24.02.2005
55. Berlinale 2005

Rückblicke des Festivals

Wes Anderson am Ruder von THE LIFE AQUATIC

Rückblicke des Festivals

DIE RÜCKKEHR DES ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN

Von Thomas Willmann

Es war eine insgesamt eher unspek­ta­kuläre Berlinale. Aber das ist noch lange nichts Schlechtes. Viel wurde geschimpft über die Auswahl der Filme, die Zusam­men­set­zung der Jury, die Preis­ent­schei­dungen. Doch dabei wurde man das Gefühl nicht los, dass die Presse schon vorab beschlossen hatte, dass die Flit­ter­wo­chen für Koslick jetzt vorbei sein müssten und man alles möglichst durch die schwarze Brille sehen wollte.

Einen Moment gab es, wo sich die Berlinale, wo sich Koslick tatsäch­lich höchst unsou­verän, undi­plo­ma­tisch, töricht verhalten haben: Als sie HEIGHTS nach Programm­druck­le­gung wieder aus dem Wett­be­werb ausluden (wo er ohnehin außer Konkur­renz gelaufen wäre), weil Haupt­dar­stel­lerin Glenn Close ihr Kommen abgesagt hatte.
Aber selbst hierbei wurde doch nur offiziell, was längst kein Geheimnis mehr ist, und was tiefer an einem Problem rührt, das alle Film­fes­ti­vals, ja, dass das heutige Kino überhaupt betrifft: Es
gibt Filme, die gezeigt werden, weil sie in irgend­einer Weise für preis­würdig gehalten werden, und es gibt Filme, die nur gezeigt werden, um Stars anzu­lo­cken, weil deren Auftreten allein das Interesse einer breiten Öffent­lich­keit garan­tiert. Und beide Kate­go­rien werden als etwas ziemlich getrenntes vonein­ander betrachtet.

Es entwi­ckelt sich in den letzten Jahren in aller Herren Länder immer mehr so etwas wie ein Genre des Festival-Films: Das sind Filme, die man kaum außerhalb von Festivals zu sehen bekommt, dort aber zuhauf und in immer ähnli­cherer Gestalt. Filme, die genau einen Erwar­tungs­ka­talog erfüllen, der von Jurys, Presse und Publikum offenbar an das jeweilige Herkunfts­land gestellt wird. So sehr ich prin­zi­piell, um nur ein Beispiel zu nennen, das asia­ti­sche Kino schätze – aber ich kann langsam keine leicht impres­sio­nis­ti­schen, leicht verschro­benen, in langen Einstel­lungen gefilmten Filme über abhän­gende japa­ni­sche Mitt­zwan­ziger mehr sehen.

Filme, die solche Schemata (von denen es insgesamt nicht mehr als ein Dutzend gibt) erfüllen, haben offenbar ein gewisses Midnestmaß an Festi­val­teil­nahmen und damit Auslands­ver­käufen so gut wie gebucht, dass sie für Finan­ziers ein relativ sicheres Geschäft sind.
Was ihnen abgeht sind Über­ra­schungs­mo­mente, ist künst­le­ri­sche Leben­dig­keit, ein Dialog, den sie mit Kino­spiel­arten außerhalb ihrer einge­fah­renen Tradi­ti­ons­linie oder mit der Welt selbst führten. Das Kino wird immer mehr zur Ange­le­gen­heit für Spezia­listen. Wir Cineasten müssen uns langsam wohl damit abfinden, dass es als Kunstform im 21. Jahr­hun­dert einen Weg gehen könnte wie die Oper im 20.: Vom Zentrum der Gesell­schaft, vom komplet­testen, rele­van­testen Medium für Erfassung und Vers­tändnis seiner Zeit und Kultur hin zur Rand­er­schei­nung.

Immer weniger Filmen gelingt es, aus inhalt­li­chen, künst­le­ri­schen Gründen allge­meines Aufsehen zu erregen. Was die große Öffent­lich­keit vom Kino mitbe­kommt, das steht meist in direkt propor­tio­nalem Verhältnis zum jewei­ligen Werbe­budget, und was sie inter­es­siert, das ist haupt­säch­lich Klatsch und Tratsch um Stars. Wir leben derzeit in einer Kultur, die Ruhm als etwas von ziemlich allen anderen Faktoren losgelöstes Phänomen produ­ziert, in der Prominenz ein arbi­trärer Selbst­wert und Selbst­zweck ist.
Daran kann inzwi­schen kein Festival-Preis mehr etwas ändern, ob er nun aus Berlin kommt oder Venedig – oder inzwi­schen auch aus annes. Für die Rezeption durch ein großes Publikum, für eine Diskus­sion außerhalb des Kreises der Film­ver­rückten, für eine Weichen­stel­lung in der ästhe­ti­schen Entwick­lung des Kinos werden diese Auszeich­nungen zunehmend bedeu­tungslos. Und das nicht ganz zu Unrecht.

