15.02.2001
51. Berlinale 2001

Notizen von der Berlinale, 2.Folge

Anais Reboux und Roxane Mesquida in À MA SOEUR

Notizen von der Berlinale, 2.Folge

Schweres Gepäck

Von Rüdiger Suchsland

Die Tasche ist schon ganz schwer, und die Schulter schmerzt, wenn der Berlinale-Gucker so durch Berlin flaniert, Benjamin und Kracauer im Gepäck. Diesmal ist das Ding, das den akkre­di­tierten Besuchern zu Beginn über­reicht wird, quadra­tisch, also unge­eignet für größere Werk­aus­gaben. Und in das Zusatz-Täschchen am Gurt geht noch nicht einmal ein Reclam-Band rein, sondern wirklich nur ein Handy, aber das sieht dann blöd aus, also bleibt sie leer. Der Rest wird dafür umso voller. Kiloweise purzeln einem hier die Prospekte entgegen, und die vielen mittel­großen Berliner Tages­zei­tungen gleich dazu. Das meiste wandert sofort in den Müll, der Rest reicht aber immer noch für Kreuz­schmerzen.

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Wohin geht das Kino der Zukunft? Von Festivals wie der Berlinale sollte man Antwort auf solche Fragen erhoffen können. Unab­hängig von den Markt­zwängen, denen das Alltags­ge­schäft unter­worfen ist, kann man hier einmal Expe­ri­mente wagen, der Lust am Beson­deren frönen, etwas mutig auspro­bieren, Filmen und Regis­seuren ein Forum bieten, die es unter normalen Bedin­gungen schwer haben, und trotzdem Aufmerk­sam­keit verdienen. Manchmal wird man damit tief fallen, aber dafür auch wegwei­sende Zeichen setzen. Soweit die Theorie.

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In der Praxis sieht es leider anders aus. Nimmt man die renom­mier­teste und wich­tigste Reihe der dies­jäh­rigen Berlinale, den Wett­be­werb um den Goldenen Bären, zum Maßstab, muss man eine eher enttäu­schende Zwischen­bi­lanz ziehen. Es gibt zwar kaum wirklich schlechte Filme, aber auch nicht viele wirklich gute. Vom einzigen Highlight, der Ausnahme, die stilis­tisch wie künst­le­ri­sches Top-Niveau hat, wusste man schon vorher: TRAFFIC, vom US-Außen­seiter Steven Soder­bergh, seit seinem 89-er Cannes-Sieg im Alter von 26 ein welt­be­kannter Geheimtip unter Cineasten.

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Wir stellen uns vor: Sepp »Blubo« Vilsmayr drehte seinen neuen Film: »Lena«. Der spielt in den baye­ri­schen Bergen, und handelt von einem puber­tie­renden und in jeder Hinsicht unbe­schol­tenen Hitler­jungen, der sich in eine erheblich ältere Frau verguckt. Gespielt wird sie von Veronica Ferres, die im ledernen Dirndl über grüne Almwiesen wippt. Während ihr die Kühe notgeil nach­glotzen, tönt’s im Hinter­grund aus dem Radio: zum Beispiel »Lili Marleen« oder auch mal eine Führer­rede. Der Bub träumt sich dafür politisch korrekt in einen Marlene-Dietrich-Film hinein. Und der Regisseur, klar Sepp, erklärt: »Des is ois original!«

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So ungefähr ist das mit MELENA von Guiseppe Tornatore, über­tragen auf italie­ni­sche Verhält­nisse. Dabei hatte man sich gerade vom Macher des Welt­erfolges CINEMA PARADISO mehr verspro­chen, als die feuchten Träume eines Puber­tie­renden, mit denen sich Tornatore in eigene Jugend­zeiten zurück­schwärmt. Nicht ganz so kitschig, aber völlig belanglos war auch der neueste Film von Patrice Leconte. »Felix et Lola« besticht zwar durch die Haupt­dar­stel­lerin Charlotte Gains­bourg, dehnt aber einen Stoff, der allen­falls für einen Kurzfilm gereicht hätte, auf 90 Minuten, und sorgte so für gähnende Lange­weile und spontane Flucht­be­we­gungen im Berlinale-Palast.

