14.07.2005
22. Filmfest München 2005

Leute, Menschen und andere Personen

Last Days
Last Days
(Foto: Alamode Film)

L’enfant vs. Last Days und ein Lichtblick in der deutschen Reihe

Von Thomas Willmann

Ein unver­ges­sener, bezeich­nender Klassiker des Münchner Filmfests der Ära Hauff war jene im Gasteig rumschwir­rende Schi­cki­micki-Dame, die einst in der nächt­li­chen BR-Fernseh-Bericht­erstat­tung zum Festival inter­viewt wurde, nachdem schon ungefähr die Hälfte selbigen Festivals verstri­chen war, und die in höchsten Tönen vom Filmfest schwärmte, aber dann, befragt, was sie denn so an tollen Filmen gesehen hätte, meinte: FILME, tja also FILME direkt hätte sie noch gar keine gesehen. »Aber man trifft ja so viele LEUTE hier.«
Seit das Münchner Filmfest nicht mehr ganz so sehr ein einziger Bran­chen­treff für das deutsche Fernseh-Gschwerl mit Adabei-Anhang ist, weil hier inzwi­schen nicht mehr jeder SAT1-TV-Movie-der-Woche läuft, haben sich solche Auswüchse ein bisschen einge­dämmt, auf einen (freilich immer noch zu hohen) typisch Münchner (Medi­en­bran­chen-)Grund­pegel. Aber Leute treffen, das konnte man – obacht, die lange Vorrede nähert sich ihrem Sinn und Zweck! – dieses Jahr trotzdem unglaub­lich gut, und zwar gerade wenn man zu jener obskuren Spezies von Festival-Besuchern zählte, die den Hauptteil ihrer Zeit mit dem Anschauen von Filmen zubringt.
Jeder Film hat ja was von einer rund zweis­tün­digen Begegnung mit anderen Menschen. Und sei’s nur, dass einem im schlimmsten Fall der Mittei­lungs­drang der Filme­ma­cher an jene Leute erinnert, die einem auf einer Zugfahrt oder im Bier­garten zuquat­schen mit Geschichten, die man nicht hören will. Auf dem dies­jäh­rigen Müchner Filmfest liefen aller­dings auch erstaun­lich viele Filme, bei denen man die Charak­tere kennen­lernte wie eine Zufalls­be­kannt­schaft, bei denen man mit einer Person ein Stück gemein­samen Weges geht und Einblick bekommt in ein fremdes Leben, eine fremde Gedan­ken­welt.
Was großen Reiz haben kann, aber immer dann zu Problem wird, wenn man mit dem betref­fenden Menschen partout nichts anfangen kann. Und genau so ging’s mir bei dem viel­ge­lobten, in Cannes dieses Jahr mit dem Haupt­preis ausge­zeich­neten L’enfant von Jean-Pierre & Luc Dardenne. Auf die Gefahr hin, mich als politisch völlig inkor­rekter, herzlose, elitärer Widerling zu outen: Dessen Haupt­person, Bruno, inter­es­sierte mich einfach nicht. Bruno ist ein Klein­kri­mi­neller, ein Hehler, der von zwei Teenagern gestoh­lenes Zeugs verkloppt, und dessen Freundin von ihm jüngst ein Kind bekommen hat. Notorisch klamm, kommt er – als ihm jemand von den Summen erzählt, die Paare für illegale Adop­tionen zahlen – auf die brillante Idee, er könnte ja auch seinen Nachwuchs verscher­beln, und ist dann etwas konster­niert, dass seine Freundin das gar nicht so toll findet, obwohl sie doch gleich wieder hätten ein neues Kind machen können und dann aber viel mehr Geld gehabt hätten.
