Yi Yi – A One and a Two

Yi yi

Taiwan/Japan 2000 · 173 min. · FSK: ab 6
Regie: Edward Yang
Drehbuch:
Kamera: Wei-han Yang
Darsteller: Nien-Jen Wu, Elaine Jin, Issey Ogata, Kelly Lee u.a.
Filmszene »Yi Yi - A One and a Two«
Blick zurück nach vorn...

Das Leben von hinten

Edward Yang blickt auf das Leben nicht frontal, sondern von hinten – auf Wiederholungen, vererbte Verletzungen und das stille Weitergehen. Ein Film über das Überleben ohne Erlösung, der auch heute noch so aktuell ist wie vor 25 Jahren

Als Edward Yang 2023 in Taipeh mit einer großen Retro­spek­tive geehrt wurde, war das mehr als ein verspä­teter Kano­ni­sie­rungs­gestus. Es war – wie ich damals schrieb – die schlichte Fest­stel­lung, »dass diese Filme heute viel­leicht notwen­diger sind als zu der Zeit, als sie entstanden«. Yangs Kino, so hieß es weiter, sei eines, das nicht beruhigt, sondern öffnet: für Wider­sprüche, für Ambi­va­lenzen, für jene leisen, kaum sicht­baren Risse, an denen sich Gesell­schaften, Familien und Indi­vi­duen formieren. Kaum ein Film belegt diese Aktua­lität so eindrück­lich wie Yi Yi – A One and a Two, Edward Yangs letzter voll­endeter Film, der nun zum 25-jährigen Jubiläum wieder in die Kinos zurück­kehrt.

Yi Yi ist kein Alters­werk im senti­men­talen Sinn, sondern ein Film von erstaun­li­cher Gegen­wär­tig­keit. Dass er 2016 bei der BBC-Umfrage zu den bedeu­tendsten Filmen des 21. Jahr­hun­derts auf Platz acht landete, wirkt heute fast unter­trieben. Und dass Yang in Cannes 2000 für die beste Regie ausge­zeichnet wurde, markiert weniger einen Höhepunkt als einen stillen Konsens: Hier hatte jemand eine Form gefunden, die dem Leben selbst näher­kommt als die meisten Erzähl­mo­delle des Kinos.

Der Film beginnt mit einer Hochzeit und endet mit einem Begräbnis. Diese Klammer ist so alt wie das Erzählen selbst – und erinnert unwei­ger­lich an Michael Ciminos The Deer Hunter, dessen epische Hoch­zeits­se­quenz ebenfalls den Rahmen für eine exis­ten­zi­elle Erfahrung bildet. Doch während bei Cimino der Krieg als äußere Kata­strophe herein­bricht, ist bei Yang der Krieg das Leben selbst: der Alltag, die Arbeit, die vergeb­li­chen Lieben, das ständige Anein­ander-Vorbei­reden. Yi Yi ist ein fast dreis­tün­diger Film über eine Mittel­stands­fa­milie in Taipeh, und doch fühlt er sich nie nach Chronik oder Milieu­studie an. Er ist etwas Offeneres, Durch­läs­si­geres.

Edward Yang erzählt das Leben der Familie Jian aus drei Perspek­tiven: aus der des Vaters N.J., der Tochter Ting-Ting und des jüngsten Sohnes Yang-Yang. Diese Perspek­tiven stehen nicht hier­ar­chisch zuein­ander, sie korri­gieren und ergänzen sich. N.J. ist ein Mann in der Mitte seines Lebens, beruflich entfremdet, emotional nicht ange­kommen. Seine Wieder­be­geg­nung mit einer früheren Liebe ist einer der schmerz­lichsten Stränge des Films: der Versuch, etwas nach­zu­holen, das nie wirklich begonnen hat – und doch nie aufgehört hat zu wirken. Ting-Ting wiederum gerät in eine Drei­ecks­be­zie­hung, die auf erschre­ckende Weise die Fehler der Eltern­ge­nera­tion wieder­holt. Trans­ge­ne­ra­tio­nale Liebestrau­mata sind hier kein theo­re­ti­sches Konzept, sondern gelebte Erfahrung. Man macht dieselben Fehler nicht, weil man nichts gelernt hat, sondern weil man gar nicht anders kann.

