14.02.2007
57. Berlinale 2007

Die Berlinale-Hülse

Reich an Brüll- und Jammerszenen:
der Eröffnungsfilm La môme

Auf der Kippe zwischen Euphorie und Depression

Von Thomas Willmann

Aaaahh... – dieser Moment kurz vor Beginn eines jeden Film­fes­ti­vals, wenn sich die Tage voller jung­fräu­li­cher Filme vor einem erstre­cken wie ein traum­hafter Pool an einem heißen Sommertag, und man kurz davor ist, aus dem realen Leben ab- und in diese unzäh­ligen Schein- und Paral­lell­welten einzu­tau­chen, und man schon meint, die Erfri­schung und Ergötzung und Erqui­ckung zu verspüren, die einem diese Immersion der Imagi­na­tion verschaffen wird.

Um dann meistens nach drei, vier Tagen fest­zu­stellen, dass das Wasser nicht so kris­tallen und kühl ist, wie es an der Ober­fläche aussah. Dass da allerlei Horn­haut­pflaster und Bade­kappen-Gummi­blüten von behäbigen Rent­ne­rinnen, Sonnenöl­schlieren von eitlen Midlife­crisis-Tanga­trä­gern und verdächtig warme, gelbliche Stellen von unreifen Gören mit herum­treiben.

Die dies­jäh­rige Berlinale aber ließ sich eher an, als hätte, just war man elegant vom Becken­rand abgehoben, um einen genuss­vollen Köpfer hinein ins falsche Leben zu tun, jemand flux das Wasser abge­lassen und durch feuchten Sand ersetzt.

Nun sind Film­fes­ti­vals immer seltsame Erleb­nisse auf der Kippe zwischen Euphorie und Depres­sion – zwei, drei recht belang­lose Filme hinter­ein­ander reichen meist aus, um einen aus cine­as­ti­schem Höhen­rausch in die Sinnkrise zu stürzen und sich fragen zu lassen, was man da eigent­lich grade macht mit seinem Leben. Wo man doch statt belang­loser Filme daheim im Fernsehen Biathlon- oder Snooker-Über­tra­gungen gucken könnte.

Aber selten habe ich erlebt, dass so eine Tief-Phase so früh einge­setzt, so lang ange­dauert und vor allem so sehr den Eindruck eines allge­meinen Phänomens statt nur einer persön­li­chen Pechsträhne gemacht hat wie dieses Jahr in Berlin.
Los ging’s nämlich schon mit dem Eröff­nungs­film, La môme (dt. Titel: La Vie En Rose), einem fran­zö­si­schen Edith Piaf-Porträt, das alle Unsäg­lich­keiten des Genres Biopic vereint: Da wird ganz viel gelitten und geweint und getobt und doch durch die Kunst über das Leben trium­phiert – dabei aber nie greifbar, was das Besondere, das Eigent­liche, das Bedeut­same dieser Kunst ausmachte. Wie überhaupt das Indi­vi­du­elle und Außer­ge­wöhn­liche eines Lebens zu einer zweis­tün­digen Anein­an­der­rei­hung typischer Genre-Bilder und -Szenen reduziert wird. Wobei sich Marion Cotillard als Piaf die Seele aus dem Leib spielt (und manchmal wirkt es genau danach – nach einer Schau­spie­lerin, die sich müht, wie sie nur kann –, und manchmal ist sie tatsäch­lich drin in der Rolle und verschwindet hinter ihr). Aber der Film das wie Selbst­zweck wirken lässt: Er ist begeis­tert vom »Wir spielen jetzt Piaf!« an sich, aber er macht nicht plausibel, was da an sonstigem Interesse dahinter- und drin­steckt.

La môme ist, als an Brüll- und Jammer­szenen reiches Biografie-Bild einer natio­nalen Ikone, ein Film von der Art, mit der man Oscars gewinnt. (Und nur um sicher zu gehen: Nein, das ist alles andere als ein Kompli­ment). Oder, genauer: Es ist ein Film, der wie die DARSTELLUNG eines typischen Oscar-Films wirkt. Das bloße Surrogat einer ohnehin schon frag­wür­digen Gattung.