Der Film macht scho­nungslos klar, dass es die Umstände sind, die Bruno zu solch Taten treiben. Als diese Umstände da wären: Er ist ein Depp, ein Kack­specht und ein Arsch. Jetzt bin ich der Letzte, der dem Irrglauben anhinge, in jedem Film bräuchte es »sympa­thi­sche« Charak­tere, mit denen man sich »iden­ti­fi­zieren« kann. Nein, das ist nicht das Problem. Aber Bruno ist zu alldem ein ziemlich unin­ter­es­santer Depp, Kack­specht, Arsch – und wenn ich sowas sehen will, kann ich auch gleich durch die Fußgän­ger­zone gehen, da gibts genug davon.
Viel­leicht ist es aber auch gar nicht so sehr Bruno, der mich bei der ganzen Geschichte gelang­weilt hat, als der Blick des Films auf ihn. L’enfant ist einer dieser Filme, die einer sehr naiven Vorstel­lung von »Realismus« aufsitzen: Mit der Hand­ka­mera immer schön nah auf’s picklige Gesicht, und schwupp, schon ist das alles voll wie das wahre Leben...
Dabei ist L’enfant letztlich ein Genre-Film, und noch dazu Vertreter eines Genres, das einem engstir­ni­geren und unpro­duk­ti­veren Kodex gehorcht als jeder Western, Science-Fiction, Gangs­ter­film. Das ist Kino als Sozi­al­pä­d­agogik, ein letzter Wurm­fort­satz der Sechziger, als es wirklich noch was Neues und Radikales hatte, plötzlich das Alltags-Leben ungla­mouröser Menschen direkt von der Straße in die Licht­spiel­häuser zu holen. Aber eben inzwi­schen schon einge­spielt und einge­schliffen – ein Ritual, bei dem sich der Studi­enrat wieder seines Weltbilds versi­chern kann. Ich glaube nicht, dass einer der Juroren, die L’enfant den Cannes-Preis verliehen haben, einer der Kritiker, die auf den Film Lobes­hymnen dichteten, sich mit einem Typen wie Bruno wirklich mal auf einen Kaffee zusam­men­setzen oder ihm auch nur einen Euro geben würde, wenn er sie auf der Straße anbetteln würde. Nein, in echt will man mit solchen Leuten ja nix zu tun haben. Aber wenn man sie knapp zwei Stunden auf der Leinwand erträgt, dann hat man das gute Gefühl, sich um die sozialen Probleme der Unter­schicht zu sorgen, ohne sich dabei schmutzig machen zu müssen. Und dann kann man ein bisserl betroffen den Kopf schütteln, dass das doch alles irgendwie ganz schlimm ist, gell, aber letztlich doch auch wieder rührend und nicht ganz ohne Hoffnung, ach ja...
Und so wird dann im Schluss­bild auch klar, dass Bruno bei all seinen Fehlern doch eigent­lich ein armer Hund ist, der sich nur nach jemandem sehnt zum Fest­halten, zum gebor­genen Umarmen. Na und. Though luck – wer tut das nicht...

