21.09.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 10

Der Bildungsbürger

Von Michael Haberlander

Die Annahme, dass auffäl­lige Kinogeher ausschließ­lich der gesell­schaft­li­chen und intel­lek­tu­ellen Mittel- oder Unter­schicht angehören, ist falsch. Das beweist unter anderem die Spezies des Bildungs­bür­gers.

Der Bildungs­bürger verachtet Multi­plex­kinos, Popcorn, Cola und die zugehö­rigen massen­wirk­samen (vorwie­gend ameri­ka­ni­schen) Main­stream­filme. Er bevorzugt anspruchs­volle (über­wie­gend nicht-ameri­ka­ni­sche) Kunst­filme in heime­ligen Programm­kinos, die Getränke in Gläsern und nicht in Flaschen verkaufen.

Bereits vor Film­be­ginn kann man ihn und seine Beglei­tung oft schon erkennen, da er sich mit 90prozentiger Sicher­heit über vergan­gene oder bevor­ste­hende Reisen (deren Ziel wiederum mit 90prozentiger Wahr­schein­lich­keit Italien ist) unterhält. Lauscht man diesem Gespräch ein wenig, erkennt man, dass der Bildungs­bürger nicht nur gebildet, sondern auch belesen, weit­ge­reist, kulturell sehr inter­es­siert und in Geschmacks­fragen äußerst kompetent ist. Im Lauf des folgenden Films wird er dies eindrucks­voll unter Beweis stellen.

Zuvor gilt es für den Bildungs­bürger aber erst die Hürde der Werbung zu nehmen. Die Produkte (Boulevard-Zeitungen, Ziga­retten, Erfri­schungs­ge­tränke, etc.), die hier beworben werden und die Art wie dies gemacht wird, stößt bei ihm auf die gleiche Ablehnung, wie manche der darauf folgenden, hekti­schen Kino­trailer für einen angekün­digten Holly­wood­film. Der Bildungs­bürger kommen­tiert dies mal ange­wi­dert, mal süffisant, mal mitleidig, verpackt in vermeint­liche Bonmots und Apercus.

Zufrie­den­heit macht sich bei ihm breit, wenn all diese Profa­nität über­standen ist und er mit Beginn des Haupt­films endlich sein über Jahre mühsam erwor­benes Wissen, das im Alltag viel zu selten Anwendung findet, hier endlich auf ein konkretes Ziel richten kann. Die Devise bei der Betrach­tung des Films lautet dabei »Erkennen, erinnern, erläutern«, was sich dann ungefähr so äußert:

»Ist das nicht die Piazza di Trevi in Rom? Aber natürlich und gleich nebenan die Via Poli, in der wir 1986, 1992, 1999 und 2001 immer in diesem versteckten, kleinen Lokal gegessen haben. Mit dem freund­li­chen Kellner, der immer einen Grappa spendiert hat.«

»Oh und dieser wunder­bare Schau­spieler, das ist doch Bruno Ganz. In dem Wenders Film DER AMERIKANISCHE FREUND war er hervor­ra­gend. Ein ganz Großer natürlich vor allem auf der Bühne, Träger des Ifflan­drings, unver­gessen als Franz Moor in Zadeks Insze­nie­rung von 'Die Räuber'. Als Hitler in DER UNTERGANG war er beein­dru­ckend, auch wenn der Film dem Buch von Joachim Fest nicht gerecht wird.«

»Die trinken einen Chateau Leoville Barton, das Etikett ist unver­kennbar. Letztes Jahr erst einen 1990er davon getrunken, große Klasse. Der 2005er ist leider unbe­zahlbar.«

»Das Musik­stück ist von Arvo Pärt. Ganz bekannt, heißt 'Spiegel im Spiegel'. Die Auffüh­rung vor drei Jahren in Luzern war fürch­ter­lich, der Pianist voll­kommen über­for­dert. Pärt ist ja einer der wenigen ganz modernen Kompo­nisten, die man noch anhören kann.«

»Diese starken Frau­en­rollen sind absolut typisch für Almodovar. Das war schon in seinen frühen Filmen so, wie bei FRAUEN AM RANDE DES NERVENZUSAMMENBRUCHS. Carmen Maura spielt solche Rollen einfach am besten.«

Nicht zu vergessen: »Die Kommode ist ganz eindeutig Louis XV; das Zitat stammt von Tennessee Williams; das Bild im Hinter­grund ist von Francis Bacon; der Taxi­fahrer sieht aus wie Gabriel Garcia Marquez; das Haus erinnert an den Stil von Frank Lloyd Wright; die Kostüme sind sicher von Gaultier; die selbe Einstel­lung gibt es auch in 8 ½ von Fellini; diese Szenerie erinnert stark an Hiero­nymus Bosch; das ist kein Ferrari sondern ein Maserati; die Stimmung des vorre­vo­lu­ti­onären Paris ist sehr präzise einge­fangen; das ist Naxos...«

Als unfrei­wil­liger Zuhörer kann man hier nur staunen. Staunen über die profunde Kenntnis auf so vielen Gebieten. Staunen über diese unglaub­liche Lebens­er­fah­rung. Staunen über eine solch weit­ge­streute Bildung. Staunen, dass der Bildungs­bürger trotzdem in dem Film kein sich selbst erklä­rendes Kunstwerk, sondern ein (bewegtes) Bilder­such­rätsel sieht.

Dass ihm sein unge­heures Wissen hin und wieder die Sicht auf den eigent­li­chen Kern des Films verstellt, stört ihn dabei kaum und es gilt: Wir müssen uns den Bildungs­bürger als einen glück­li­chen Menschen vorstellen.

Michael Haber­lander