Und dann ist da Yang-Yang, eine der klügsten Kinder­fi­guren der Film­ge­schichte. Er foto­gra­fiert Menschen von hinten. Seine Begrün­dung ist so schlicht wie tief: Weil man das Gesicht nicht sehen kann, zeigt er ihnen den Teil, den sie selbst nie sehen. Den Nacken. Den Rücken. Das Unsicht­bare. Diese kindliche Geste wird zur Poetik des gesamten Films. Yi Yi zeigt das Leben von hinten. Nicht die großen Entschei­dungen, sondern ihre Voraus­set­zungen. Nicht die Kata­stro­phen, sondern die kleinen Verschie­bungen, die zu ihnen führen. Edward Yang inter­es­siert sich nicht für den drama­ti­schen Höhepunkt, sondern für das Davor und Danach.

In dieser Haltung liegt auch die unglaub­liche Alte­rungs­be­s­tän­dig­keit des Films. Die verbalen und nonver­balen Inter­ak­tionen, die Unsi­cher­heiten der Arbeit, die Sprach­lo­sig­keit in Bezie­hungen, die Über­for­de­rung durch Verant­wor­tung – all das wirkt heute erschre­ckend aktuell. Die Pflege der im Koma liegenden Groß­mutter, um die sich alle kümmern und mit der doch niemand mehr wirklich sprechen kann, wird zur Metapher für eine Gesell­schaft, die ihre eigenen Grund­lagen noch versorgt, aber nicht mehr versteht.

Formal ist Yi Yi – A One and a Two von einer Ruhe und Präzision, die man heute kaum noch findet. Die Einstel­lungen lassen Raum, die Montage vertraut auf Zeit statt auf Effekte. Yang zwingt nichts, er beob­achtet. Und gerade dadurch entsteht eine enorme emotio­nale Dichte. Die Wunden des Alterns, die Schnitt­stellen zwischen den Gene­ra­tionen, das stille Weiter­leben trotz aller vergeb­li­chen Lieben – all das wird nicht erklärt, sondern gezeigt.

Viel­leicht liegt die Größe von Yi Yi – A One and a Two genau darin: dass er keinen Trost anbietet und dennoch nicht verzwei­felt. Es gibt keine zweite Chance im Leben, sagt dieser Film. Weil man auch die zweite Chance, wenn sie denn kommt, ausschlägt. Und dennoch geht man nicht unter, sondern lebt weiter. Ein Leben mit all seinen Wieder­ho­lungen, seinen Fehlern, seinen offenen Fragen. Edward Yang hat mit Yi Yi ein Kino geschaffen, das nicht nach vorne drängt, sondern zurück­blickt – von hinten, über die Schulter, auf das, was uns geformt hat. Und gerade deshalb bleibt dieser Film, 25 Jahre später, so notwendig wie eh und je.

Von der Geburt bis zum Tod

Ein Film mit Raum für Trauer, aber viel Humor und Optimismus, oft anrührend, aber niemals rührselig, höchst kunstvoll, aber nie gekünstelt

Ganz unver­schämt, voll offener Neugier versucht der kleine Yang-Yang (Jonathan Chang) der Nachbarin ins abge­wandte Gesicht zu schauen. Wie, sagt er, solle er sonst wissen, warum sie weint? Wir brauchen die Kamera, um über unsere eigenen Gesichter etwas erfahren zu können, erklärt ihm der Vater, NJ (Wu Nianzhen). Als Yang-Yang dann aber einen Foto­ap­parat bekommt, wird sein Blick ein anderer, weniger direkter, scham­loser, konven­tio­neller: Er foto­gra­fiert Hinter­köpfe. Und schenkt dann die Fotos den so »Porträ­tierten« – damit sie eine Seite von sich entdecken können, die sie mit eigenen Augen nicht sehen können.

