12.02.2007
57. Berlinale 2007

Fernweh und Verzweiflung

Hotel Very Welcome
Clever und witzig:
Hotel Very Welcome von Sonja Heiss
(Foto: Studiocanal)

Die »Perspektive Deutsches Kino« fühlt der deutschen Gegenwart den Puls

Von Rüdiger Suchsland

»Du, wir wollten doch ein bisserl Abstand zuein­ander…« sagt Marion am Telefon zum daheim­ge­blie­benen Lover. Dann stürzt sich die junge Frau im blutroten Kleid wieder in die andere Welt, die ihr Entspan­nung verspricht, Begegnung mit einer fremden Spiri­tua­lität, Loslassen in ein Nirwana aus Medi­ta­tion und lautem Global-Dance-Sound. Heilung der Wunden, Glück sucht man in Poona, und Marion ist eine von ihnen. Aber dann redet sie doch wieder nur von sich und ihren Gedanken, die sich nicht abschüt­teln lassen, tele­fo­niert mit dem Freund zuhause, und als der ihr schließ­lich per E-Mail den Laufpass gibt, ist es auch mit dem künst­li­chen Esote­rik­pa­ra­dies schnell vorbei.

Touristen im Ausland – das ist, zwischen Manila und Die weiße Massai schon ein eigenen Genre auch im jüngeren deutschen Kino, und Sonja Heiss hat ihm in ihrem Spiel­film­debüt Hotel Very Welcome einen bemer­kens­werten, ebenso cleveren wie witzigen Film hinzu­ge­fügt: Ein abgrün­diges, dabei überaus komisches Mosaik aus Fernweh und Verzweif­lung, Sehnsucht und Lange­weile. Gefilmt in lako­ni­schen, oft quasi doku­men­ta­ri­schen, neugie­rigen Bildern, flaniert der Film in den Spuren von fünf Touristen in Indien und Thailand. Eine von ihnen ist Marion, die von Eva Löbau in der Tradition ihrer phäno­me­nalen Haupt­rolle in Der Wald vor lauter Bäumen gespielt wird, eine andere ist Svenja (Svenja Stein­felder), die ihren Flug verpasst, ihr Hotel eigent­lich nicht verlässt, und nur mit dem Mitar­beiter eines Reise­büros wegen eines neuen Flugs verhan­delt – eine Ansamm­lung ständiger Miss­ver­s­tänd­nisse im besten Film der »Perspek­tive Deutsches Kino« auf der Berlinale.

Auch wer nicht verreist, will oft aus seiner Heimat weg – Flucht­be­we­gungen, das zumeist unein­ge­stan­dene Leiden an Freiheit und Einsam­keit prägen viele Filme der dies­jäh­rigen »Perspek­tive«. Seit ihrer Gründung vor sechs Jahren ist sie die Sektion, in der gerade in ihrer Vielfalt, auch dem unter­schied­li­chen Niveau der einzelnen Beiträge, der Puls der deutschen Gegenwart am besten zu fühlen ist, ein Seis­mo­graph, der präzise Moment­auf­nahmen liefert. Nächstes Jahr kann dann schon alles wieder anders sein.

In diesem Jahr fallen drei Entwick­lungen auf: Der Hang zum Doku­men­ta­ri­schen, auch in den Spiel­filmen wie eben in Hotel Very Welcome. Ein ebenfalls heraus­ra­gender Film ist Prin­zes­sin­nenbad von Bettina Blümner über drei frühreife, charmante 15-jährige aus Kreuzberg. Ihr Paradies ist das »Prin­zenbad«, aber auch hier holt sie die Wirk­lich­keit ihres Lebens immer wieder ein. Frauen sind unter den Regis­seuren diesmal besonders stark vertreten: Ascher­mitt­woch von Ileana Cosmovici ähnelt Heiss' Film darin, dass auch diese Regis­seurin in einer vermeint­lich vergnüg­li­chen Sache, dem Fasching, das Unan­ge­nehme und in diesem Fall Morbide findet. Ein ganzer Spielfilm und viele kleine gute Einfälle stecken konden­siert in diesem 20-Minüter, der sich trotz aller Konzen­tra­tion die Zeit für verträumte, offene Momente gönnt. Das gilt auch für Memory Effekt, ebenfalls ein Kurzfilm, ebenfalls mit Claudia Lehmann von einer Frau. Die immer wieder auffäl­lige, leider immer etwas unter­schätzte Julia Bendler spielt eine von Alpträumen gepei­nigte junge Frau, die sich selbst ein Rätsel ist. Die Frage des Films, ob der Körper Erin­ne­rungen hat, ist nicht neu, doch im Gegensatz zu 21 Gramms lässt Lehmann kein esote­ri­sches Wohl­ge­fühl aufkommen. Memory Effekt ist ein blau­grauer, kühl verschach­telter Psycho­thriller, der durch beein­dru­ckende Tempi­wechsel und eine über­zeu­gende Kamera glänzt.

Gegenüber diesen Regis­seu­rinnen wirkten die Filme der Männer allesamt konven­tio­neller. Auch Auto­pi­loten vom dffb-Absol­venten Bastian Günther handelt von vier einsamen, innerlich verzwei­felten Männern. Der Film glänzt durch seine Darsteller, allen voran der nicht nur in seiner Vielfalt große Walter Kreye und Manfred Zapatka. Doch das Drehbuch mündet in Weiner­lich­keit, als ob Günther Scheu hätte vor dem kühlen, unver­klä­renden Blick seiner Kolle­ginnen.

Die Koffer voller Geld, die Fahrten eines Paares in den Sonnen­morgen sind endgültig verschwunden aus deutschen Filmen. Mehr denn je ist die »Perspek­tive« im Jahr 2007 eine Reihe der Hoch­schul­filme, der ganz jungen Uner­fah­renen. Das kann, wenn es einmalig bleibt, ein Vorteil sein. Zur Regel sollte es aber nicht werden, will die »Perspek­tive« nicht unter­gehen in einem Festival, das auch in anderen Sektionen viele deutsche Filme zeigt. Eine weitere Doku­men­ta­tion führt den jungen Filme­ma­chern vor, dass immerhin auch Große klein ange­fangen haben: Marcel Wehns kluger Von einem der auszog – Wim Wenders' frühe Jahre schildert, was der Titel verspricht und bietet im Gespräch mit dem Regisseur und vielen Wegge­fährten eine gute Mischung aus Klatsch und Analyse. Da zielt dann die Sehnsucht nicht mehr in die Ferne, sondern in der Vergan­gen­heit.