03.03.2005
55. Berlinale 2005

Folge 3: Der Checker

Der Lieblingsfilm unseres Autors:
THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU

Folge 3: Der Checker

Eine kleine Typologie der Pressekonferenz-Fragesteller (Fortsetzung und Schluss)

Von Thomas Willmann

Zeit für ein Geständnis: Die beiden bishe­rigen Liefe­rungen dieser kleinen Typologie enthielten schon ein gewisses Maß an sati­ri­scher Über­trei­bung. Weniger, als mancher glauben wird, aber immerhin.
Zur Abwechs­lung drum mal reale Fälle, eiskalt darge­boten so nackt wie Gott sie schuf, bzw. Zeit­zeugen der Geschichte sie erleben konnten. Wobei: Ein bisschen Schummeln muss sein, weshalb folgendes Exempel nicht auf einer Pres­se­kon­fe­renz aufge­spielt wurde, sondern bei einem Publi­kums­ge­spräch. Es sei aber versi­chert, dass ähnliche Vorkomm­nisse auch mit Jour­na­listen in der Literatur belegt sind.

Ereignet hat sich die folgende inves­ti­ga­tive Meis­ter­leis­tung nach einer Vorfüh­rung von Raymond Depardons PROFILS PAYSANS: LE QUOTIDIEN. Ein sehr schöner Film übrigens, eine still bewegende, von einer großen, unaus­ge­spro­chenen Trau­rig­keit getragene Doku über fran­zö­si­sche Klein­bauern und ihre im Verschwinden begrif­fene Welt. Es geht um Dörfer, in denen nur noch eine Familie wohnt. Es geht um 80-jährige Schäfer, die keine Nach­folger haben. Um Bauern, die ihre Höfe verkaufen und sich in der Vorstadt zu Ruhe setzen.
Und was es war, wird wohl ein Geheimnis bleiben: War es ein grund­le­gendes Miss­trauen gegen das Medium Film, ein Bedürfnis nach expli­ziter Versprach­li­chung? Eine Unzu­frie­den­heit, dass sich in dem Film nicht endlich mal jemand hinstellt und in die Kamera sagt, dass keine Nummer­girls durch­tanzen und Schilder hoch­halten auf denen steht: »Der fran­zö­si­sche Klein­bauer ist am Aussterben«? Waren es die Folgen eines ausge­dehnten Kino-Nicker­chens? Oder war es doch ein besonders feines Gespür für den Kern eines Films, dass so eine vage Ahnung ins Bewusst­sein tele­gra­fierte für eine schon sehr gewagte Lesart des eben Gesehenen?

Irgend etwas davon jeden­falls muss einen jungen Herrn dazu getrieben haben, folgende Frage zu stellen, die Raymond Depardon wahr­schein­lich heute noch an seinen Fähig­keiten zweifeln lässt, als Regisseur die wesent­lichsten Punkte so klar rüber­zu­bringen, dass man nicht mehr drüber sprechen muss: »Würden Sie,« und dies durchaus im Ton der Unge­wiss­heit gefragt, »sagen, dass die Welt der Klein­bauern eine sterbende Welt ist?«

Folge 4: Die Ich-glaub-ich-bin-im-falschen-Film-Frau

Weil’s so schön war, gleich noch eine Folge »nach einer wahren Bege­ben­heit«, und diesmal sogar original aus einer Pres­se­kon­fe­renz. Und zwar aus der zum Eröff­nungs­film, MAN TO MAN.
Dass es sich ausge­rechnet um eine Frau, und ausge­rechnet eine Dame aus Indien handelte, tut für den Typus, den sie vertritt, nicht viel zur Sache. Typisch ist eher, dass sich bei ihr offenbar eine gewisse Uner­fahren-, Unin­for­miert­heit mit einer merk­li­chen Beflis­sen­heit paarte – eine Kombi­na­tion, die man bei, beispiels­weise, jungen deutschen Männern genauso antreffen kann, die aber jeden­falls gern zu einer Frage wie der folgenden führt: »Können Sie etwas sagen dazu, welche Ände­rungen sie beim Prozess der Verfil­mung an dem Roman vorge­nommen haben?«

Ist jetzt an sich keine schlechte Frage, kann man schon mal bringen. Ist halt nur meistens etwas ange­brachter bei Filmen, die auch wirklich auf einem Roman basieren – das ist dann oft sehr hilfreich.
So ist das Ergebnis dann nicht ganz so infor­mativ, außer eben für die Jour­na­listin, die danach bestimmt ihren Lebtag nicht vergessen wird, dass MAN TO MAN keine Roman­ver­fil­mung ist. Wobei Regisseur Régis Wargnier der Situation sehr charmant ihre Pein­lich­keit nahm: Nachdem das Miss­ver­s­tändnis ausgeräumt war, meinte er, wenn sein Film sich anfühle, als wäre er ein Roman, dann nähme er das als Kompli­ment.

