlich auch genauso kaputt ist, wie die Jungs, ihre suicidal tendency, das Scheitern im Kons­ver­va­to­rium, der Irrsinn, mit der sie mal kurz eben Klavier spielt, wird nur ganz unauf­dring­lich einge­führt. Ist aber da.
Darauf, dass manches zu konstru­iert ist, kommt es nicht an, wenn man einmal akzep­tiert hat, dass wir hier ein Märchen sehen. Wenn das Auto vor der Bank nicht anspringt, nervt mich zwar der und-das-auch-noch-oh-nee-echt-jetzt-Gedanke, aber der Span­nungs­mo­ment funk­tio­niert.
Dann auch: Wow! Ein filmi­scher Amoklauf, der – im Unter­schied zum Beispiel zum alles manisch bebil­dernden Dresen – auch mal etwas nicht zeigt, ohne pädago­gi­schen Zeige­finger. Gerade darin liegt die Power dieses Films.

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Schippers Titel­heldin erlebt über Nacht das Aufschließen einer neuen Welt, erlebt die Entde­ckung ihrer eigenen Tatkraft und Entschlos­sen­heit und staunt über sich selbst. Wir sehen ihr dabei zu, wie sie sich findet, wie ihr Mut und Tapfer­keit passieren. Heldentum.
Die Jungsgang besteht natürlich aus lauter Losern, aber sie bezaubern durch ihren Lebens­willen, ihre Energie.

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Victoria ist ein ausge­zeich­neter Film, er wäre mein persön­li­cher Goldener Bär gewesen – nicht weil er der beste ist, sondern weil er die beste, schönste Über­ra­schung ist, und weil Malick ihn nicht braucht.
Wer alles liebt, liebt gar nichts. Wer nichts riskiert, lebt verkehrt. Victoria weiß das, die Berlinale leider nicht.

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