07.09.2004
61. Filmfestspiele von Venedig 2004

Tagebuchnotizen, 4. Folge

Palindromes
Komplex und leidenschaftlich: PALINDROMES
(Foto: Wellspring Media)

Vorteil Solondz!
The meaning of timing, Palindrome und andere Kulissenspiele

Von Rüdiger Suchsland

»Welcome to the breakfast-screening! Mr.Müller is soon gonna serve you some crois­sants; then I am gonna tell him the meaning of timing. And after that I will put his feet in concrete and throw him into the Canal Grande.« – Miramax-Boss Harvey Weinstein war offen­kundig gut drauf, als morgens, kurz nach zwei, endlich doch noch NEVERLAND Premiere hatte, und Johnny Depp doch noch auf dem roten Teppich entlang lief. Aber bei Weinstein, auch wenn er fröhlich grinst, weiß man nie so genau, ob er das, was er sagt, ernst meint oder nicht. Marco Müller jeden­falls war sich offenbar nicht so sicher. Oder bei den Verspä­tungen handelt es sich um eine besonders trick­reiche Finte: Die Stars werden zwar an den Lido gelockt, ein Foto für die Zeitung wird gemacht, damit die Politiker in Rom zufrieden sind, die mehr Glamour einge­for­dert haben, ansonsten stören sie aber nicht weiter.

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Unter seinem neuen Leiter wirkt das Festival am Lido nach einer knappen Woche chao­ti­scher denn je. Noch nie waren die Verspä­tungen so groß wie diesmal. Und wenn die Filme pünktlich anfangen, dann über­schneiden sie sich zum Teil mit ihren eigenen Pres­se­kon­fe­renzen, weshalb nur dieje­nigen dort sind, die den Film noch nicht gesehen haben. Aller angeb­li­chen Entschla­ckung zum Trotz ist das Programm dicht gedrängter und unüber­sicht­li­cher denn je, genauso wie der Platz vor dem Festi­val­zen­trum. Noch vor zwei Jahren konnte man hier entspannt in der Sonne sitzen, heute sieht es aus wie auf dem Münchner Oktober­fest: Dicht drängen sich die Jahr­markts­buden neben­ein­ander: DVD-Stände und Tele­fon­ge­sell­schaften. Bald werden die Sponsoren das Festival abschaffen, weil es doch nur den Gang der Geschäfte stört.

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Aviva, ein 12-jähriges Mädchen, beschließt, Mutter zu werden. Sie tut alles dafür, doch als sie schwanger wird, zwingen sie die Eltern zur Abtrei­bung. Weil der Arzt einen Fehler macht, kann sie nie wieder Kinder bekommen. Die Eltern verschweigen ihr dies. Sich unver­standen fühlend, und immer noch in der Hoffnung, schwanger zu werden, reißt Aviva von zuhause aus. Per Anhalter, dann mit einem Boot, dann zu Fuß und schließ­lich wieder per Auto ist sie unterwegs. Schnell wird die Reise zu einem Weg ins Gehölz Amerikas, Traum­fahrt und Seelen­trip, éducation senti­men­tale, auf der Aviva guten und bösen Menschen begegnet, Geistern und Monstern. Am Ende schließt sich ein Kreis, doch ob irgend­etwas ist, wie zuvor, bleibt offen.
Dies ungefähr ist die Hand­lungs­struktur von PALINDROMES, dem mit beson­derer Spannung erwar­teten Film von Todd Solondz. Ein Palindrom ist ein Wort, das sich in beide Rich­tungen lesen lässt, wie Otto, Bob oder eben Aviva. Dies Prinzip entspricht der Struktur des Films ebenso wie den Haltungen, die wir ihm gegenüber entwi­ckeln können. »Es bleibt immer dasselbe«, heißt es einmal. Gewidmet ist der Film Dawn Wiener, der Haupt­figur von Solondz Erstling WELCOME TO THE DOLLHOUSE.

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PALINDROMES ist ein ebenso inter­es­santer wie schwie­riger Film, schwierig, weil er sich sperrt, er nicht auf Anhieb vers­tänd­lich ist. Vom ersten Augen­blick an meint es Solondz ganz ernst. Das hat jener Teil des Publikums nicht verstanden, der den Film mit bisher noch nicht erlebter Lach­be­reit­schaft verfolgte, wohl in Erwartung, ein zweites HAPPINESS zu erleben, obwohl es auch in dem nicht so viel zu lachen gab. Hier gibt es ironische und sarkas­ti­sche Dialoge, aber im Prinzip sehr wenig zu lachen. Dafür ist die Geschichte um Häss­lich­keit und White-Trash-Spießertum, Miss­brauch und christ­li­chen Funda­men­ta­lismus, Gewalt und Liebe zu traurig, die Abgründe zu tief, die hier aufge­rissen werden.
Dies ist kein Film, den man auf den ersten Blick lieben kann, aber auch weit entfernt von aller »Menschen­ver­ach­tung«, die ihm manche vorwarfen. Solondz ignoriert vermeint­liche Einver­s­tänd­nisse, bricht mit Tabus, ohne aus dem Tabubruch wiederum eine Pose zu machen, hält sich nicht an vermeint­liche Einver­s­tänd­nisse der Erzählens.
Dazu gehört auch die faszi­nie­rende Idee, die Haupt­figur von mehr als einem halben Dutzend verschie­dener Darstel­le­rinnen spielen zu lassen – gleich­zeitig, d.h. dass ihr Alter hier keine Rolle spielt. Eben­so­wenig äußere Ähnlich­keit oder ihre Hautfarbe. Eine von ihnen ist Jennifer Jason Leigh, die hier eine 20 Jahre jüngere Figur spielt.
Dies alles muss einem nicht nur einfallen, man muss es auch umsetzen. Das gelingt Solondz. Es ist hoch­span­nend, zu erleben, wie das Verviel­fa­chen der Darsteller den Zuschauer-Blick verändert: Man bleibt distan­ziert, beginnt aber überhaupt auch einmal zu spüren, welchen Einfluß das Aussehen eines Darstel­lers auf die Wahr­neh­mung hat.

