04.05.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 3

Die Empathische

Von Michael Haberlander

Empathie, also die Fähigkeit sich in andere Menschen hinein­zu­ver­setzen und ihre Gefühle zu teilen, ist eine wichtige Voraus­set­zung für den Kino­be­such, denn ohne sie, würden wir vor jedem Film sitzen, wie vor einer Lotto­zie­hung, bei der wir nicht mitge­spielt haben.

Unsere Anteil­nahme am Lein­wand­ge­schehen wird jedoch durch unsere Vernunft begrenzt, so dass ab einem gewissen Grad der Erregung die Emotionen des Zuschauers – wie es im Autobau so schön heißt – abge­re­gelt werden. Zum Glück, denn ein Kinosaal voller Menschen in panischer Tode­s­angst, blindem Rache­durst oder eroti­scher Aufladung kann eine sehr unschöne Eigen­dy­namik entwi­ckeln. Einigen wenigen aber, den Empa­thi­schen, fehlt dieses Regulativ im Kino.

Die Empa­thi­sche (feminin, da diese Eigenheit fast ausschließ­lich bei Frauen auftritt) ist im Grunde zu beneiden, da sie Filme (fast wie Musik) emotio­nell direkter wahrnimmt als der normale Kinogeher und dabei regel­mäßig die Ratio­na­li­täts­schwelle zwischen Leinwand und Zuschau­er­reihen über­windet. Während beim durch­schnitt­li­chen Publikum bemerk­bare Reak­tionen nur durch starke Stimu­la­tionen wie Schreck oder Witz ausgelöst werden, ist die Empa­thi­sche so im Geschehen auf der Leinwand gefangen, dass auch geringere Anlässe ausrei­chen, um eine verbale und/oder körper­liche Reaktion nicht mehr unter­drü­cken zu können. »Vorsicht! Hinter dir!«, bricht es aus ihr etwa in besonders span­nenden Momenten heraus, wenn sich der/das Böse langsam anschleicht.

Wer sich als Beob­achter über solche erfolg- und sinnlose Warnungen amüsiert, hat keine Ahnung, was die Empa­thi­sche dabei durch­macht. Ähnlich quält sich die Empa­thi­sche, wenn in einem Drama die (weibliche) Haupt­figur unwei­ger­lich weiteren Ernied­ri­gungen, Miss­hand­lungen oder Verlet­zungen entgegen geht und ein herz­zer­reißendes »Ohh, bitte nein!!!!!« oder »Nein, nicht schon wieder!!!!!« durch das Dunkel des Kinos weht.

Entspre­chend heftig fällt in solchen Fällen auch die emotio­nelle Gegen­re­ak­tion aus, so dass die Empa­thi­sche eine geradezu beängs­ti­gende Abneigung gegen die (meist männ­li­chen) Verur­sa­cher des Leidens entwi­ckelt und dies mit der entspre­chenden Gestik und Worten wie »So ein Scheißkerl!!« zum Ausdruck bringt. In extremen Situa­tionen sollen auch schon Ausrufe wie: »Schneidet ihnen allen die Schwänze ab!« vernommen worden sein. Rache­ak­tionen oder Retour­kut­schen, die die derart verhassten Figuren im Film erfahren, quittiert sie dann auch mit einem zufrie­denen »KLASSE!« oder spontanem Beifall.

Natürlich gibt es im Kino nicht nur negative Gefühle, weshalb der Empa­thi­schen bei ergrei­fenden, roman­ti­schen oder einfach nur schönen Film­mo­mente oft ein freudiger, im Saal gut vernehm­barer Seufzer entfährt. Oft sind der Empa­thi­schen solch unkon­trol­lierten Mitfühl­be­kun­dungen peinlich, doch die Tatsache, von Filmen berührt zu werden, sollte niemandem unan­ge­nehm sein.

Nicht verwech­seln sollte man die Empa­thi­sche mit dem Kommen­tator, der es ebenfalls nicht schafft, seine Gedanken zu den Vorgängen auf der Leinwand für sich zu behalten.
Eine Unter­schei­dung zwischen beiden ist jedoch leicht zu treffen, da die Bemer­kungen des Kommen­ta­tors wie »Endlich!« oder »Stellt der sich blöd an!« oder »Wer’s glaubt?!« nicht auf Mitgefühl sondern auf Dumm­dreis­tig­keit oder ein gestörtes Humor­ver­s­tändnis zurück­zu­führen sind. Eine Verwechs­lung zwischen beiden Arten ist zudem praktisch unmöglich, da im selben Maß, in dem die Empa­thi­sche nahezu immer weiblich ist, der Kommen­tator fast durch­gehen zum männ­li­chen Geschlecht gehört.

Michael Haber­lander