11.09.2005
62. Filmfestspiele von Venedig 2005

Die Stunde der »voci«

Mary
Horrorfilm oder religiöse Erweckungsarie? Mary von Abel Ferrara

Abschließende Reflexionen über die Viennale: Zu wenig Überraschendes und so ein bisschen konturlos

Von Rüdiger Suchsland

»Wenn in diesem Jahr nicht endlich wieder ein italie­ni­scher Film gewinnt, ist Marco Müller weg vom Fenster.« sagt Kollege Josef Schnelle über den Festi­val­leiter. Sollte er Recht behalten, dürften Müllers Tage gezählt sein, denn man kann sich nicht vorstellen, dass La bestia nel cuore von Cristina Comencini und La seconda notte di nozze von Pupi Avati hier mehr gewinnen, als allen­falls einen Anstands­preis, weil man den Gastgeber nicht brüs­kieren möchte. Zugegeben: Wir verlassen uns in diesem Urteil auf andere, Kollegen, denen man trauen kann – sollte doch einer der Fime einen wichtigen Preis gewinnen, können wir ihn nachholen. Wir wollten lieber noch mal in die Asiaten-Retro, oder einfach mal ausschlafen am Morgen. Denn offenbar ist Müller von der Qualität der beiden Filme auch nicht besonders überzeugt, besonders günstig, das muss man zugeben, hat er sie jeden­falls nicht program­miert: Sie liefen früh­mor­gens an den letzten beiden Tagen, an denen die ersten Gäste bereits wieder nach Hause gereist sind.

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»Es ist doch völlig unwichtig, wer hier den Preis gewinnt«, sagt Schnelle weiter, »viel­leicht gewinnt ja Abel Ferrara, der ist doch auch fast ein Italiener.« Mary heißt der Film des eigen­wil­ligen Italo­ame­ri­ka­ners. Darin spielt Juliette Binoche eine Schau­spie­lerin, die Maria Magdalena spielt, und ein, nun ja, reli­giöses Erlebnis hat. Die Film-im-Film-Szenen des Films sind peinlich schlecht, der Rest dagegen dicht und gar nicht unin­ter­es­sant, nur etwas konfus erzählt: Der Moderator einer reli­giösen TV-Show hat Ehepro­bleme, geht fremd, woraufhin die schwan­gere Ehefrau fast das Kind verliert – ein Wink Gottes? Mary ist, das geben wir gerne zu, viel­leicht etwas behäbig insze­niert. Das Haupt­pro­blem des Films ist für uns aber, dass sich Ferrara nicht entscheiden will, ob er uns jetzt einen Horror­film erzählt, oder eine religiöse Erwe­ckungs­arie. Darum tut er beides, und das klappt nicht.

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Es ist die Stunde der »voci«, jener obskuren Quellen, die in der anschwel­lenden Speku­la­tion über den Sieger dann von jeder italie­ni­schen Zeitung zitiert werden. Im Internet ist die Stunde von indis­crezione.it gekommen, den zahllosen Bloggern, die es ganz genau wissen wollen. Eine Quelle will wissen, Ang Lee bekomme den Haupt­preis, David Strat­hairn den Darstel­ler­preis. Hinzu kommt das Lido-Getuschel: Angeblich so heißt es seien George Clooney, Philippe Garell und Park Chan-wook nach Venedig zurück­ge­kommen – ein sicheres Indiz dafür, dass sie einen Preis erhalten. »Das hat noch nie gestimmt«, meint Michael Althen, »Diese Gerüchte gibt es jedes Jahr.« Aber das sagt er auch jedes Jahr.

