16.05.2002
17. DOK.fest München 2002

Der familiäre Blick

Filmplakat »Family«
Filmplakat Family

Zum Abschluß des Internationalen Dokumentarfilmfestivals 2002

Von Claus Schotten

»I love you, you love me,
together we are a happy family«

(Family)

»Der familiäre Blick«, so könnte man in Anspie­lung an den Titel des Themen­schwer­punktes vor zwei Jahren das heimliche Motto des dies­jäh­rigen Wett­be­werbs und insbe­son­dere der Preis­träger nennen. Trotz – oder gerade wegen – der ange­spannten Weltlage fanden viele Filme­ma­cher die span­nendsten und aufre­gendsten Themen im Kreise der eigenen Familie. Der intime Blick und persön­liche Betrof­fen­heit können zu besonders enga­gierten Filmen und mitreißenden Einbli­cken führen, wenn das Grund­thema von hinrei­chend allge­meinem Interesse ist – oder der Film, wie im Fall Jan Peters, inter­es­sant und unge­wöhn­lich erzählt wird.

Der Haupt­ge­winner des Wett­be­werbs heißt dann auch schlicht Family. Nach dem Tod von Mutter und Bruder allein zurück geblieben, macht sich der dänische Filme­ma­cher Sami Saif auf die Suche nach seinem Vater. Der war, als Sami noch klein war, in den Jemen zurück­ge­kehrt, jeglicher Kontakt abge­bro­chen. Die Suche ist schwie­riger als gedacht. Hoffnung, Angst und die Unge­wiss­heit der Erwar­tungen tauchen den Filme­ma­cher in ein Wech­selbad der Gefühle. Statt des Vaters findet er einen unbe­kannten älteren Bruder und eine große jeme­ni­ti­sche Familie. Man entdeckt Gemein­sam­keiten und Bluts­ver­wand­schaft, spürt die Unsi­cher­heit und Zerris­sen­heit Samis zwischen der Einsam­keit, Sorg­lo­sig­keit und indi­vi­du­ellen Freiheit in Dänemark und der Einbin­dung in den jeme­ni­ti­schen Fami­li­en­clan.

Auch beim Gewinner des Preises Der besondere Doku­men­tar­film, Alt om min far (Alles über meinen Vater), macht sich der Filme­ma­cher auf eine Entde­ckungs­reise zu seinem Vater. Der wohnt zwar in der gleichen Stadt und war nie verschwunden, hat aber trotzdem eine unbekannt Seite – er verwan­delt sich zunehmend in eine Frau. Anfangs nur selten und heimlich, fühlt er sich mitt­ler­weile die Hälfte der Zeit als Frau und lebt auch so. Nicht einfach für den Sohn, denn für ihn ist »Vater« untrennbar mit »Mann« verbunden.

Von der Jury mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde Mein kleines Kind – für mich der bewe­gendste Film des Festivals. Im fünften Monat schwanger erfährt die Filme­ma­cherin und prak­ti­zie­rende Hebamme Katja Baum­garten, daß das Kind in ihrem Bauch starke Mißbil­dungen hat und vermut­lich nicht lebens­fähig sein wird. »Die sofortige Been­di­gung der Schwan­ger­schaft ist in solchen Situa­tionen der übliche Weg« teilt ihr der Arzt mit. Mit einfachsten filmi­schen Mitteln, Text­ein­blen­dungen und einer Video­ka­mera, die ihr immer sehr nah ist, doku­men­tiert der Film die Hilf­lo­sig­keit, das Gefühl des Allein­ge­las­sen­wer­dens, die Entschei­dungs­fin­dung, die Geburt, das Leben und den Tod. Nach gut vier Jahren hat Katja Baum­garten die notwen­dige Distanz gefunden, diesen sehr persön­li­chen aber für uns alle exis­ten­zi­ellen Film fertig­zu­stellen.

Weitere „Fami­li­en­filme“ gab es in der Reihe Point of View zu sehen. In Nine Good Teeth erzählt der New Yorker Alex Halpern das Leben seiner mitt­ler­weile 102jährigen Groß­mutter, von der Tochter italie­ni­scher Einwan­derer zum Binde­glied einer großen Mittel­stands­fa­milie. Hier werden Krimis erzählt, Fami­li­en­ge­heim­nisse gelüftet und Lebens­freude versprüht. Nebenbei zeigt der Film, wie sich die Lebens­per­spek­tive der Frauen in den letzten hundert Jahren verändert hat. Out of Edeka ist Konstantin Faigle. Er ist in einem schwä­bi­schen Dorf im Edeka-Laden seiner Eltern aufge­wachsen. Die Kind­heits­er­in­ne­rungen und das Porträt der Eltern sind auch ein Porträt des Ladens. Er bestimmte das Fami­li­en­leben. In den Lagern, versteckten Kammern und über das ganze Haus verstreuten Verkaufs­räumen findet sich ein Museum der Warenwelt der letzten 30 Jahre. Ein verlo­renes Paradis, denn mitt­ler­weile ist der Laden geschlossen.

Michael Kuball erzählt nicht von seiner eigenen Familie, aber er setzt ebenfalls auf familiäre Blicke. In Soul of a Century, der in die engere Wahl der Jury kam, hat er Material von Amateur­fil­mern zu einer privaten Geschichte des vergan­genen Jahr­hun­derts kompi­liert. Anfangs, in den 20er Jahren, ist es noch die Geschichte von Reichen und Adeligen, denn nur sie konnten sich das Filmen leisten. Das ändert sich Anfang der 30er Jahre. Gegen Ende des Jahr­zehnts werden die Bilder sogar farbig, bevor die Schrecken des Krieges die Farbe wieder für einige Jahr­zehnte verdrängen. Klar, daß die Amateure haupt­säch­lich Fami­li­en­an­gehö­rige und Bekannte gefilmt haben. In den 30er Jahren wurde auch Paraden und NS-Archi­tektur zum Motiv. In den 40er Jahren folgten heimlich gedrehte Aufnahmen von Bomben­an­griffen und zerstörten Städten, bevor sich die Menschen in den 50er Jahren wieder dem Privaten zuwen­deten. Die ergrei­fendste Szene des Films ist aber das unbe­schwerte Spiel seiner beiden kleinen Kinder, das ein Amateur mitten im Krieg in München auf Farb­ma­te­rial gedreht hat. Wenige Kilometer entfernt filmte ein anderer Amateur zur gleichen Zeit heimlich den Appell­platz des KZ Dachau. Wenig später sehen wir die Familie, die eben noch so unbe­schwert gespielt hat, vor ihrem zerbombten Haus. Der Film endet Anfang der 70er Jahre, kurz bevor Video anfängt, den Amateur­film zu verdrängen und diese Art des kollek­tiven Gedäch­nisses zum Erlöschen bringt.