Und dann habe ich auf dem Filmfest diesen anderen ziemlich fertigen Typen kennen­ge­lernt, Blake, eigent­lich noch viel kaputter als Bruno, und siehe da, DAS war eines der größeren filmi­schen Ereig­nisse des Festivals für mich. Und zwar para­do­xer­weise genau auch deshalb, weil ich bei der Begegnung mit ihm immer außen vor blieb, weil ich in sein Innen­leben überhaupt keine direkten Blicke erhaschen konnte.
Gus Van Sants Last Days war denkbar weit entfernt vom naiven »Realismus« der Dardenne-Brüder. Auch wenn das Geschehen vor der Kamera mit einem Anschein von Zufäl­lig­keit, Spon­ta­n­eität spielt, verrät die Insze­nie­rung immer wieder ihre genau geplante Künst­lich­keit: Die Kamera verharrt meist streng in der (Halb-)Distanz und beschränkt sich auf ein Minimum an Bewegung – was oft eben nur deshalb geht, weil sie weiß, wohin die scheinbar plan- und ziellosen Wege der von ihr beob­ach­teten Figuren führen, weil sie nicht jede von deren Regungen mitmachen muss, in Angst, sie sonst aus dem Bildkader zu verlieren. So kann sie ganz ruhig bleiben, wenn Blake in einem grenz­psy­cho­ti­schen Zustand durch den Wald torkelt und irrt: Er wird ihr nicht entkommen. Und Angst, eine Nuance seiner Gemüts­be­we­gungen zu verpassen, hat sie erst recht nicht – sie wirkt vielmehr geradezu desin­ter­es­siert an Blakes Gesicht: Selbst wenn nicht Entfer­nung und Schatten es nur unde­tail­liert erkennen lassen, bleibt es meist hinter dem wirren Haar­vor­hang halb­ver­borgen. Gus Van Sant kann sich das leisten, weil er einen ganz anderen Weg hat, um einen an den Gefühlen Blakes teilhaben zu lassen, als die Groß­auf­nahme und Emotions-Minen­spiel.
Blake »ist« Kurt Cobain, Last Days eine Fantasie eben über seine letzten Tage bis zum Selbst­mord. Er ist keine Rekrea­tion der Ereig­nisse – erst recht keine drama­ti­sche –, auch kein Versuch einer eindeutig versprach­lich­baren Erklärung. Er ist auch kein Psycho­gramm. Er ist ein Bild-und-Ton-Essay darüber, wie sich so ein Zustand anfühlen könnte, der damit endet, dass man sich die Schrot­flinte in den Mund steckt und abdrückt.
Der Film ist, wie gesagt, sehr stili­siert – nicht nur von seinem strengen Kame­ra­blick her, auch in seiner Musik­aus­wahl (die alles Offen­sicht­liche vermeidet und von der Renais­sance-Motette bis zur abstrakten Sound-Collage reicht), in den Zeit­schleifen, die er manchmal uner­wartet in den Hand­lungs­strom einflechtet, in seinen Momenten surrealen Humors (z.B. dem Besuch eines Vertre­ters für die Gelben Seiten), in über­na­tür­li­chen Einspreng­seln. Eigent­lich führt er einem andauernd vor Augen und Ohren, dass er kein simples Abbild der Wirk­lich­keit ist. Aber trotzdem ertappt man sich ständig bei dem Gedanken, dass es GENAU SO gewesen sein muss: Nicht in irgend­wel­chen fakti­schen Details, sondern vom ganzen Grund­ge­fühl her. Man spürt, wie lang, leer, sinnlos die Tage sein können, wie sich irgend­wann alles nur noch im Kreis dreht, man gerät in den Sog von Blakes seltsam lethar­gi­schen Rausch.
Der Vergleich von L’enfant und Last Days hat sich mir durch nichts anderes aufge­drängt als den zufäl­ligen, rein äußeren Umstand, dass ich die beiden Filme während des Filmfests in fast unmit­tel­barer Nach­bar­schaft gesehen habe, und insofern ist es etwas unfair, zwei solch von allen Voraus­set­zungen und Inten­tionen so unter­schied­liche Werke gegen­ein­ander ausspielen zu wollen. Aber trotzdem war die Gegenü­ber­stel­lung für mich ein sehr sinn­fäl­liges Beispiel dafür, dass im Kino eben »Realismus« und Wahr­haf­tig­keit zwei sehr unter­schied­liche Paar Stiefel sind.
Nichts an Last Days ist »wahr«, aber alles stimmt.