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Ande­rer­seits wirkt dies alles auch wie eine Idee, die extra für Film­kri­tiker eingebaut wurde, um ihre Inter­pre­ta­ti­ons­ma­schine zum Kollaps zu bringen. Ganz konse­quent ist Solondz hier sowieso nicht, lässt er Aviva doch mal von Schwarzen, mal von Weißen spielen, aber weder von einem Mann, noch von einer Alten.
Und noch ein Eindruck, vorläufig ganz irra­tional: Irgendwas stimmt nicht mit diesem Film, irgend­etwas fehlt. Aber dass das einen das auch am Tag später beschäf­tigt, spricht für den Film.
Es bleibt dabei: PALINDROMES ist intel­li­gent und stel­len­weise großartig, komplex und leiden­schaft­lich. Dass er es immer ernst meint, kann nun auch ein Todes­ur­teil über einen Regisseur sein, und Ähnliches könnte man wohl auch über Mike Leigh formu­lieren. Aber bei Solondz ist dies vor allem eine Aussage über die Form. Sein Blick ist genau, liebevoll, neugierig. Und so schafft er berüh­rende Momente: Etwa als sich ein Paar verab­schiedet, im Wissen, dass der Mann gleich von der Polizei erschossen wird: »My real name is Bob.« – »Mine is Aviva.«
Oder wenn Solondz eine Familie christ­lich-reak­ti­onärer US-Funda­men­ta­listen in all ihrer Herz­lich­keit und Nettig­keit zeigt, die es auch gibt, ohne dass der Zuschauer je vergisst: Hier steht der Feind; dieses Milieu ist es, dass für alles steht, was man an den USA nicht mag. Auch das muss einem als Regisseur erst einmal gelingen.

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Todd Solondz ist also jeden­falls nicht »nur ein One-Hit-Wonder«, wie es einer etwas zu hübsch gleich nach der Vorstel­lung meinte. Man tut ihm Unrecht, wenn man seine neuen Filme immer mit seinem Meis­ter­werk HAPPINESS vergleicht. Der ist ja nun auch schon über sechs Jahre her, und zudem gelingen auch anderen Regis­seuren nicht mit jedem Film Meis­ter­werke (am Mittwoch läuft zum Beispiel der neue Film von Wim Wenders).

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Milde enttäuscht hat dagegen Claude Chabrol mit LA DEMOISELLE D’HONNEUR. Viel­leicht ist es Ruth Rendells Vorlage, die dieses Krimi-Kammer­spiel arg ange­staubt erscheinen lässt, viel­leicht die Atmo­sphäre eines Festivals, bei dem Mittel­mäßiges am meisten Wirkung einbüßt. Was bleibt von einem Film ohne allen Chabrol-typischen Humor und soziale Spitzen, sind allein zwei hübsche Haupt­dar­steller.

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Auch nach zwei Tagen wirkt Spike Lees SHE HATE ME immer noch nach. Was wir beim letzten Mal unter­schlagen haben, war, dass der Film auch seiner Schau­spieler wegen großartig ist: Woody Harrelson spielt einen bösen Manager und John Turturro einen gutmü­tigen Mafiaboss. In dessen Wohnung hängt ein großes Poster von Coppolas Paten, und einmal ahmt Turturro auf wunder­bare Weise das Nuscheln Marlon Brandos nach. Der Film, das vergessen auch jene, die Lee jetzt allen Ernstes vorhalten, dass er einige Dinge zeigt, die »in der Wirk­lich­keit« anders sind, ist nicht zuletzt eine gute, sati­ri­sche Komödie, in der alle ihr Fett abkriegen.

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Um zum Abschluss noch ein paar Kollegen zu zitieren: Ausge­rechnet der Vertreter einer süddeut­schen Tages­zei­tung, der sonst immer so freund­lich wirkt, als könne er kein Wässer­chen trüben, meinte nach Besuch von Amos Gitais PROMISED LAND, dies sei »ein unver­schämter Scheiß­dreck«. Recht hat er, aber wann hätte Gitai je einen auch nur halbwegs guten Film gemacht? Und über Johnnie To hörte man, ebenfalls zu Recht: »Der macht zu viele Filme.« Leider ist damit über dessen Judo-Film RUDAO LONGHU BANG tatsäch­lich alles gesagt.
Schließ­lich möchte ein anderer Kollege nach Ansicht von Oscar Roehlers AGNES… in Zukunft jeden Text à la Cato mit dem Satz beenden: »Und im Übrigen sollte Katja Rieman Film­verbot bekommen.«

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Noch immer verfehlt der Zauber des Ortes seine Wirkung nicht: Alles ist hier fürein­ander Kulisse: Kanäle, Gondeln und Paläste für den Auftritt der Stars – und diese umgekehrt für Venedig. Noch fünf Tage lang geht die Show weiter, dann werden die Löwen verteilt.
Ein klarer Preis­fa­vorit hat sich also noch nicht heraus­ge­schält. »Vorteil Solondz« darf man wohl für heute formu­lieren. Aber weil Timing alles ist, im Kino und bei Film­fes­ti­vals, sieht morgen viel­leicht alles schon wieder anders aus.