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Ansonsten war Frank­reich wieder einmal für dieje­nigen Filme zuständig, die noch am ehesten Über­durch­schnitt­li­ches boten. Eine radikale Liebes­ge­schichte in zum Teil dras­ti­schen, aber trotzdem nie exhi­bi­tio­nis­ti­schen Sex-Darstel­lungen erzählt Patrice Chéreau in seinem neuen Film INTIMACY. Dort geht es um ein Paar, das sich nur einmal pro Woche sieht, um fast ohne Worte mitein­ander zu schlafen, und sich dann wieder zu trennen. Doch allmäh­lich wächst das Interesse fürein­ander. Auch Catherine Breillats A MA SOEUR gehört zu den wenigen Filmen, die sich ange­neh­mer­weise weder beim Publikum, noch bei der Jury anbie­derten. Die Regis­seurin tritt nach dem umstrit­tenen ROMANCE (im Vorjahr in den Kinos) nicht in ihre eigenen Fußstapfen, sondern verwan­delt die Geschichte zweier 15 und 12-jährigen Schwes­tern in einen unan­ge­strengtes, aber kühl zurück­ge­nom­menes Drama über das Erwach­sen­werden. Der Film ist auch eine präzise Reflexion über die Sprach­lo­sig­keit zwischen den Gene­ra­tionen. Und in ihrer Art, über Sexua­lität und Gewalt nach­zu­denken, entdeckt man Verwandt­schaften zwischen Breillats Filmen und der jüngeren Literatur im Nach­bar­land.

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Ähnlich intensiv wie Breillats Film vom Leben handelt Mike Nichols' WIT vom Tod. Nichols hat zusammen mit Haupt­dar­stel­lerin Emma Thompson ein preis­ge­kröntes Thea­ter­s­tück adaptiert. Eine krebs­kranke Profes­sorin kämpft voller Ironie und Ratio­na­lität gegen den Tod. Doch in der sterilen Hölle des Kran­ken­hauses muss sie sich der Ausweg­lo­sig­keit ihrer Lage stellen. Ein packendes Melodrama, das mancher Auszeich­nung würdig wäre, könnte es sich nur von der Bühne lösen, der es entstammt, und Bilder finden, die dem Potential des Themas und der Wucht des Textes gerecht werden.

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Zwar könnten alle diese Filme mangels besserer Konkur­renz Preise ergattern, echte Film-Offen­ba­rungen sind sie nicht. Für Lone Scherfigs neuesten »Dogma«-Film ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER gilt das genauso wenig. Bei vielen Zuschauern kam er gut an, weil er wenigs­tens witzig ist. Ein Gruppe von einsamen dänischen Seelen findet im Italie­nisch-Kurs zusammen, hinter dem Sprach­in­ter­esse verbergen sich Sehn­süchte, Einsam­keit und Ausbruchs­gelüste. Das bietet Anlass zu einigen Scherzen. Doch fehlt ihnen gerade der Biss, der die »Dogma«-Bewegung bisher ausge­zeichnet hat. So schaut man guten netten Menschen dabei zu, sich gegen alle Wahr­schein­lich­keit ein bisschen Glück zu erkämpfen – Sozi­al­ar­bei­ter­pa­thos ersetzt Filmkunst.
So muss man sich in den anderen Reihen umgucken, oder man hofft einst­weilen: auf das, was noch kommt, vor allem zwei Filme aus Asien und Michael Winter­bot­toms »Claim« – viel­leicht winkt hier noch wahres Kinoglück.

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Mit dem Flanieren ist es also so eine Sache, jeden­falls auf der Berlinale. Man würde ja gar zu gerne im schlen­dernden Schmet­ter­lings­schritt sich durch dunkle Säle, über rote Teppiche und an üppigen Buffets vorbei­treiben lassen. Aber dann hat man doch wieder mal ganz knapp den Bus verpasst, und erreicht das Kino nicht gelassen frei­schwe­bend, sondern wie üblich schweiß­ge­badet.
Kommt man – inzwi­schen abgekühlt – wieder heraus, nachdem man zwei Stunden lang versucht hat, Gefühle und Bilder nach­zu­emp­finden, Dialoge zu begreifen, die mal in Mandarin und mal auf usbekisch formu­liert sind, oder einmal mehr die längst bekannten Grenzen unseres Schul­fran­zö­sisch belegen, dann hört man plötzlich Wort­fetzen des Publikums, die auch nicht viel vers­tänd­li­cher sind: »Rod Steiger sollte viel­leicht den Beruf wechseln«; »Geoffrey Rush als Sartre« – das wäre immerhin mal lustig. Irgend­wann, als die Nachbarn darüber reden, dass ja morgen in der Fritz Lang Retro »Metro­polis« gezeigt wird, fällt einem dann auch wieder der Kino­fla­neur Kracauer ein. Der hatte vor langer Zeit über den Film, den sein Regisseur selbst bald schon naiv fand, den aber heute alle mögen, ganz anderes geschrieben: ein Film der die »Festigung tota­li­tärer Autorität« feiere und »ohne weiteres von Goebbels stammen« könnte.
Wirklich nach­denken können wir darüber aber jetzt leider nicht, der nächste Film beginnt. Flanieren wir weiter!