| GB/USA 2025 · 137 min. · FSK: ab 16 Regie: Emerald Fennell Drehbuch: Emerald Fennell Kamera: Linus Sandgren Darsteller: Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Alison Oliver, Shazad Latif u.a. |
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| Viel Lieb', wenig Ehr'... | ||
| (Foto: Warner) | ||
Emerald Fennells neue Kinoadaption des Klassikers von Emily Brontë ist in einem ganz banalen, zugleich aber fatalen Sinn ein Film unserer Zeit: anschlussfähig an gegenwärtige Diskurse, ästhetisch kompatibel mit der aktuellen Vorliebe für Dark Romance, toxische Leidenschaft und emotionalen Exzess, und doch im Kern ein Missverständnis – eines jener Missverständnisse, die nicht aus Ignoranz entstehen, sondern aus Überassimilierung. Was hier als Aktualisierung ausgegeben wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als Reduktion, als schmerzhafte Vereinfachung eines Romans, dessen Modernität gerade darin liegt, sich jedem simplifizierenden Zugriff zu entziehen.
Fennell erzählt die Geschichte so, wie man sie heute offenbar erzählen zu müssen glaubt: als obsessive Liebeskatastrophe zweier schöner Körper, die einander begehren und zerstören, als Seiltanz zwischen Wahn und Selbstaufgabe, in dem alles behauptet, aber kaum etwas wirklich erspielt wird. Margot Robbie als Catherine Earnshaw bleibt dabei eine merkwürdig leere Mitte, eine Projektionsfläche für große Blicke und große Gesten, hinter denen sich keine innere Notwendigkeit, kein wirklicher Riss, kein existenzieller Konflikt abzeichnet. Jacob Elordi als Heathcliff, der erneut nach Guillermo del Toros Frankenstein und dem ebenfalls von Emerald Fennell inszenierten Saltburn in der Rolle eines dunklen Begehrensobjekts funkelt, bringt zwar Präsenz mit, aber keine Geschichte; was brodelt, ist Oberfläche, kein sozial oder psychisch sedimentierter Zorn. Zwischen beiden entsteht keine Spannung, keine gefährliche Nähe, kein Funken jener zerstörerischen Intimität, die Brontës Roman so unerträglich und zugleich so modern macht. Liebe wird hier deklariert, nicht erarbeitet, ausgerufen, nicht durchlitten.
Gerade darin liegt die eigentümliche Leere dieses Films, der sich zeitgemäß gibt und doch erschreckend altmodisch wirkt. Denn das Zeitgemäße erschöpft sich im Re-Enactment aktueller Genre-Codes: Dark Romance als ästhetisches Versprechen, Erniedrigung als erotisches Spiel, Macht als sexuelles Narrativ. Besonders deutlich wird das in den Passagen um Isabella Linton, deren Leidensweg in grotesk aufgesetzten Dialogen und Situationen zu einer Art konsumierbarer Unterwerfungsfantasie gerinnt. Was als Provokation gemeint sein mag, wirkt unerquicklich regressiv, psychologisch hohl und politisch unerquicklich bieder: Hier wird nicht analysiert, sondern reproduziert, nicht gebrochen, sondern affirmiert. Die angebliche Modernität entpuppt sich als erstaunlich konservativ, weil sie bestehende hierarchische Geschlechter- und Machtverhältnisse nicht befragt, sondern ästhetisch auflädt. Und abgesehen davon ist der hier immer wieder pathetisch inszenierte Sex eigentlich eine völlige Nullnummer, die bei all dem Regen und den nassen Körpern eher einem kumpelhaften, groben Wrestler-Kuscheln gleicht. Die wahren Abgründe, die Macht und Sexualität ausmachen können und die etwa Pier Paolo Pasolini in seinen 120 Tage von Sodom fast schon traumatisierend aufgearbeitet hat, werden völlig verdrängt.
Dabei müsste man nur einen Moment innehalten und den Blick auf die literarische Vorlage richten, um zu erkennen, wie weit sich diese Verfilmung von ihrem Gegenstand entfernt hat. Wuthering Heights (dt. Sturmhöhe) ist kein Sozialroman im klassischen Sinn, aber ein radikal sozial sensibilisierter Text, in dem Klassenunterschiede nicht Staffage, sondern Motor der Handlung sind, in dem soziale Demütigung Gewalt erzeugt und ökonomischer Aufstieg keine Wunde heilt, sondern neue öffnet. Heathcliffs Grausamkeit ist keine romantische Pose, sondern das Resultat systematischer Ausgrenzung; seine spätere Macht ist keine Emanzipation, sondern eine monströse Spiegelung jener Ordnung, die ihn hervorgebracht hat. All das wird im Film bestenfalls gestreift, nie ernsthaft durchdrungen. Klassenverhältnisse erscheinen als atmosphärische Kulisse, nicht als strukturierende Kraft, soziale Gewalt als individuelles Drama, nicht als existenzielles Symptom.
