30.06.2005
22. Filmfest München 2005

Philemon und Baucis

Confituur (SWEET JAM)
Confituur (SWEET JAM)

Oder die Magie von Festivals

Von Nani Fux

Irgend­wann passiert es immer wieder, auf jedem Festival. In der zellu­loid­schen Flut findet man ihn, den Film, an den man sein Herz verliert. Und meist ist es einer, der schlechte Karten hat, hier­zu­lande auf die Leinwand zu kommen. Schönes, Bewe­gendes und Bizarres gab es bislang zu sehen: HAZAN, der wunder­schöne Film über einen der auszog, die Kunst in der Töpfer­scheibe zu suchen, Stage Beauty – Kino pur in deftigen Bildern (vergesst Shake­speare in Love).

Und dann kommt da so eine belgische Produk­tion ganz unspek­ta­kulär daher und steckt sie alle in die Tasche. Confituur (Sweet Jam) heißt das Werk von Lieven Debrauwer.

Emma und Tuur sind ein altes Ehepaar. Sie schmeißt den Haushalt und pflegt seine von Kindheit an bett­lä­ge­rige – aber vor allem despo­ti­sche – Schwester Gerda. Er hat einen Schus­ter­laden mit Schlüs­sel­dienst. Reden tut man eher wenig, die einge­spielte Eherou­tine vieler Jahre macht das über­flüssig. Philemon und Baucis stellt man sich sicher anders vor.

Doch dann kommt jener schick­sal­hafte Tag, an dem das Paar Hoch­zeits­ju­biläum hat. Das Dorf feiert mit, Emma genießt den Rummel. Nur Tuur schaut mürrisch umher. Und während Emma noch trotzig und allein den Ententanz auf der Jubiläums­feier zele­briert, schlachtet Tuur grimmig die Deko­ballons hin, die die anteil­neh­mende Nach­bar­schaft über seiner Haustür ange­bracht hatte. Und dann verschwindet er. In einen Nachtclub. Wer ihm jetzt außer­ehe­liche Umtriebe unter­stellt, liegt falsch: Die Besit­zerin ist seine Schwester – das schwarze Schaaf der Familie, mit passender Frisur.

Die brave Emma hingegen tut als ob nichts wär’. Schmeißt den Laden, indem sie heimlich die Schuhe zur Konkur­renz trägt. Kocht ihre berühmte Confitüre. Und landet damit einen geschäft­li­chen Treffer: Die Schuhe schwinden in den Regalen, statt­dessen sprießt überall Birne­gelee und Erdbeer-Rhabarber.

Die ist, der Leser ahnt es schon, kein Film mit Pauken und Trompeten – obwohl auch der Radetz­ky­marsch eine Rolle spielt. Dies ist ein Film der kleinen Gesten, wenn Emma Tuurs Teller vom Tisch verbannt, und Gerda wütend protes­tiert. Wenn Tuur nach langer Abwe­sen­heit zum Geschirr­tuch greift.

Dies ist ein Film über die schmerz­liche Sehnsucht danach, dass das doch noch nicht alles gewesen sein kann. Über den stör­ri­schen Glauben, dass es das doch noch irgendwo gibt, für jeden, ein Stück vom Glück. Über Inte­grität und die plötz­liche Entde­ckung der eigenen Identität. »Ich bin zwar alt, aber ich kann immer noch neu anfangen« sagt Emma, und Recht hat sie.

Dies ist aber auch ein Film über die Liebe: Zum Schluss schleicht sich Tuur die Treppe hinunter, schnappt sich ein Glas Konfitüre und löffelt drauf los. Und oben am Trep­pen­ab­satz taucht Emma auf und lächelt still in sich hinein. Irgend­wann treffen sich die Blicke, und die beiden Alten brechen in Gelächter aus. Philemon und Baucis. Also doch.