Damit war La môme dann doch zumindest ein sehr passender, fast program­ma­ti­scher Eröff­nungs­film: Die Berlinale 2007 wirkt zur Halbzeit wie ein Festival der Platz­halter und Platz­füller. Ein Festival der Filme, die vor allem eine gewisse Rolle zu spielen haben.
Freilich: Die Konkur­renz unter den großen Festivals um die übli­cher­weise raren groß­ar­tigen Filme ist hart. Freilich: Kein Festival hat mehr den selben selbst­be­wussten Stand gegenüber Verlei­hern und Produ­zenten wie früher, als Festival-Teil­nahmen und -Siege als Ritter­schlag sich noch wirklich merklich in späteren Zuschau­er­zahlen nieder­schlug. Freilich: Es ist ein sehr sensibles und komplexes Geflecht der Inter­essen, die bedient werden müssen bei einem solchen Wett­be­werb.
Aber die dies­jäh­rige Berlinale hinter­lässt bisher den Eindruck, als wäre dieses Gehäuse, diese Hülse, die sich aus all den Zwängen und Erwar­tungen und Notwen­dig­keiten ergibt, inzwi­schen fast das einzige, was bei der Film­aus­wahl noch den Ausschlag gibt.
Man braucht US-Starkino, um was über den Roten Teppich treiben und die Boulevard- und Main­stream­me­dien anlocken zu können. Man braucht ein bisschen jungen deutschen Film. Ein bisschen Asien. Ein bisschen Betrof­fen­heits-Weltkino. Was von fran­zö­si­schen Altmeis­tern.
Und so wird gebucht, was in diesen Kate­go­rien irgend zu kriegen ist, zur Not auch zweite Wahl; und so sind dann die üblichen Verdäch­tigen versam­melt, die schon oft da waren und immer wieder gerne kommen, und die Neulinge, die das Glück hatten, grad eine noch freie Nische zu besetzen. Aber was bei alldem dieses Jahr noch kaum gesichtet wurde, das sind Filme, die offen­sicht­lich laufen, weil sie packend, begeis­ternd, innovativ, kontro­vers sind.

Freilich sind solche Pauschal­aus­sagen immer mit Vorsicht zu genießen – zu ausschnitt­haft, zufällig, subjektiv ist doch jeder Blick eines Einzelnen auf gerade so ein riesiges Festival. Aber wie gesagt: Es fühlt sich diesmal wirklich nicht so an, als handele es sich um ein bloß persön­li­ches Problem.
Viel­leicht kann dies, wenn nicht als Beweis, so zumindest als starkes Indiz dienen: Im »Tages­spiegel« vergeben täglich sechs Kritiker Käst­chen­wer­tungen für die Wett­be­werbs­filme. Nach elf Filmen, und somit 66 Wertungen, zeigt die Tabelle nur viermal die Höchst­wer­tung (dreimal davon für Robert De Niros CIA-Drama The Good Shepherd). So wenig Begeis­te­rung war nie. Umgekehrt aber hat es dabei aber auch nur dreimal zum Negativ-Extrem gereicht. Und das ist das wirkliche Problem: Bisher steht man vor einem leiden­schafts­losen Festival, dessen Filme einen schlicht lauwarm zurück­lassen. Kaum einem kann man böse sein. Von kaum einem wird nach zwei Wochen noch viel in der Erin­ne­rung übrig sein.

Gut: Man kann es keinem Festival verübeln, wenn es einen neuen Soder­bergh-Film zeigt, oder den aktuellen Park Chan-wook – wer würde da im Zwei­fels­fall nicht auch blind zugreifen?
Dass sich dann das Expe­ri­ment, den im Nach­kriegs­deutsch­land spie­lenden The Good German in der Ästhetik des »40er-Jahre Holly­wood­kinos zu insze­nieren, als hübsches Futter für Semi­nar­ar­beiten raus­stellt, aber ein sehr kühles und trockenes Film­erlebnis – wer wollte das ahnen? Und dass Park Chan-wook, dem wir daheim schon dabei waren, einen kleinen Anbe­tungs­schrein einzu­richten, mit seinem I'M A Cyborg, But That«S Okay einen Film hinlegen würde, den wir über zwei Drittel hinweg ziemlich mühsam, albern und gewollt empfinden würden, das hätten wir ja selbst nie und nimmer geglaubt, solange wir’s nicht am eigenen Sitz­fleisch erlebt hätten.
Insofern leidet die Berlinale diesmal halt einfach auch an den Unwäg­bar­keiten eines Film­jahr­gangs – nicht jeder bringt eine gleich hervor­ra­gende Ernte.