Das Problem an einem Jury-Präsi­denten Emmerich – wenn es da überhaupt eins gibt – ist nicht, dass der Mann selbst teure Filme mit Special effects-Fetisch macht. Grade davon könnte man sich ja mal eine ganz andere Perspek­tive erwarten. Das Problem ist, dass er ziemlich sicher nicht einfach seinem Instinkt vertraut, sondern ein Bild davon hat, welche Art Filme bei einer solchen Art Festival für Preise in Frage kommen dürfen.

Zum Goldenen Bären an U-CARMEN eKHAYELITSHA kann ich nicht viel sagen, ich habe den Film nicht gesehen. (Überhaupt ein Natur­ge­setz: Es gewinnt immer ein Film, den ich nicht gesehen habe.) Aber, sind wir ehrlich, soviel ist gewiss: Egal an welchen Wett­be­werbs-Film der Preis gegangen wäre, gemeckert hätte die Presse auf jeden Fall. Es gab nichts im Angebot, auf das man sich einfach hätte einigen können. Und das betrifft insbe­son­dere den einen Film, der in einer gerechten Welt haushoher Favorit hätte sein müssen, weil er der mit Abstand schönste, origi­nellste, aufre­gendste Film des Festival war (und viel­leicht der schönste des Kino­jahres wird, obwohl da bis jetzt auch 2046 und UN LONG DIMANCHE DE FIANÇAILLES ein entschei­dendes Wörtchen mitzu­reden haben): Wes Andersons THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU.

Aber Festi­val­preise gehen ja nicht einfach nur an tolle Filme – die müssen immer ein Zeichen sein, müssen symbo­lisch gelesen werden können. Und para­do­xer­weise hat vermut­lich gerade die Wahl Emmerichs zum Vorsit­zenden von vorn­herein garan­tiert, dass nichts, was aus Hollywood kommt, eine Chance hatte. Weil Emmerich auf keinen Fall hätte das Bild erfüllen wollen, das viele Kritiker von ihm haben.

Solche Preis­ent­schei­dungen sind eine Ange­le­gen­heit von Proporz, wie auch die Zusam­men­stel­lung des Wett­be­werbs: Da wird viel Rücksicht genommen auf Länder­in­ter­essen, auf das richtige Partei­buch, wird Bildungs­an­spruch groß­ge­schrieben, aber dann auch wieder ums Massen­pu­blikum gebuhlt. Deshalb ist es mehr als passend, dass einer der Haupt-Sponsoren und Medi­en­partner der Berlinale inzwi­schen nicht mehr ein Privat­sender ist, sondern das ZDF.
Da kann man eine nicht geringe Geis­tes­ver­wand­schaft ausmachen – und das nicht nur im negativen Sinne. (Der eigent­liche, größte Skandal der jüngeren Berlinale-Geschichte ist die Abschaf­fung der Mitter­nachts­reihe im Delphi, der einzigen Nische für Genre-, sprich das wahre Kino.) Alles ist ein bisschen weniger markt­schreie­risch geworden als zu Hoch­zeiten des New Economy-Booms. Und abseits
des Haupt­pro­gramms (und manchmal auch dort) gab es etliche wunder­bare Filme zu sehen: Viele – auch das wirkt »öffent­lich-rechtlich« – starke Dokus wie INSIDE DEEP THROAT, BASED ON A TRUE STORY, PROFILS PAYSANS: LE QUOTIDIEN. Und zwar nicht revo­lu­ti­onäre, neue Kino-Welten eröff­nende, aber auf ihre Weise doch begeis­ternde Werke wie THE HIDDEN BLADE, ADAM & PAUL, KEKEXILI – MOUNTAIN PATROL und (mein persön­li­cher Top-Favorit) CRUSTACÉS ET COQUILLAGE. (Von der exzel­lenten Retro inklusive der Gele­gen­heit, mal wieder den kompletten Kubrick im Kino zu ehen, ganz zu schweigen.)

Dass diese Filme auf dem Festival, gleich in welchen Reihen, zu ntdecken waren, das ist doch letztlich das Wich­tigste. Man sollte es viel­leicht mal anfangen, als Chance zu sehen, dass auch ein A-Festival heut­zu­tage keine im eigent­li­chen Sinne welt­be­we­gende Ange­le­gen­heit mehr ist. Dass der Main­stream, die Gesell­schaft ziemlich unberührt bleibt von was immer dort an eigent­lich filmi­schen Dingen statt­findet. Das ganze Heulen, Kreischen, Zähne­klap­pern um den Wett­be­werb und die Jury dreht sich ja letztlich viel weniger um Filme als um Film­po­litik. Und wenn der dies­jäh­rige Berlinale-Wett­be­werb mal wieder was bewiesen hat, wann immer er Betrof­fen­heits-Kino, Partei­buch-Filme, Leinwand-Thesen­pa­piere präsen­tierte, dann, dass nichts unwich­tiger ist als mit großem Gutmen­schen­ge­wissen beab­sich­tigte Film-Politik.