01.09.2005
62. Filmfestspiele von Venedig 2005

Tsui Generis

Seven Swards
Der optimale Eröffnungsfilm: Seven Swards von Hongkong-Regisseur Tsui Hark

Die ersten Eindrücke vom Festival

Von Rüdiger Suchsland

Vom Flugzeug aus wirkt alles noch friedlich: Venedig, der Markus­platz und den Campanile sieht man beim Lade­an­flug, und ganz dahinten ist er, der kleine Sand­streifen, auf dem von heute Abend an zum 62. Mal die »mostra inter­na­zio­nale d’arte cine­ma­to­gra­fica« statt­finden wird. Das erste, was man vom Lido sieht, ist eine große »CAMPARI«-Werbung, auf dem Riviera-Hotel, direkt am Lande­platz. Campari oder wahlweise auch Aperol wird hier zu »Spritz« verar­beitet, dem Leib- und Magen­ge­tränk nicht nur der Lido-Rentner, sondern auch vieler Festi­val­be­su­cher, vor allem der weib­li­chen. Die Berliner Kollegin trank einen, nachdem sie die Akkre­di­tie­rungs­pro­zedur endlich über­standen hatte, und berich­tete on ihrem Hotel, das aussieht »wie ein DDR-Feri­en­wohn­heim.« Und sie weiß, wovon sie spricht.

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Endlich am Festi­val­gelände ange­kommen, ist der Anblick ernüch­ternd. Man hat sich daran gewöhnt, dass dieses Gelände hier in jedem Jahr etwas voller ist als im letzten, dass der schöne offene Platz vor dem Casino, in dem das Festi­val­zen­trum und der Pres­se­raum liegen, längst zuge­stellt ist von Bret­ter­buden und Plas­tik­zelten, in denen irgend ein Tand weit über­teuert verkauft wird, oder Sponsoren irgend­einen kosten­losen Mist und unzählige Zettel verteilen, die allen auf den nächsten 50 Metern im Müll landen. Diesmal aller­dings hat man das Casino und sämtliche Kinos mit einem Metall­zaum umstellt, zu dem es nur an mehreren Eingängen Zugang gibt. Dort hat man eine Art weiß umklei­dete Triumph­bögen errichtet, die aussehen, wie Minia­turen von Albert-Speer-Entwürfen. Auf denen klebt ein meter­hoher Plas­tiklöwe, der hoffent­lich bald von irgend­einen Windstoß mitge­rissen wird, und einen der viel zu zahlreich herum­ste­henden Sicher­heits­deppen erschlägt. Denn diese und ihre »cazzi di porti«, Türsteher, haben sich in diesem Jahr das Festival unter den Nagel gerissen. Sicher­heits­wahn wie noch nie, angeblich wegen »London«, sprich die Attentate vom Juli, und am Anfang denkt man, dass Ruck­sack­träger jetzt die neuen Outcasts sind.
Es heißt, man dürfe nur mit den durch­sich­tigen Festi­val­ta­schen ins innere Gelände. »Besorgen Sie sich doch einen durch­sich­tigen Rucksack«, sagt lachend die Pres­se­frau, die alles wohl auch eher albern findet, auf meinen Einwand, man müsse schließ­lich sein Arbeits­ma­te­rial mitnehmen können.
Letztlich aber sind wir hier in Italien und darauf ist noch immer Verlaß. Wer schimpft kommt irgend­wann doch hinein, und schon nach wenigen Stunden war alles nicht so gemeint. Der ZDF-Kollegin Antje Pieper sagt Festi­val­chef Marco Müller dann im Interview, da würde sich die Polizei wohl etwas »aufplus­tern.«

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Richtig los ging das Festival dann am Mitt­woch­abend: Man sah galop­pie­rende Reiter vor weiten Land­schafts­pan­oramen, spek­ta­kuläre Schwert­kämpfe und natürlich große Gefühle: Seven Swords vom Hongkong-Regisseur Tsui Hark ist das absolute Kontrast­pro­gramm zum letzt­jäh­rigen Eröff­nungs­film Terminal von Steven Spielberg: Wildes, schnelles, modernes Kino auf der Höhe unserer Zeit. Gewiß ein kommer­zi­eller Film, aber auch wenn der 55-jährige Tsui Hark sicher nicht als der John Ford des Martial-Arts-Genres in die Film­ge­schichte eingehen wird, ist dies doch in der Machart eindeutig auch Filmkunst – ein optimaler Eröff­nungs­film, kein Abklatsch, sondern ein Werk aus eigenem Recht.