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Der letzte Film im Wett­be­werb war die John-Le-Carré-Verfil­mung The Constant Gardener von Fernando Mereilles, dem Brasi­lianer, der durch City of God bekannt geworden ist. Gleich wird man hinein­ge­zogen, man merkt schnell, dass der Film funk­tio­niert und eini­ger­maßen gut ist.
Es geht um einen briti­schen Diplo­maten in Afrika – Ralph Fiennes wieder mal als Engli­scher Patient, ein groß Liebender, groß Leidender, der am Ende aus Liebe in den Tod geht –, dessen Frau nach einer Reise ins Landes­in­nere ermordet aufge­funden wird. Während er den myste­riösen Begleit­um­s­tänden der Tat nachgeht, lernt er die Frau erst wirklich kennen, erneuert ihre Liebe, und vollendet ihr – selbst­ver­s­tänd­lich hoch­hu­ma­nis­ti­sches – Werk, den Kampf gegen ein schur­ki­sches Phar­ma­un­ter­nehmen, das Afrika als mensch­liche Guinea-Schweine für Medi­ka­men­ten­tests miss­braucht. Die Gutmen­schin und der Realist. Natürlich ist es einfach, hier über manches zu spotten. Der Film strotzt vor Ethno­kli­schees, freilich bildet er damit einfach nur den Blick der Europäer auf Afrika ab, versucht sich nicht künstlich mit dem der Afrikaner gemein zu machen. Am besten ist er trotzdem, wo er sich aus Afrika entfernt und ins diplo­ma­ti­sche Milieu eindringt, in die Cock­tail­partys und kühlen Büros, wo er diese Szenerien mit den Zynismen und Sarkasmen der Dialoge Le Carrés würzt. Zum Beispiel: »Diplomats have to go, where they are send.« – »So do Labradors.«

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Einmal mehr hervor­ra­gend: Danny Huston, John Hustons Sohn, in der Rolle eines oppor­tu­nis­ti­schen, schwachen, darum aber erfolg­rei­chen Diplo­maten. Stilis­tisch erinnern die Bilder mit den leicht über­be­lich­teten, irgendwie wie auf alten Kodak-Foto­gra­fien giftig leuch­tenden, matten, ausgeb­li­chenen Farben an City of God. Kollegen fanden den Film nicht gut, zum Teil richtig Scheiße – auch wegen angeb­li­chen Moral­kit­sches. Man könnte es aber auch umgekehrt verstehen: Mereilles/Le Carré erzählen vom Untergang des simplen Idea­lismus. Denn es ist ja nicht völlig von der Hand zu weisen, wenn Danny Hustons Figur argu­men­tiert: »We are not killing people. We treat ill people, which would die anyway.« So schildert der Film ein mora­li­sches Dilemma und ist überdies sehr katho­lisch, eigent­lich eher wie von Graham Greene, wenn er einen Menschen ins Zentrum stellt, der sich moralisch reinigt und dann seine letzte Reinigung und Erlösung dadurch erhält, dass er sich ermorden lässt. Wir sind übrigens auch nicht katho­lisch.

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Eine Frage aus der Heimat: »Wer sind die anderen?« Ob es sich beim »wir« dieses Tagebuchs um Ichver­meh­rung oder um pluralis maje­s­tatis handle? Ichver­mei­dung natürlich! Und pluralis majes­tastis. Aut Caesar aut nihil.

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Zum Abschluss gab es ein Musical auch aus China: Peter Chans Perhaps Love, ein gut gelun­genes Melo, konven­tio­nell wie vieles, was hier aus China im Wett­be­werb läuft, aber eben auch schön anzusehen und gut gemacht.

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Insgesamt zeigte der Wett­be­werb viele gute Filme, aber zu wenig Über­ra­schendes, und wirkte so ein bisschen konturlos. Die ersten Preise wurden schon vergeben: Der Kriti­ker­spiegel des Festival-Journals votierte für Good Night, and Good Luck, das Publikum, wer immer da befragt wurde, ebenso. Zweiter wurde gleich­falls bei beiden Sympathy For Lady Vengeance. Die FIPRESCI-Jury gab ihre Preise ebenfalls an Clooney und an Werner Herzog – für seine verfilmte Space-Night.