Auch deshalb ist der Vergleich mit dem ja bereits erwähnten und ebenfalls von Emerald Fennell geschriebenen und inszenierten Saltburn so aufschlussreich. In Saltburn, diesem grell schillernden, kalkuliert ambivalenten Gegenwartsstück über Begehren, Neid und soziale Maskerade, hat sich die Regisseurin sehr viel präziser und differenzierter mit Fragen von Herkunft, Klassenlage und sozialer Performanz auseinandergesetzt: Dort rächt sich, zugespitzt und satirisch überzeichnet, die Armut am Reichtum, nicht als moralische Lektion, sondern als toxische Umkehrung von Abhängigkeit und Macht, fast wie eine zeitgenössische Verzerrung jenes historischen Konfliktfelds, das Wuthering Heights im 19. Jahrhundert entwirft. So gesehen ließe sich Saltburn durchaus als eine Gegenwartserzählung desselben Grundkonflikts lesen – als ein Roman der sozialen Kälte im Gewand eines viralen Psychothrillers. Doch dunkelt auch dort bereits jener Schatten, der nun über Wuthering Heights fällt: die deutliche Neigung, soziale Analyse mit ästhetisierten Obsessions- und Romance-Motiven zu überblenden. In Saltburn wird diese Spannung noch produktiv, weil Ironie, Überzeichnung und Klassenbewusstsein einander reiben; in Wuthering Heights hingegen kippt sie endgültig zugunsten eines affektgeladenen, aber sozial entkernten Liebesmelodrams.
Noch gravierender ist jedoch, dass Fennells Film dem Roman genau jenes verweigert, was ihn bis heute so verstörend modern macht: die konsequente Verweigerung von Sinnstiftung. Brontës Text kennt keine moralische Ordnung, keinen psychologischen Komfort, kein Fortschrittsversprechen. Er denkt Welt nicht als erzählbare Harmonie, sondern als Konfliktfeld, als Raum der Wiederholung, in dem Gewalt, Begehren und Verlust sich transgenerational fortschreiben. Die Verfilmung hingegen glättet diese Zumutungen, verwandelt Ambivalenz in Eindeutigkeit, existenzielle Härte in Melodram, soziale Kälte in ästhetisierten Schmerz. Was bleibt, ist eine emotional überdehnte, in sich kreisende Erzählung, die viel Pathos aufbietet, aber wenig aushält.
Dass auch diese Adaption – wie die meisten der knapp 20 Verfilmungen, die seit 1920 produziert worden sind – mit Catherines Tod endet, gehört zu den folgenreichsten Entscheidungen des Films. Der Roman ist ein Drei-Generationen-Text, ein Werk über Weitergabe, Verschiebung und Wiederholung von Traumata, über die Unmöglichkeit, sich einfach aus der Geschichte »herauszulieben«. Indem Fennell alles, was danach kommt, konsequent verwirft, reduziert sie Wuthering Heights auf ein Liebesdrama erster Ordnung, auf ein Skelett der Handlung, so banal, dass es fast körperlich schmerzt. Die grotesk pathetischen Bilder des Endes sollen Größe suggerieren, markieren aber vor allem den Verzicht auf auch noch den letzten Funken Komplexität.
So bleibt ein Film, der nicht alt wirkt, sondern modisch, der aber gerade darin seine historische Blindheit offenbart. Er passt sich einer Gegenwart an, die Leidenschaft gern konsumiert, aber nur selten auslebt und Konflikte scheut, die Obsession ästhetisiert, aber ihre sozialen Ursachen nicht sehen will. Fennells Wuthering Heights – Sturmhöhe ist damit weniger eine Neuinterpretation als ein Symptom: ein Film, der alles mitbringt, um zeitgemäß zu erscheinen, und doch genau das verliert, was diesen Roman seiner Zeit voraus und unserer Gegenwart unbequem machen könnte.
Selbst die Wände strotzen vor Geilheit. Catherines Schlafgemach ist mit Haut tapeziert. Oder zumindest der Illusion dessen. Äderchen schlängeln sich über die fleischig anmutende Wandverkleidung. Neben all dem Protz und Pomp sind die Entblößung und das Begehren längst in die Raumgestaltung im Anwesen der Lintons eingeschrieben und natürlich dient sie irgendwann zur Kulisse für den sexuellen Akt. Zur nackten Wand gesellt sich also der nackte Körper und Heathcliff, die tragische Schreckensgestalt aus Emily Brontës »Sturmhöhe« und Catherines heimliche Liebe, wird selbst seine Zunge darüber gleiten lassen.
An beidem, dem nackten Männerkörper und der hyperaktiven Zunge, mangelt es Wuthering Heights keineswegs. Immer wieder werden leidenschaftliche Küsse ausgetauscht. Dazu wird Heathcliffs Brust selbst beim Ausmisten des Stalls zum Objekt der Begierde. Emerald Fennell, die zuvor schon mit Promising Young Woman und Saltburn polarisierte, setzt die Muskeln des Zweimetermannes Jacob Elordi ausgiebig in Szene. Sie beobachtet wiederholt Narben und glänzenden Schweiß in Großaufnahme, als sei die Kinoleinwand selbst die fleischige Fläche, die auch das erwähnte Schlafzimmer ziert.