Und: An dies oder jenen tollen Film wegen verleih- oder festi­val­po­li­ti­scher Gründe nicht ranzu­kommen, ist Pech. Aber wo ein Festival dann Größe und Rückgrat zeigen müsste, wäre zumindest darin, im richtigen Moment auch mal »Nein« zu sagen zu etwas, das zu haben ist.
Dass die Berlinale in ihrer Gier danach, IRGENDWAS als Welt­pre­miere zeigen zu können, was nach Hollywood aussieht, sich dazu hat hinreißen lassen, 300 ins Programm zu nehmen (in den Wett­be­werb, aber außer Konkur­renz), ist unver­zeih­lich. (Und der wohl beste Beweis unserer These.)
Hier zieht ja noch nicht einmal das Rote-Teppich-Argument: Zack Snyder (Dawn of the Dead-Remake) ist wahrlich kein so bekannter und bedeu­tender Regisseur, Gerard Butler nun wirklich kein so großer Star, dass man um ihrer Anwe­sen­heit willen auch mal einen Drecks­film zur Diskus­sion stellen könnte.

Dann aber kann man nur hoffen, dass die Berlinale den Film vorher nicht zu Gesicht, sondern vom Studio aufge­drückt bekommen hat. Das wäre immer noch die weniger peinliche Variante, als dass sich das Festival mit diesem im antiken Sparta ange­sie­delten, lächer­lich unbe­hol­fenen Irak­kriegs-Durch­halte-Propa­gan­da­streifen (oder Irankriegs-Vorbe­rei­tungs-Propa­gan­da­streifen) iden­ti­fi­zieren kann. Das Ding wirkt in etwa, als hätte Veit Harlan ein zweis­tün­diges Man'o'War-Video insze­niert, eine unheilige Allianz aus faschis­to­ider Geis­tes­hal­tung und peinlich puber­tärer Ästhetik. Deren einziger Vorzug ist, nun wirklich derart plump daher­zu­kommen, dass jegliche Gefahr einer beein­flus­senden Wirkung auf ein rest­hirn­be­sit­zendes Publikum beruhigt auszu­schließen ist.

Jetzt war der Wett­be­werb in den letzten Jahren zuge­ge­be­ner­maßen regel­mäßig nur noch nominell und nicht mehr quali­tativ das Aushän­ge­schild der Berlinale. Die Glücks­ge­fühle holte man sich als Cineast schon länger lieber in den »Neben­reihen«.
Das Seltsame und langsam Frus­trie­rende an dieser Berlinale ist aber, dass diesmal auch auf diese Reihen die Lust- und Lieb­lo­sig­keit auszu­strahlen scheint. Auch in Forum und Panorama sieht man beispiels­weise Filme wie Ad-Lib Night, Faces of a Fig Tree oder Kain’s descen­dant, die brav die Rolle des etwas eigen­wil­ligen, etwas poeti­schen asia­ti­schen Films spielen – und darin fast unun­ter­scheidbar von Dutzenden anderen Festival-Futter-Filmen aus Korea und Japan sind, ohne dass sie etwas heraus­heben würde, im Herz oder im Gedächtnis verankern würde.
Die Berlinale 2007 ist bisher ein Festival auf der Suche nach einem Gesicht, einem Profil. Sie ist ein gut geölter, ordent­lich laufender Betrieb ohne besondere Vorkomm­nisse. Eine sauber gefüllte äußere Struktur, deren Inhalt weit­ge­hend blass und indif­fe­rent bleibt.

Bevor jetzt aber die Daheim­ge­blie­benen, die gere­gelten Tätig­keiten nachgehen anstatt andert­halb Wochen im Kino zu sitzen, anfangen Spen­den­konten einzu­richten für uns aaaaarme Berlinale-Besucher: Noch sind dann immer wieder genug Perlen dabei, um den Durch­hal­te­willen besser zu stärken, als es jedes »Freedom and Honor«-Gebrülle spar­ta­ni­scher (spar­t­aka­ni­scher? spar­tia­ni­scher? gesparter?) Haupt­männer könnte. Und um der Sinnfrage ein entschie­denes »Darum!« ins hinter­häl­tige Gesicht schleu­dern zu können, bevor sie einem zu sehr aufs Gemüt schlagen kann.
Von all den schönen Filmen soll dann aber das nächste Mal die Rede sein. Da haben wir dann alle was, worauf wir uns freuen können...