Mit Schirm, Scham und Melone

Wir hatten in einem unserer früheren Beiträge verspro­chen, weiterhin ein Auge zu haben auf das große Leitmotiv der dies­jäh­rigen Berlinale: Tisch­fuß­ball-Spiele.
Und siehe da, drei sind tatsäch­lich noch dazu­ge­kommen. Eine sehr promi­nente Rolle spielt ein Kicker-Tisch in der groß­ar­tigen Wolf Haas-Verfil­mung SILENTIUM, aber das ist so grauslig, das trauen wir uns hier gar nicht erzählen, das schauen Sie sich gefäl­ligst selber an, husch!

Die anderen beiden kamen eher am Rande vor. Das eine in unserem Liebling THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU, wo es als kleines, aber unver­zicht­bares Ausstat­tungs-Detail zur Tauch­fahrt in die ‘70er-Jahre beiträgt. Das zweite, auch nur ein paar Sekunden zu sehen, gab’s in VIOLENT DAYS von Lucile Chaufour – ein span­nender Film über die Lange­weile. Und damit ein instruk­tiver Kontrast zu Tsai Ming Liangs THE WAYWARD CLOUD (TIAN BIAN YI DUO YUN) im Wett­be­werb.

VIOLENT DAYS zeigt, halb­do­ku­men­ta­risch, eine Handvoll fran­zö­si­scher Rocka­billy-Fanatiker auf dem Weg zu einem Konzert – die ewig lange Anfahrt, das Rumlun­gern vor dem Abend, das Konzert selbst. Man braucht eine Weile, das Prinzip zu kapieren und zu akzep­tieren, aber dann ist es grade das Inter­es­sante, Radikale an dem Film: Die vier (drei Typen, eine Frau) lang­weilen sich, egal, was sie machen. Nominell ist das Konzert DAS große Ding für sie, ihr Lebens­in­halt, das, worauf sie sich die ganze Woche freuen, aber letztlich wirken sie dort nicht glück­li­cher als in ihren stupiden Jobs, die man am Anfang kurz kennen­lernt. Ohne viel Aufhebens, Handlung oder Dialog zeichnet VIOLENT DAYS dabei schön wieder­erkennbar die verschie­denen Charak­tere, die innere Dynamik der Gruppe: Der Anführer, der Mitläufer, der Spack. Und beweist nebenbei mal wieder: Die tollsten Frauen hängen immer total an den größten Arschlöchern.
Das muss am Sex liegen, aber THE WAYWARD CLOUD lehrt uns, dass Sex eigent­lich auch eine ziemlich stupide und lang­wei­lige Ange­le­gen­heit sei. Selbst wenn man auf eher ausge­fal­lene Ideen kommt, wie die, halbe Wasser­me­lonen der Frau vor die Scham zu klemmen oder dem Mann auf den Kopf zu setzen.

Jetzt haben wir zuletzt GOODBYE, DRAGON GATE INN von Tsai Ming Liang ja wirklich heiß und innig geliebt. Aber mit THE WAYWARD CLOUD hat der Gute sich echt verga­lop­piert. Es gibt eine Szene, da wird einem plötzlich klar, was dem Rest des Films abgeht: Da entkommen in der engen Küche die zum Kochen vorge­se­henen Krebse und müssen wieder einge­fangen werden. Wie praktisch jede Szene in dem Film geschieht dies in einer einzigen, stati­schen, laaaaa­angen Einstel­lung. Aber weil Krebse nunmal wenig Ahnung von Filmkunst haben und auf Regie­an­wei­sungen sehr gleich­gültig reagieren, muss die Kamera hier ein unvor­her­seh­bares Geschehen wirklich beob­achten. Während es sonst keine Neugier gibt, nur verkopftes Konzept. Dass man auch konstru­ierte, völlig insze­nierte und ziemlich hand­lungs­freie Momente durchaus selbst in äußerst unauf­ge­regtem Tempo und mit gehöriger Dauer so bringen kann, dass es begeis­tert, hat Tsai Ming Liang selbst bestens bewiesen, siehe GOODBYE, DRAGON GATE INN. Aber was THE WAYWARD CLOUD dazu fehlt, ist schlicht und einfach Gespür für Rhythmus. Und das ist für einen Film mit Musical-Einlagen (und viel Sex) tödlich. THE WAYWARD CLOUD ist lähmend unmu­si­ka­lisch – und das selbst in Szenen, wo Dutzende Statisten mit (als Wasser­me­lonen bemalten) Schirmen herum­tanzen.
Da hilft alles, was der Film über Sex, Geschlech­ter­be­zie­hungen und Macht meint zu sagen zu haben, da helfen alle netten Leit­mo­tive wie die Melonen oder die große, Taiwan lähmende Dürre nichts: Es bleibt ein einziges trockenes Gerubbel.