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Nach einer alten Legende erzählt der Film eine Art chine­si­sche Version von Kurosawas Seven Samurai: Sieben Helden helfen einem armen Bauerdorf und einer Gruppe von Kindern gegen schur­ki­sche Unter­drü­cker – ein zwei­ein­halb­stün­diges, überaus kurz­wei­liges Schwer­kämpfer-Epos aus dem Reich mit der Mitte, in dem auch die wilde Natur des chine­si­schen Nordens zum Mitspieler wird.

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Ein paar Kollegen aus Hongkong finden den Film »ok«, aber auch nicht mehr. Sie erzählen, aber, was für eine »große Ehre« es sei, dass die alte Film­tra­di­ti­ons­stadt Hongkong hier den Eröff­nungs- und den Abschluss­film stellt. Deut­li­cher hätte das Signal von Marco Müller nicht sein können: In seinem zweiten Festival richtet der studierte Sinologe den Blick nach Fernost. »Das neue Hollywood liegt in Asien!« verkün­dete er gestern zur Eröffnung, »Hongkong, Tokio und Seoul heißen die derzei­tigen Kino­haupt­städte.« Die Einsicht, dass aus Fernost das heute beste Kino kommt, ist zwar nicht mehr ganz neu, Müller aller­dings zieht aus ihr die Konse­quenzen. Nicht allein, dass neun Wett­be­werbs- Filme (davon drei außer Konkur­renz) sowie viele weitere in den Neben­reihen aus Asien kommen, Müller zeigt unter dem Titel »Die verbor­gene Geschichte des asia­ti­schen Kinos« auch in der Retro­spek­tive unbe­kannte Klassiker aus Asien. »Unser Wissen dieser überaus reichen Kino­land­schaft ist stark unter­ent­wi­ckelt«, so Müller. Einen Ehren­löwen für sein Lebens­werk erhält überdies der japa­ni­sche Anima­ti­ons­meister Hayao Miazaki, dessen neuester Film Das wandelnde Schloss gerade in den deutschen Kinos läuft.

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So steht hier alles im Zeichen asia­ti­scher Ästhetik. Die meisten Wett­be­werbs­filme aller­dings stammen aus Europa, darunter allein drei aus Frank­reich, während das ameri­ka­ni­sche Kino die Konkur­renz um den »Goldenen Löwen« offenbar scheut und über­wie­gend nur außer Konkur­renz seine Welt­pre­miere am Lido feiert. Ausnahmen: Der Inde­pen­dent-Filmer Abel Ferrara und die Schau­spieler John Turturro und George Clooney mit ihren neuen Regie­ar­beiten. Auch ein deutscher Film war in den Wett­be­werb geladen: Hans-Christian Schmids Requiem lehnte die Einladung aller­dings ab und zog die Teilnahme an der Berlinale vor. Immerhin laufen in den Neben­reihen die neuen Filme von Werner Herzog und Philip Gröning sowie eine Doku­men­ta­tion über das erste deutsche Super­model Veruschka von Lehndorff – insofern gibt es keinen Grund, wie gleich wieder reflex­artig manche Film­funk­ti­onäre über fehlendes Venedig-Interesse zu klagen.

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Mehrere tausend Besucher haben sich wieder am Lido einge­funden – nach Cannes und neben Berlin gilt Venedig trotz verschärfter Konkur­renz (Toronto, San Sebastian) weiterhin als wich­tigstes Film­fes­tival der Welt. Sie erwartet an den kommenden zwölf Tagen eine brisante Mischung aus Kunst und Glamour, Stars und Neuent­de­ckungen – bis am Ende die Goldenen und Silbernen Löwen verteilt werden.
Das »Riviera« kostet übrigens 60 Euro pro Nacht, gar nicht so viel für ein Lido-Hotel, während des Festivals aller­dings dann 215.-, und das ist schon der Preis für dieje­nigen, die die ganzen 12 Tage bleiben. Es geht auch hier also zunächst ums Geschäft, das sollten wir nicht vergessen. Kommt man aus Deutsch­land denkt man aber zunächst einmal daran, endlich der Kälte und dem Regen, dem Wahlkampf und der Flut entronnen zu sein, in 30 Grad Wärme und ziemlich viel Luft­feuch­tig­keit. Gutes Wetter und zwölf Tage lang Top-Kino an einem der schönsten Plätze der Welt – was kann man noch mehr wünschen?