18.01.2007
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 12

Die Platzhalterin

Von Michael Haberlander

Zu den wenigen rein weib­li­chen Kino­ge­her­arten (vgl. Folge 3 – Die Empa­thi­sche) gehört die sich in zwei Unter­arten glie­dernde Platz­hal­terin.

Ihre erst Unterart erkennt man in Kinos ohne Sitz­platz­re­ser­vie­rung vor dem Film­be­ginn an einem scheinbar unmäßigen Platz­be­darf.
Mit Klei­dungs­stü­cken, Taschen, Zeit­schriften und sonstigen Uten­si­lien belegt die Platz­hal­terin drei, vier oder mehr zusätz­liche Sitz­plätze in ihrer Reihe.
Schnell wird klar, dass dies nicht Ausdruck einer sozialen Phobie ist, sondern der Reser­vie­rung dieser Plätze dient. Die Platz­hal­terin wurde von einer Gruppe vorge­schickt, um trotz fehlender Platz­karten die gewünschten Sitze zu sichern.

Bei genauer Betrach­tung stellt man fest, dass sich die Platz­hal­terin in ihrer Situation und Funktion nicht wohl fühlt. Obwohl an und für sich ein zurück­hal­tender, durch­set­zungs­schwa­cher Mensch, muss sie hier helden­haft gegen zahl­reiche, mit zuneh­mender Platz­be­le­gung immer aggres­siver werdenden, Okku­pa­ti­ons­ver­su­chen anderer Kinogeher ankämpfen. Die Anfragen steigern sich dabei von einem netten »Ist hier noch irgendwas frei?« über ein genervtes »Ist das alles reser­viert?« zu einem unmiss­ver­s­tänd­li­chen »Kannst du mal deine Tasche da weg tun!«

Mehr als den Unmut dieser platz­su­chenden Kinogeher fürchtet die Platz­hal­terin aber ihrer vertrau­ens­vollen Aufgabe nicht gerecht zu werden, weshalb sie alle Anfragen freund­lich aber so bestimmt als möglich ablehnt, gege­be­nen­falls ein entschul­di­gendes »Sorry« hinter­her­schickt und dann einmal mehr den Kopf nach hinten dreht, um nach der von ihr erwar­teten Gruppe Ausschau zu halten.
Diese alle 30 Sekunden wieder­holte Übung könnte sie sich eigent­lich ersparen, da ihre (über­wie­gend männ­li­chen) Bekannten grund­sätz­lich erst eine Minute vor Film­be­ginn das Kino gut gelaunt, laut feixend, mit einem frischen Getränk in der Hand, betreten. Endlos kann man darüber rätseln, was sie wohl so lange aufge­halten haben mag.

Falsch wäre es jetzt, neugierig diese Gruppe in Augen­schein zu nehmen. Vielmehr sollte man weiterhin aufmerksam die Platz­hal­terin beob­achten, denn auf ihrem Gesicht sind in den kommenden Sekunden mehr Emotionen zu erkennen, als mögli­cher­weise im gesamten nach­fol­genden Film.
Zweifel, Erkennen, Freude und schier gren­zen­lose Erleich­te­rung durch­fahren die wild winkende Platz­hal­terin, die von der Gruppe mit einer gewissen Beiläu­fig­keit begrüßt wird.
Dass ihre Aufgabe keine adäquate Würdigung erfährt, erkennt man an den Kommen­taren ihrer Begleiter, etwa an den nach Filmende an sie gerich­teten Sätzen: »Ach hallo Moni, bist du auch da?! Ich hab dich gar nicht gesehen.«

Die zweite Platz­hal­terin-Unterart trifft im Kino verhält­nis­mäßig spät ein und wird selten von einer Gruppe, sondern meist von einem einzigen Mann begleitet.
Da das Platz­an­gebot zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich einge­schränkt ist, über­blickt die Platz­hal­terin den Kinosaal und beginnt mit entspre­chendem Finger­zeig und Worten wie »Da drüben sind noch zwei« oder »Weiter vorne wäre noch was frei« ihrem Begleiter mögliche Sitz­op­tionen vorzu­schlagen.

Dieser legt meist eine ähnliche Haltung wie beim gemein­samen Hosenkauf an den Tag, was verein­facht gesagt einem genervten Desin­ter­esse mit einge­streuter destruk­tiver Kritik entspricht (»Ist mir egal, wo wir sitzen. Nein, nicht so weit hinten«).

Sind endlich passende Sitz­plätze bestimmt, beginnt die Platz­hal­terin mit der beliebten Cineasten-Rochade. Vorsichtig tritt sie an die fragliche Reihe heran, klärt mit kurzen Zurufen und nicht immer eindeu­tigen Hand­zei­chen den Bele­gungs­status verschie­dener Plätze und richtet dann mit einem freund­li­chen Lächeln ihr Wort an einzelne, meist männliche Kino­be­su­cher: »Wenn Sie einen Platz weiter rücken könnten und der Herr da drüber nach links rutsch, das wäre echt super.« Meist gelingt unter leisem Murren der Betrof­fenen dieses Manöver und zwei Plätze in bester Lage werden frei.
Erkundigt sich die Platz­hal­terin nach dem Setzen bei ihrem Begleiter nach seiner Meinung zu der Sitz­po­si­tion, gilt ein knappes »Passt schon« als Maximum der positiven Zustim­mung.

Ähneln sich die beiden Arten der Platz­hal­terin auch kaum, so erkennen sie bei einem Aufein­an­der­treffen doch intuitiv ihre Zugehö­rig­keit zur gleichen Familie, weshalb zwischen ihnen keine Konflikte entstehen und Begeg­nungen auffällig harmo­nisch ablaufen.
»Entschul­di­gung, sind hier viel­leicht noch zwei Plätze frei?«
»Nein, tut mir leid, da kommt noch jemand. Sorry«.
»Kein Problem.«
»Aber ich glaube da drüben sind noch zwei frei.«
»Super, danke.«
»Gerne.«

Michael Haber­lander