Zwischen uns das Meer

La mer au loin

Frankreich/Marokko/B 2024 · 117 min. · FSK: ab 12
Regie: Saïd Hamich Benlarbi
Drehbuch:
Kamera: Tom Harari
Schnitt: Lilian Corbeille
Darsteller: Ayoub Gretaa, Anna Mouglalis, Grégoire Colin u.a.
Zwischen uns das Meer
Zwischen Intimität und gesellschaftlicher Analyse
(Foto: ImmerGuteFilme)

Zwischen den Ufern

Saïd Hamich Benlarbi erzählt vom Exil als Zustand ohne Rückkehr und findet dafür Bilder von seltener Zärtlichkeit und nagender Härte

Es gibt Filme, die von Migration erzählen, und es gibt Filme, die das Wort selbst infrage stellen. Zwischen uns das Meer von Saïd Hamich Benlarbi gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Denn hier geht es nicht um Ankunft oder Inte­gra­tion, nicht um die üblichen Narrative von Verlust und Neuanfang. Es geht um etwas Radi­ka­leres; um das Exil als irrever­sible Bewegung. Als Zustand, in dem – wie Benlarbi in einem Interview selbst sagt – weder Vergan­gen­heit noch Gegenwart wirklich möglich sind.

Schon die erste Einstel­lung trägt diese Ahnung in sich. Marseille, 1990. Eine Stadt, die immer schon Durchgang war, Projek­ti­ons­fläche, Verspre­chen. Nour (Ayoub Gretaa) kommt illegal aus Marokko, schlägt sich mit Gele­gen­heits­kri­mi­na­lität durch und wirkt doch nicht wie der klas­si­sche »Underdog«. Eher wie jemand, der bereits verstanden hat, dass die tradierten, stereo­typen Kate­go­rien nicht greifen; dass Herkunft und Zukunft keine stabilen Koor­di­naten mehr sind.

Dann trifft er auf Serge und Noémie. Und der Film kippt, leise, aber unwi­der­ruf­lich. Serge (Grégoire Colin) ist Polizist und Ehemann, ein Mann von rätsel­hafter Zartheit, und er ist viel­leicht die unge­wöhn­lichste Figur, die dieses Berufs­bild seit Langem hervor­ge­bracht hat. Kein Hüter der Ordnung, sondern ein Hüter der Unordnung, des Über­ra­schenden, ein Suchender, zerrissen zwischen Begehren und Rolle. »Ihr seid die verrück­testen Leute auf dieser Welt«, sagt Nour dann auch einmal und man spürt: Das ist keine Belei­di­gung, sondern eine Erkenntnis.

Noémie (Anna Mouglalis) wiederum ist keine klas­si­sche Femme fatale, sondern eine Figur der stillen Erosion. Jahre des Schwei­gens, des Arran­ge­ments mit einem Mann, der sie nicht wirklich begehren kann, liegen hinter ihr, dann kommt die Begegnung mit Nour, die weniger Affäre als Verschie­bung ist. Eine Neujus­tie­rung von Nähe, Körper und Identität.

Was Benlarbi daraus macht, ist verblüf­fend und bis zum Ende über­ra­schend: ein Liebes­dreieck, das keines sein will. Keine Eifer­suchts­me­chanik, keine drama­tur­gi­schen Zuspit­zungen im üblichen Sinne. Statt­dessen ein tastendes, fast schwe­bendes Erzählen, das die Figuren nicht festlegt, sondern in Bewegung hält. Assi­mi­la­tion erscheint hier nicht als Ziel, sondern als perma­nenter Aushand­lungs­pro­zess. Wie lebt man »gemischt«? Wie liebt man »gemischt«? Und vor allem: Kann man gemischt überhaupt glücklich werden?

Der Film beant­wortet das nicht. Er zeigt es.

Formal struk­tu­riert als Tripty­chon – »Nour«, »Serge«, »Noémie« – verschiebt sich der Blick immer wieder. Perspek­tiven brechen auf, ergänzen sich, wider­spre­chen einander. Diese Struktur ist weniger Kunst­griff als Ausdruck eines Denkens: Identität ist hier nie stabil, sondern rela­tional. Immer abhängig vom Blick des Anderen.

Und dann der zweite, fast unmerk­liche Bruch: Zwischen uns das Meer ist auch ein Aids-Drama. Doch selbst hier verwei­gert Benlarbi jede Erwartung. Keine mora­li­sie­rende Tragik, keine kalku­lierte Betrof­fen­heit. Statt­dessen eine neue, fast beiläu­fige Einschrei­bung der Krankheit in das Leben der Figuren. Als weiteres Moment der Unsi­cher­heit, der Fragi­lität. Aber auch der Intimität.

Die Welt draußen bleibt dabei nicht abstrakt. Immer wieder dringen histo­ri­sche Verwer­fungen in die Erzählung ein; etwa die Ermordung eines alge­ri­schen Sängers im Kontext des Alge­ri­schen Bürger­kriegs der 1990er Jahre. Es sind kurze, schmerz­hafte Einschnitte, die daran erinnern, dass Exil nie nur indi­vi­duell ist. Dass es einge­bettet ist in poli­ti­sche Gewalt, in Verluste, die sich nicht erzählen lassen, ohne dass etwas fehlt.

Besonders über­zeu­gend gelingt Benlarbi der Moment der Rückkehr, des Heimat­be­suchs. Nour reist mit Noémie und deren Sohn nach Marokko. Und plötzlich wird klar, was Exil wirklich bedeutet und was bisher nur ange­deutet war. Die Heimat erkennt ihn nicht mehr. Oder schlimmer noch: Sie erkennt ihn zu gut. Die ehemalige Geliebte, die Familie, die Erwar­tungen, alles wirkt wie ein Echo aus einem anderen Leben. »Hör auf, nach Antworten zu suchen. Es gibt nur ein Leben.« Ein Satz, der wie ein Schluss­strich klingt und doch nur eine weitere Öffnung ist. Was Zwischen uns das Meer dabei so besonders macht, ist seine Weigerung, sich festlegen zu lassen. Weder ästhe­tisch noch politisch. Benlarbi, Absolvent der Pariser Film­hoch­schule La Fémis, bewegt sich mit einer erstaun­li­chen Souver­ä­nität zwischen Intimität und gesell­schaft­li­cher Analyse. Die Bilder sind ruhig, fast zurück­ge­nommen, aber dennoch von großer Kraft. Marseille wird nicht ausge­stellt, sondern erlebt. Räume öffnen sich, schließen sich, bleiben durch­lässig. Und immer wieder das Meer. Als Grenze, als Verspre­chen, als Illusion. Und als Echoraum, der uner­schöpf­lich scheint, in dem, was er zeigt. Uner­schöpf­lich, weil er Fragen stellt, die sich nicht beant­worten lassen. Und weil er Figuren zulässt, die nicht für etwas stehen, sondern einfach da sind, in ihrer Wider­sprüch­lich­keit, in ihrer Sehnsucht und in ihrer Verletz­lich­keit.