20.04.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 2

Der Fragensteller

Von Michael Haberlander

Jedes Kultur­ver­s­tändnis und somit auch das Verstehen von Film ist erlernt und nicht natur­ge­geben. Übli­cher­weise erlernt man die hierzu notwen­digen Fähig­keiten (wie so vieles andere auch) ganz nebenbei in der Kindheit und mit ähnlicher Selbst­ver­s­tänd­lich­keit, mit der man fortan etwa die kompli­zierte Grammatik der Mutter­sprache fehler­frei anwendet, akzep­tiert man auch die Gesetz­mäßig­keiten des Kinos.

Manchen Menschen aber gelingt dieses Aneignung (aus welchen Gründen auch immer) nicht oder nicht volls­tändig. Zu ihnen zählt der Fragen­steller. Im Gegensatz zu den meisten Zuschauern fehlt dem Fragen­steller eine funda­men­tale Grund­vor­aus­set­zung für den Kino­be­such: Vertrauen in den Film.

Als Zuschauer vertrauen wir unbewusst darauf, dass nach und nach alle rele­vanten Fragen im Film geklärt werden. Wer war wer und wer hat was getan und warum. Nur selten wird dieses Vertrauen enttäuscht und wenn doch, steckt in der Regel Absicht oder Unfähig­keit des Filme­ma­chers dahinter. Der Fragen­steller aber will sich darauf nicht verlassen, weshalb er seine bedau­erns­werte Kino­be­glei­tung mit Fragen konfron­tiert, die (und das grenzt ihn vom üblichen nach­fra­genden Kinogeher ab) in der Regel (noch) nicht zu beant­worten sind.

»Warum wurde der Mann ermordet?«, fragt der Fragen­steller nach einem Mord in der ersten Film­mi­nute und will gerade das wissen, was der Film in den kommenden 90 Minuten in der Schil­de­rung von Bezie­hungen, Ereig­nissen und Moti­va­tionen erklären wird. »Wer hat den Mann umge­bracht?«, fragt der Fragen­steller und ignoriert dabei das Konzept ganzer Genres wie dem klas­si­schen Krimi-Whodunit, die ihren Reiz daraus ziehen, Fragen zu beant­worten, die sie selber aufge­worfen haben. »Warum hat der das gemacht?«, fragt der Fragen­steller, obwohl manche Filme eindeu­tige Erklärungen schuldig bleiben müssen, da gewisse Themen zu komplex sind, um sie endgültig und noch dazu in einem Spielfilm zu erklären. »Was bedeutet das?«, fragt der Fragen­steller und scheint zu Glauben, dass es selbst in der Kunst auf alles eine Antwort gibt. Doch wie sagte David Lynch einmal: »Alle wollen wissen, wofür der ›rote Raum‹ in Twin Peaks steht (...) Ich weiß es selbst nicht so genau. (...) Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht erklären, was er bedeuten, denn Intuition ist irra­tional.«

»Wer ist das?«, fragt der Fragen­steller wenn eine neue Person auftritt und nicht sofort vorge­stellt wird. Niemanden sonst im Publikum stört dies, da ja oft Spannung oder Komik daraus entstehen, eben nicht zu wissen, wer das ist und wie er in das Geschehen passt. »Wie geht es jetzt weiter?«, will der Fragen­steller wissen und wieder müsste man in die Zukunft blicken, um ihm antworten zu können. Zu erwidern: »Das wirst du schon sehen!«, heißt das Wesen des Fragen­stel­lers nicht zu verstehen, denn ihn plagt nicht die Ungeduld, sondern ein tief­sit­zendes Miss­trauen.

Unklar bleibt, ob der Fragen­steller trotz seiner Beson­der­heit Gefallen an Filmen findet. Da er regel­mäßig in Kinos anzu­treffen ist, scheint er nicht all zu sehr darunter zu leiden.

Fragen nach Ende des Films über das wer, wie, was und warum deuten dagegen selten auf einen Fragen­steller hin. Solche Fragen haben ihre Ursache entweder in einem schlechten Film oder mangelnder Aufmerk­sam­keit bzw. Über­for­de­rung des Zuschauers.

Das Gegen­s­tück zum Fragen­steller ist der Geschwät­zige Habich­schon­ge­sehen (bzw. ganz schlimm der Habich­schon­vor­wo­chen­ge­sehen). Obwohl die beiden Arten eine perfekte Symbiose ergeben würden, treten sie erstaun­li­cher­weise nie zusammen auf.

Im Umgang mit bedin­gungs­losen Cine­philen sollte für den Fragen­steller das bekannte Motto aus Lohengrin gelten: Nie sollst du mich befragen!