Es ist eine kleine Philo­so­phie seines eigenen künst­le­ri­schen Ansatzes, die Yi Yi da vorführt: Denn auch Edward Yangs Film wird ange­trieben von dem Glauben, dass die Kamera uns etwas über uns selbst zeigen kann, dass sie Wahr­heiten aufzeichnen und aufdecken kann. Dass dies aber nicht geht, wenn man nur die vertraute und nahe­lie­gende Perspek­tive wählt.
Yangs Kamera hält sich zurück. Sie ist ganz selten nur Teilhaber des Gesche­hens; sie beob­achtet die Figuren aus der Ferne oder im Zwielicht, lässt sie gele­gent­lich verdeckt oder mit abge­wandtem Gesicht, schaut sie an durch Fenster und wieder und wieder in Spie­ge­lungen – reflek­tie­rend, dass wir es nur mit Abbildern zu tun haben. Sie bewahrt eine Distanz, die überhaupt nichts Kühles hat, aus der allein Respekt spricht: Yang will seinen Charak­teren nichts entreissen, will Tiefes nicht dadurch entblößen, dass er es bloß stellt.
Respekt ist das – und das stille Wissen, dass nichts im Leben so tragisch oder so freudig ist, dass es allein schon das ganze Bild darstellen könnte. Nur einmal, als Mutter Min-Min (Elaine Jin) die ganze Leere, Hohlheit, das Gefan­gen­sein ihres Lebens überkommt, erlaubt sich Yang, einen Gefühls­aus­bruch groß ins Bild zu setzen. Sonst bleibt immer Raum für die Welt um die Prot­ago­nisten, für die Erfah­rungen und Gedanken des Publikums. Yangs Respekt ist auch einer vor seinen Zuschauern, die er sicher an die Quelle geleitet, nicht aber zum Trinken prügelt.

Das ganze Bild kann sich bei Yang ohnehin erst ergeben, wenn sich zur Eins die Zwei hinzu­ge­sellt – seine Charak­tere erklären sich nicht in großen Gesten der Indi­vi­dua­lität, sondern erst in den Bezie­hungen zuein­ander. Wenige Momente nur des Allein­seins gibt es in Yi Yi, und wenige Solo-Auftritte vor der Gesell­schaft; fast immer geht es darum, was eine Szene für alle Betei­ligten bedeutet.
Mit langem, ruhigem Atem (aber nie langatmig) etabliert der Film die Rollen­ver­tei­lung in der und um die Familie Jian, wie ein Puzzle setzt sich das allmäh­lich zusammen. Die Fäden laufen zusammen bei Vater NJ – der nach Jahr­zehnten uner­wartet seine Jugend­liebe Sherry (Ke Suyun) trifft, während er in Firma und Familie von kleinen Kata­stro­phen umgeben ist. Was sich da zwischen einer Hochzeit und einem Todesfall abspielt, ist das Panorama nicht nur einer Familie, sondern des ganzen Lebens.
Von Geburt bis Tod ist jedes Lebens­alter vertreten, mit seinen neuen und alten Erfah­rungen, mit seinem eigenen Blick auf die Dinge. In einem seiner schönsten Momente spannt Yang durch Paral­lel­mon­tage den Bogen von NJ, der mit Sherry der ersten Liebe mögli­cher­weise eine zweite Chance geben wird, zu Tochter Ting-Ting (Kelly Lee) und ihrem Freund, bei denen viel­leicht eine ähnliche Geschichte gerade ihren Anfang nimmt.
Yi Yi ist erzählt mit Raum für Trauer, aber viel Humor und Opti­mismus, ist oft anrührend, aber niemals rührselig, höchst kunstvoll, aber nie gekün­s­telt. Nichts an dem Film ist aufdring­lich, alles eindring­lich. Das gilt für die Kamera wie für den höchst präzisen Einsatz der Musik (die gele­gent­lich auch geschickt mit Zitaten arbeitet), und nicht minder für das durch die Bank absolut über­zeu­gende Spiel der Darsteller. Es gäbe ein Wort, das den bestim­menden Eindruck des Films einfangen könnte, hätte es nicht diesen gänzlich unan­ge­brachten Beige­schmack von Stick­kissen-Sprüchen und Besser­wis­serei (von denen Yi Yi gar nicht weiter entfernt sein könnte): Das Wort wäre Weisheit.

