Zweitland

Deutschland/I/Ö 2025 · 113 min. · FSK: ab 12
Regie: Michael Kofler
Drehbuch:
Kamera: Felix Wiedemann
Darsteller: Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp, Niclas Carli, Francesco Acquaroli u.a.
Zweitland
Ein Spiegelkabinett heutiger Konflikte...
(Foto: Weltkino)

Im Schatten der Berge, im Echo der Geschichte

Michael Koflers Drama über politische Gewalt zieht seine Wucht aus dem Schweigen und verwandelt Südtirol 1961 in ein zeitloses Spiegelkabinett heutiger Konflikte – intim, konzentriert und erschreckend gegenwärtig

Nur selten schafft es ein Film, die Vergan­gen­heit so präzise in die Gegenwart zu spiegeln, dass man unwei­ger­lich spürt, wie dünn die Membran zwischen histo­ri­schen Konflikten und den aktuellen Verwer­fungen dieser Welt geworden ist. Michael Koflers Lang­film­debüt Zweitland ist ein solcher Film: ein konzen­triertes, fein kontu­riertes Drama, das die eruptive Geschichte Südtirols im Jahr 1961 nicht museal, sondern radikal gegen­wärtig erzählt. Ein Film, der die alte Frage stellt, warum Menschen – Männer meist – zu Gewalt greifen und warum andere, oft Frauen, an den Rändern dieser Gewalt ihren Wider­stand orga­ni­sieren müssen, still, stoisch, unge­bro­chen.

Im Kern ist Zweitland eine kammer­spiel­ar­tige Drei­ecks­ge­schichte, doch keine im klas­si­schen Sinn. Sie handelt von Paul (Thomas Prenn), dem jungen Künstler, der eigent­lich hinaus will, nach München, an die Akademie, dorthin, wo er glaubt, das Leben beginne und die Farben endlich atmen dürfen. Doch seine Zukunft wird von den Deto­na­tionen jener Jahre über­schattet, von einer poli­ti­schen Realität, der er sich nicht entziehen kann. Sein älterer Bruder Anton (Laurence Rupp) hat sich längst hinein­be­geben in diesen Strudel aus Aufruhr, Unter­drü­ckung, Iden­ti­täts­suche. Die Anschläge der 1961 losbre­chenden Terror­welle, die erst mit der Annähe­rung an das Zweite Auto­no­mie­statut 1972 abklangen und eine lange Vorge­schichte hatten, machen ihn zum Gesuchten – und zum Fremden in der eigenen Familie.

Zwischen den beiden Brüdern steht Anna (Aenne Schwarz), Antons Frau. Schwarz spielt Anna mit einer Mischung aus stäh­lerner Entschlos­sen­heit und fast sakraler Müdigkeit. Sie ist diejenige, die sich weigert, den Radi­ka­li­sie­rungs­kurs ihres Mannes hinzu­nehmen, die den Bauernhof am Laufen hält, das Kind schützt, und die patri­ar­chalen Struk­turen, die ihr Leben in enge Bahnen pressen wollen, mit zuneh­mender Vehemenz zurück­drängt. Und die als Lehrerin innovativ und weltoffen auch sprach­lich für eine Annähe­rung beider poli­ti­scher Lager und ihrer Sprachen eintritt. Man sieht in ihrem Blick jene Ahnung, dass ideo­lo­gi­sche Kämpfe immer zuerst die Körper und Biogra­fien der Frauen zerreiben.

Kofler insze­niert dieses Geflecht aus poli­ti­scher Gewalt und fami­liären Loya­li­täten mit einer bemer­kens­werten Zurück­hal­tung. Mehr Geste und Schweigen als Wort, wie ein Kino, das der Land­schaft zuhört, der Topo­gra­phie, den Stimmen der Zeit. Dass die Dialoge im Südti­roler Dialekt geführt wurden, während die Cara­bi­nieri Italie­nisch sprechen und die Setsprache Englisch war, schafft eine faszi­nie­rende Reibungs­fläche: Zweitland wird selbst zum Ort des Übergangs, des Dazwi­schen, des Nicht-Ganz-Hier-und-nicht-Ganz-Dort – ein Zustand, den viele Minder­heiten weltweit nur allzu gut kennen.

Und hier berührt der Film die Gegenwart mit fast schmerz­li­cher Präzision. Denn das, was in den 1960er Jahren in Südtirol geschah, ist kein abge­schlos­senes Kapitel, sondern eine Matrix für heutige Konflikte: für Paläs­ti­nenser, Kurden, Roma, Tibeter, Rohingya, Basken – für all jene Gemein­schaften, deren Rechte und Terri­to­rien politisch verhan­delt, verschoben oder negiert werden. Zweitland zeigt, wie Gewalt entsteht, wie Heimat zu einer Forderung wird, wie Identität zur Last mutiert. Die Sprach­lo­sig­keit des Wider­stands, die Unbe­hol­fen­heit des Aufbe­geh­rens, das Ringen um Würde – alles findet sich in den Blicken und Gesten der Figuren wieder.

Dass dieser Film bereits 2011 als Idee entstand, im Rahmen des ersten RACCONTI Script Lab der IDM, zeigt, wie lange Kofler an diesem Stoff gear­beitet hat. Viel­leicht erklärt das die geduldige Genau­ig­keit, das Vertrauen in die kleinen Regungen, das präzise Gespür für familiäre Dynamiken. Vor allem aber erklärt es seine Fähigkeit, das Poli­ti­sche nicht als Deko­ra­tion, sondern als seelische Wunde zu erzählen.

Zweitland ist trotz seines lauten Themas kein lauter Film. Er sucht nicht das große Pathos. Er arbeitet leise, mit Erdtönen, mit der Gravi­ta­tion der Berge, mit der Stille zwischen den Figuren. Und gerade diese Zurück­hal­tung macht ihn so besonders. Die Reflexion über poli­ti­sche Gewalt, die Frage nach ihrer Notwen­dig­keit und ihrer Tragik, entfaltet sich organisch, beinahe unver­meid­lich. Man spürt die Trauer des Films, aber auch seine Hoffnung: dass ein anderes Leben möglich gewesen wäre – und viel­leicht immer noch möglich ist.