15.02.2005
55. Berlinale 2005

Tagebuchnotizen: 15.02.2005

Adam & Paul

Tagebuchnotizen: 15.02.2005

Waiting for What’s-his-name

Von Thomas Willmann

Dies weiner­liche Gesicht, wenn wieder mal was schief­ge­laufen ist – und es läuft eigent­lich dauernd alles schief. Diese treu-naïve Unter­wür­fig­keit gegenüber seinem stets latent von der Dummheit seines Partners genervten Freund, der alles besser zu wissen meint – und der eigent­lich noch viel weniger Ahnung hat. Diese Fähigkeit, immer das falsche Wort zum falschen Zeitpunkt parat zu haben, das Schla­massel immer noch größer zu machen. Und diese Augen unter den hoch­ge­zo­genen Brauen, die alles an der Welt stau­nens­wert zu finden scheinen und aus den trotz allem ein uner­schüt­ter­li­ches Vertrauen spricht: Es dauert nicht allzu lang, bis der Groschen fällt, an wen einen das alles erinnert. Adam & Paul könnte auch heißen Stan & Ollie – und Regisseur Lenny Abra­hamson nannte das geniale Stummfilm-Komi­ker­paar im anschließenden Publi­kums­ge­spräch auch gleich als seine Inspi­ra­ti­ons­quelle.
Man muss sich nur vorstellen, was aus Mr. Laurel & Mr. Hardy geworden wäre, wenn das Schicksal sie in Dubliner Junkies verwan­delt hätte. Zwei Kack­spechte im Kampf gegen das Dasein, hier nicht auf der ewigen Jagd nach dem Traum von ein klein bisschen Erfolg sondern nach dem nächsten Schuss, immer auf Ausweich­kurs gegenüber den Auto­ri­täten, immer ziel­strebig von einer kleinen Kata­strophe zur nächsten tappend. Und wo das Schicksal grade mal nicht zur Hand ist, ihnen ein Bein zu stellen, da schafft es ihre eigene Dummheit bestimmt gerade dann, wenn sie sich besonders clever wähnen. Adam & Paul ist quasi eine Komödie, so wie Aki Kauris­mäkis Filme meist Komödien sind. Das Lachen hat was Exis­ten­zi­elles – Dreh­buch­autor und Haupt­dar­steller Mark O’Halloran liebt Beckett so sehr wie sein Regisseur Laurel & Hardy. Was anfangs noch wie eine dieser stan­dard­mäßigen, nur etwas ins Extrem getrie­benen Filme über zwei Slacker wirken mag, kriegt relativ bald Tiefe, zeigt eine ziemlich bittere Seite. Der Tod ist in Adam & Paul nie fern.
Komik hat immer was mit Verlet­zung zu tun, lustig ist immer das Elend anderer, so lange es in eine sichere Distanz gerückt wird. Wie der Stan Laurel-Vertreter (Tom Murphy) der beiden – welcher nun Adam und welcher Paul ist, lässt sich den ganzen Film über nicht ausmachen – im Verlauf des Films zunehmend rampo­niert wird, sich erst das Bein, dann die Hand, dann die Nase schrottet, das ist ein Slapstick-Running-Gag. Aber grade im Emotio­nalen gibt es Verlet­zungen in diesem Film, die tuen wirklich weh. Wenn man am wenigsten damit rechnet, dann wird der Film plötzlich ganz zärtlich, zaubert ein paar Sekunden Utopie hin mit Adam, Paul, der Witwe eines Kumpels und ihrem Baby. Dann stellt er gleich danach unser Mitgefühl mit den beiden, das wir ihnen bei einem heillos unbe­hol­fenen Laden­dieb­stahl-Versuch gerne entge­gen­bringen, auf eine harte Probe: Geld muss her, egal wie, von Stärkeren schaffen es Adam und Paul nicht, es sich zu holen, und Schwächere gibt es nicht viele – sie versuchen, einen Jungen mit Down-Syndrom auszu­rauben, der an der Bushal­te­stelle wartet. Freilich klappt nicht mal das, der Bub hat kein Geld dabei.
Nicht jeder Ton in Adam & Paul sitzt perfekt, während Tom Murphy ziemlich brillant ist, merkt man Mark O’Halloran manchmal in mikro­spko­pi­schen Details doch noch an, dass alles bloß Schau­spiel ist. Manchen Episoden, gerade zu Beginn, haftet ein Rest der Gewollt­heit, des Gags um des Gags willen an. Aber wann immer es wirklich heikel wird, wie in der Szene mit dem behin­derten Jungen, dann leistet der Film sich keinen Fehltritt. Dieser gelungene Balan­ceakt auf rasier­mes­ser­scharfen Klingen ist es, der ADAM & PAUL letztlich groß macht. Er schafft es, über den Weg des Humors eine zöger­liche Liebe zu entwi­ckeln für Charak­tere, die man unter anderem Blick­winkel nur widerlich fände. Ihm gelingt Mitgefühl – nicht Mitleid. Er hält sich fern von Problem­film-Klischees wie von der Coolness eines Train­spot­ting. Und er kriegt das hin, ohne roman­tisch zu verharm­losen. Am Ende wird Adam & Paul verdammt bitter. Ohne zuviel zu verraten: Da macht er sich keine Illu­sionen drüber, dass für einen Junkie im Endsta­dium irgendwas, und sei es lang­jäh­rige Freund­schaft, mehr zählen könnte als der begehrte Stoff.