09.11.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 11

Der Rüttler

Von Michael Haberlander

Eine Kino­be­such ist in erster Linie ein visuelles und akus­ti­sches Erlebnis. Machen wir während eines Films jedoch (uner­wünschte) körper­lich-haptische Erfah­rungen, ist meist ein Rüttler dafür verant­wort­lich.

Gemeinsam ist allen Rüttlern, dass sie die Rücken­lehne ihres Vorder­manns regel­mäßig in deutliche Schwin­gung versetzen. Natur­gemäß über­tragen sich diese Schwin­gungen auch auf die Person, die ganz unbedarft Halt und Ruhe in diesem Kino­sessel sucht. Die Wiki­pe­di­sche Erklärung einer Schwin­gung, als »Verlauf einer Zustand­sän­de­rung, wenn ein System auf Grund einer Störung aus dem Gleich­ge­wicht gebracht und durch eine rück­trei­bende Kraft wieder in Richtung des Ausgangs­zu­standes gezwungen wird«, ist hier ganz unmit­telbar zu beob­achten.

Die Familie des Rüttlers gliedert sich dabei in vier große Gruppen.

1. Dem Unge­lenken Rüttler, welcher unter einem tragisch gestörten Körper­ge­fühl leidet. Diese Störung führt dazu, dass er die Ausmaße seines Körpers nicht in ein korrektes Verhältnis zu seiner Umwelt setzen kann, weshalb beide (Körper und Umwelt) laufend kolli­dieren.

Im Kino macht sich dies bemerkbar, wenn der Rüttler seine Sitz­po­si­tion wechselt und dabei z.B. versucht, die Beine über­ein­ander zu schlagen.
Die Fehlein­schät­zung zwischen Fußraum und Beinlänge hat meist einen Voll­treffer der Rücken­lehne und somit einen munter wackelnden Vorder­mann zur Folge.

2. Der Gespreizte Rüttler ist ebenfalls beim Wechsel seiner Sitz­po­si­tion zu erkennen, was jedoch nicht an seinem Körper­ge­fühl, sondern an seiner Sitz­hal­tung liegt.
Auf der Suche nach der für ihn perfekten Sitz­po­si­tion rutscht der Gespreizte Rüttler tief in seinen Sitz. Um in dieser Position trotzdem Halt zu finden, spreizt er sich mit seinen Knien in die vor ihm liegende Rücken­lehne (was der Vorder­mann je nach Qualität der Sessel bereits jetzt zu spüren bekommt).

Durch dieses Einspreizen entsteht eine nicht uner­heb­liche Spannung, die schlag­artig nachlässt, wenn der Rüttler seine Sitz­po­si­tion wechselt. Dieser akute Span­nungs­ab­fall lässt sich durch ruck­ar­tiges Zurück­schnellen der Rücken­lehne incl. Kino­be­su­cher nach­weisen.

Während die beiden eben genannten Arten eindrucks­voll vor Augen führen, wie erstaun­lich oft ein Mensch während eines Films seine Sitz­po­si­tion wechselt, verdeut­licht die nächste Art, wie häufig wir im Kino Musik hören, ohne dies bewusst wahr­zu­nehmen.

3. Der Wippende Rüttler ist musi­ka­lisch noch nicht so abge­stumpft wie viele andere, weshalb ihn jede schmis­sige Melodie, jeder verfüh­re­ri­sche Rhythmus der von der Leinwand tönt, geradezu körper­lich packt und zu hemmungs­losen Mitwippen zwingt. Hat er dabei seinen Fuß an der Rücklehne seines Vorder­manns angelegt, »swingt« auch dieser (meist unfrei­willig) mit.

Sind Schwin­gungen in der Rücken­lehne schon grund­sätz­lich äußerst ärgerlich für den Leid­tra­genden, so gelingt dem Wippenden Rüttler manchmal noch eine Stei­ge­rung der Störung, wenn er aufgrund eines fehlenden Rhyth­mus­ge­fühls mit seinen Füßen einen anderen Takt vorgibt, als den der zu hörenden Musik.
Im falschen Takt unfrei­willig geschau­kelt zu werden, läst selbst geduldige Kino­ge­hern die Facon verlieren.

Bleibt schließ­lich noch:
4. Der Emotio­nelle Rüttler, welcher die unter­schied­lichsten Gefühls­re­gungen wie Lange­weile, Ärger, Nervo­sität oder Freude einheit­lich durch die hektische Vibration seiner Füße ausdrückt. Berühren diese Füße eine Rücken­lehne, kommt es einmal mehr zum mehrfach beschrie­benen Effekt.

Dass dem Rüttler dabei selten bewusst wird, wie nerv­tö­tend sein Verhalten auf andere wirkt, hat drei mögliche Gründe.
Entweder ein Mangel an physi­ka­lisch-mecha­ni­schem Vers­tändnis (»Wie kann sich die Bewegung meines Fußes auf meinen Vorder­mann auswirken?«) oder ein Mangel an mensch­li­chem Mitgefühl (»Mir doch egal, ob der Typ vor mir wackelt oder nicht«) oder Bluts­ver­wandt­schaft zu Damien Thorn aus dem Film DAS OMEN.

Michael Haber­lander