Dabei schafft es der Film, beständig auch über seine eigenen Voraus­set­zungen nach­zu­denken, ohne dass dies je aufge­setzt, gezwungen, präten­tiös oder verquast wirkte. Selbst­ver­s­tänd­lich ist Yang-Yang (allein der Name macht es mehr als deutlich), der Junge mit der Kamera, auch so etwas wie ein Stell­ver­treter des Regis­seurs Yang innerhalb der fiktio­nalen Welt. Seine Entde­ckung der Kamera, sein stummer, sturer Kampf gegen den Unver­stand des Lehrers, der sich über seine Bilder lustig macht, und nicht zuletzt sein Schluss-Monolog: Das alles zeigt nahe­lie­gende Verbin­dungen zu Yangs künst­le­ri­schem Credo.
Aber schon mit den ersten Szenen, als sich bei der Hochzeit die Familie zum Grup­pen­foto postiert, eröffnet Yi Yi unter­schwellig einen Diskurs über das Abbilden, der sich durch den gesamten Film zieht. Yang (der – wie NJ – ausge­bil­dete Elek­tro­in­ge­nieur und Computer Designer ist) teilt nicht die post­mo­derne Grund-Skepsis, den Glauben an die unüber­brück­bare Kluft zwischen Wahrem und Repro­du­ziertem (und die kate­go­ri­sche Unzu­gäng­lich­keit des Wahren). Auch der japa­ni­sche Video­spiel-Designer Mr. Ota (Issey Ogata) ist eines von Yangs Sprach­rohren in diesem Film. Er erzählt von der Möglich­keit, die Technik, das Virtuelle zu nutzen, um Leben (nach) zu schaffen, predigt über die Notwen­dig­keit des kreativen Wagnisses. Und zeigt, wie pure Beob­ach­tung, pures Erinnern, wenn sie nur genau genug sind, unun­ter­scheidbar werden von Magie.
In einer der ganz wenigen Szenen, in der Yang das Spiel mit den filmi­schen Möglich­keiten unüber­sehbar an die Ober­fläche treten lässt, zeigt das Bild die Ultra­schall­auf­nahme von NJs werdendem Neffen, während eine weibliche Stimme vom Entstehen und Wachsen des Lebens spricht – doch was wir zunächst für die Ärztin halten müssen, entpuppt sich als die (schon zur nächsten Szene gehörende) Über­set­zerin des Spiel­de­si­gners, die in Wahrheit von Otas Projekt spricht: Die Sätze über ein virtu­elles Lebewesen sind gültig auch für ein echtes – das selbst wiederum nur als virtu­elles Abbild sichtbar wird.

Das beste Argument für diese Über­zeu­gung von der Trans­por­tier­bar­keit wahren Lebens durch tech­ni­sche Medien ist letztlich das Gelingen von Yi Yi selbst: Man kann, glaube ich, diesen Film nicht sensibel sehen, ohne das Gefühl zu verspüren, dass er tatsäch­lich an Wahrem, Wesent­li­chen rührt. Ohne immer wieder getroffen zu sein davon, wie treffend er ist. Und das eben genau weil er sich weigert, die üblichen Spiele der Über­rum­pe­lung, Über­wäl­ti­gung zu spielen; weil er nie vertuscht, dass er nur Abbild ist. Weil er, so unglaub­lich genau er gear­beitet ist, immer Freiräume lässt, seinen Figuren und seinem Publikum. Nie auftrumpft mit einer vorgeb­li­chen ganzen Wahrheit, sondern uns zeigt, dass man von allem nur einen Teil sehen kann, Ausschnitte, Spie­ge­lungen – und dennoch daraus ganz starke Hoffnung schöpft, dass dies viel, viel mehr ist als Nichts; dass uns die in diesen Teils­tü­cken gespei­cherte Erfahrung ein gutes Stück weit bringen kann.

Warum man eigent­lich ins Kino geht, wird in Yi Yi – gewohnt selbst­re­flexiv – einmal gefragt, und die Antwort ist: Weil man durch das Kino quasi doppelt leben kann. Bei einem Film wie diesem trifft das allemal.