Kurt Cobain hat sich im April 1994 das Leben genommen, und kaum ein anderer Tod dürfte in jenem Jahr weltweit betrachtet soviel tiefe Erschüt­te­rung hervor­ge­rufen haben. Auch nicht, und das ist das Perverse, das millio­nen­fache Sterben in Ruanda – das blieb eine Sache, die uns außerhalb Afrikas doch im Tages­ge­schäft fast überhaupt nicht beein­flusst, betroffen hat. Man nahm den Völker­mord als Nachricht hin, grauste sich hin und wieder etwas and den Fern­seh­bil­dern dazu, aber so richtig inter­es­siert hat es, sind wir ehrlich, kaum einen. Ich will jetzt gar nicht von »der Weltöf­fent­lich­keit« reden und so: Ich meine uns alle, mich voll und ganz inklusive.
Es hat sicher viel mit einer Form von jahr­hun­der­te­altem Rassismus zu tun, einem noch immer »kolo­nialen« Blick auf Afrika, dass dem so war, aber minders­tens ebenso, glaube ich, mit den Gesetzen medialer Vermitt­lung solcher Ereig­nisse. (Wobei das eine vom anderen jetzt nicht naiv als trennbar hinge­stellt werden soll.) Ich für meinen Teil jeden­falls kann sagen: Erst seit ich Shake Hands With The Devil gesehen habe, habe ich einen Schlüssel, um wenigs­tens ansatzs­weise zu begreifen, was sich damals ereignet hat. Man kann bestimmt lange drüber disku­tieren, warum es ausge­rechnet einen Film über eine der wenigen zentralen weißen Figuren der Tragödie dazu gebraucht hat. Und ich glaube auch nicht, dass es vor dem Film keine anderen medialen Möglich­keiten gegeben hätte, diesen Schlüssel zu finden – ich habe mich schlicht für das Thema nicht genug inter­es­siert, um diese zu finden.
Aber jeden­falls gelingt es Peter Raymonts Doku, einem das unfass­bare Ausmaß der Massaker und die unge­heu­er­liche Geschichte, wie es überhaupt zu ihrem unge­bremsten Ausbruch kommen konnte, zugleich intel­lek­tuell wie emotional greifbar zu machen. Indem man – wieder eine dieser »Filmfest-Bekannt­schaften« – einen der tragischsten Prot­ago­nisten des Gesche­hens näher kennen lernt: Romeo Dallaire, den von der rest­li­chen Welt ziemlich im Stich gelas­senen damaligen Komman­danten der hoff­nungslos unter­be­setzten UN-Schutz­truppen. Shake Hands With The Devil begleitet Dallaire auf seinem ersten Besuch in Ruanda nach zehn Jahren.
Ich würde nicht sagen, dass man Dallaire wirklich nahe kommt – der Mann hat Unfass­bares durch­ge­macht, und dass er sich davon nicht in den Selbst­mord hat treiben (vor dem er tatsäch­lich kurz stand), bedingt, dass er seine inneren Dämonen inzwi­schen offenbar sehr stark unter der Ober­fläche zu halten gelernt hat. Nur hin und wieder ahnt man, was da wirklich alles noch in seinem Kopf verborgen sein muss. Dallaire wirkt wie ein durch und durch »solda­ti­scher« Mensch, einer der sich im Griff hat, einer der tut, was von ihm verlangt, erwartet wird. Aber dabei auch ein Sturkopf, der die alte Nummer vom reinen »Befehls­empfänger« offenbar so zu inter­pre­tieren wusste, dass er ‘94 seine Aufgabe durchzog, ob er von seinen Vorge­setzten im Ausland dazu das nötige Material und die nötigen Männer erhielt oder nicht. Einer, der immer wieder an der Begrenzt­heit seines Mandats zu verzwei­feln drohte, aber entschlossen war, in dessen Grenzen alles ihm Mögliche zu tun.
Ein Held? Schwie­rige Frage. Dallaire selbst mag diese Bezeich­nung überhaupt nicht – der Film zielt teilweise schon drauf ab, sie nahe­zu­legen. Aber er hütet sich davor, aus dem Ganzen eine Erfolgs­story zu machen, zu vergessen, dass wir es mit der Chronik des wohl größten Schei­terns der Welt­ge­mein­schaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts zu tun haben. Der Film verliert die Kata­strophe nicht außer Augen, inmitten derer sein Prot­ago­nist versucht, in seiner absurden Situation irgendwie Inte­grität und Mensch­lich­keit zu bewahren.
Nicht zuletzt ist Shake Hands With The Devil damit auch nochmal ein schla­gender Beweis dafür, welch inadä­quater Rühr­kitsch HOTEL RWANDA war – selbst wenn auch die Doku am Ende nicht ganz ohne Hoff­nungs­schimmer und Heilungs­ver­spre­chen zu schmal­ziger Musik auskommt.

WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?

Die deutschen Spiel­filme habe ich quasi nur über Bande mitbe­kommen. Dass ich mir selbst (fast) keinen davon ange­schaut habe, hat haupt­säch­lich zwei Gründe – zum einen meine freimütig einge­stan­denen Vorur­teile gegenüber dem aktuellen deutschen Kino, zum anderen schlicht die Gewiss­heit, dass die inter­es­santen Produk­tionen zumeist ohnehin bald ins Kino kommen und deshalb die Bevor­zu­gung von Filmen, die ich voraus­sicht­lich in abseh­barer Zeit nicht mehr auf einer Leinwand zu sehen bekommen werde.
Aber man muss ja auch nicht alles selber machen. Ein Bekannter, nennen wir ihn Herrn R., hatte es sich auferlegt, möglichst alle deutschen Spiel­filme zu schauen, da er selbst in der Branche tätig ist und es für seine Pflicht hielt, über den aktuellen state of the art infor­miert zu sein. Das war gleichsam ein Menschen­ver­such – ein Expe­ri­ment zum Austesten der Belast­bar­keits­grenze der mensch­li­chen Psyche. Wir anderen, die wir uns im inter­na­tio­nalen Programm tummelten, konnten richtig zusehen, wie Herr R. von Tag zu Tag mehr in sich zusam­men­fiel oder zu erra­ti­schen Ausbrüchen neigte: Der Zustand der deutschen Filmkunst stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben – Leiden Christi nix dagegen...
Nach vier Tagen gefragt, ob er denn schon auch was Schönes gesehen habe in der Reihe, meinte er: Na ja, die Zeppelin-Doku­men­tar­auf­nahmen aus den ‘20er, ‘30er-Jahren in Zeppelin wären hübsch gewesen.
Was, eigent­lich über­flüssig zu sagen, nicht dazu angetan war, mich zum Besuch von mehr deutschen Filmen zu überreden. Zwei Licht­blicke gab es aber: Zum einen produ­ziert man mitt­ler­weile in deutschen Landen schon auch mit viel Geschmack und einer feinen Balance von Sprit­zig­keit und Komple­xität auf inter­na­tio­nalem Niveau. Und zwar Wein. Davon durften sich Menschen, die eine »Ich bin wichtig (oder habe zumindest €25 Akkre­di­tie­rungs­ge­bühr bezahlt)«-Erken­nungs­marke um den Hals trugen, in der VIP-Lounge im Gasteig über­zeugen, wo es erstmals allabend­lich eine kosten­lose Wein­ver­kos­tung gab, und zwar mit Tropfen aus dem hervor­ra­genden WEINLAND RHEINLAND-PFALZ. Wir wieder­holen: Aus dem hervor­ra­genden WEINLAND RHEILAND-PFALZ. Haben ja nie behauptet, unbe­stech­lich zu sein, und es wäre uns schon sehr daran gelegen, die Veran­stal­tung auch für die nächsten Jahre etabliert zu sehen – quasi das unge­sün­dere, aber beschwing­tere Pendant zum tradi­tio­nellen Mine­ral­wasser-Spon­so­ring bei der Berlinale. Jeden­falls gingen wir hier sogar unserer (einst ja noch viel berech­tig­teren als in Film­dingen) freimütig einge­stan­denen Vorur­teile gegen deutschen Sekt verlustig. Und auch unser armer Herr R. hat (aller­dings recht spät) diesen neuen Fixpunkt im Filmfest-Tages­ab­lauf als probates Mittel zur Eindäm­mung des durch deutsche Lein­wand­kost hervor­ge­ru­fenen Frusts entdeckt.
Aller­dings ging mit Einrich­tung dieses segens­rei­chen Services auch eine seltsame Verän­de­rung des Spät­pro­gramms des Münchner Filmfests einher: Der ursäch­liche Zusam­men­hang ist uns noch ein völliges Rätsel, aber plötzlich schien in der 22:30-Uhr-Schiene eine ganz außer­ge­wöhn­lich hohe Anzahl von Filmen zu laufen, die mit schwan­kender Hand­ka­mera und dauernden Doppel­be­lich­tungen arbei­teten, uns aber famos lustig erschienen...
Der zweite Licht­blick aber war in der deutschen Reihe der außer­or­dent­lich schöne Streifen Die Quer­ein­stei­ge­rinnen von Rainer Knep­perges und Christian Mrasek, zwei Kämpen aus dem Kölner 183 Filmclub. Den ließ ich mir dann doch nicht entgehen, zum einen, weil Freunde des Münchner Werk­statt­kinos tradi­tio­nell in Treue fest zu der Kölner Super8-Truppe zu stehen haben, zum anderen, weil DER Film natürlich noch keinen Verleih hat: Der biedert sich dem deutschen Filmquas-Zeit­ge­schmack halt gar nicht an; sprich, es ist ein sehr schöner Film, aber nix, womit die hiesige Film­wirt­schaft (das Wort sagt ja schon alles) was anzu­fangen wüsste. Dafür habe ich ihm andern­orts wenigs­tens gleich eine ausführ­liche Lobesrede ange­deihen lassen. Und es war auch der letzte deutsche Film, den unser gebeu­telter Herr R. sich zu Gemüte führte, und das erwies sich als glück­liche Fügung – danach war er wieder mit der Welt versöhnt.