Überhaupt ist Fennells Romanverfilmung ein Werk, das seine größte Sensation aus all den Texturen und Oberflächen ziehen will. Die Berührung wird zur sensorischen und visuellen Attraktion erhoben. Sei es die Berührung des Menschenkörpers oder das sexuell konnotierte Kneten eines Teigs in der Küche. Finger spielen mit Eidotter und Eigelb und stellen sich dabei Erotisches vor, während der Blick durch das Fenster in das Schlafgemach der Liebsten fällt.
Wuthering Heights ist ein Märchenfilm, eine Kitschfantasie, die so einladend wie erdrückend sein will. Visuell veranstaltet Emerald Fennell eine Materialschlacht. Margot Robbie wird dabei nach ihrer Barbie-Rolle selbst zur Puppe erklärt und mit immer neuen Stoffen, Kleidern und Schleiern behangen. Räume werden mit Perlenketten, Blumen oder üppigen Buffets vollgestopft. Das mag in seinen Tableaus und Kulissen noch so dekovermüllt und ornamental ausstaffiert sein und mit eher schlicht gedachten Metaphern arbeiten, wenn sich ein Gang etwa selbst in ein Körperinneres zu verwandeln scheint.
Nichtsdestotrotz kann man den Aufnahmen von Kameramann Linus Sandgren, den Kostümen und der ganzen Ausstattung kaum ihre Verführungskraft und ihr Spektakel absprechen. Dafür ist allein die Farbdramaturgie viel zu einnehmend. Die roten Tupfer etwa, die erst über ein Fensterglas oder ein blutgesäumtes Kleid leuchtende Kontraste in die finstere und nebelverhangene Filmlandschaft tragen und hinterher fast die ganze Leinwand vereinnahmen.
Bei all dem optischen Bombast erhitzte die Literaturverfilmung schon vor Kinostart die Gemüter, als der eher freie Umgang der Filmemacherin mit dem Ausgangsmaterial offenbar wurde. Das vermeintliche White Washing der Heathcliff-Figur war dabei nur ein Streitpunkt. Interviewaussagen der Regisseurin konnte man sinngemäß entnehmen, dass man es hier eher mit einem Erinnerungsstück zu tun hat, einer pubertären Fantasie und einem jugendlichen Blick auf den Roman aus dem 19. Jahrhundert. Mehr Gefühl also als eine intellektuelle Durchdringung und Auseinandersetzung mit dem kanonischen Werk. Eine akkurate Bebilderung der Handlung schon gar nicht. Und genau das ist am Ende auch herausgekommen: eine lose inspirierte Fanfiction, die vor allem die zum Untergang verdammte Liebe zwischen Heathcliff und Catherine als erotischen Leidenstrip ausschmückt.
Man kann sich nun über die Schwerpunktsetzung empören. Darüber, dass der Film damit den eigentlich Stoff verrät und in seinen Dimensionen schmälert. Will man Wuthering Heights allein aus Sicht des Medienwechsels und der Adaptionsfrage betrachten, liegt schnell auf der Hand, dass dieser Film den Themen seiner Vorlage nicht gerecht wird und das auch gar nicht will. Dass Fennell die Romanhandlung zuvorderst als softerotische Projektionsfläche nutzt, bietet Angriffsfläche. Das heißt aber nicht, dass der Exzess, an dem sich die Regisseurin dabei versucht, nicht durchaus ein Genuss und ein interessantes Seherlebnis sein kann! Davon abgesehen, dass Fennell mitnichten die erste Künstlerin ist, die einen Großteil des Romans einfach herausstreicht.
Der Exzess liegt hier nicht vorrangig in der sexuellen Darstellung, auch wenn es davon einige gibt. Die Erotik und das Verlangen ziehen sich durch den Film, gerade auch in der Verschränkung von Lust, Leid und Auslöschung. Begehren wird unerträglich und treibt die Figuren in ihrem unerfüllten Glück bis zum sadomasochistischen Spiel. Die eigentlichen sexuellen Akte werden dabei nicht allzu explizit bebildert. Der eigentliche Exzess findet aber im Affektvortrag und im Auswalzen und Überstrapazieren der Leidenschaften statt.
Fennell lässt ihre Hauptfiguren schmachten und mit so großen, melodramatischen Gesten spielen, fummeln und leiden, dass die Grenze zur Komik alsbald eingerissen wird. Irritierend ist das deshalb, weil besagte Komik anscheinend einkalkuliert ist, aber nie aus der eigenen Haut fährt oder augenzwinkernd mit der eigenen Logik brechen würde. Dafür nimmt sich dieser Trash, wenn man das Label bemühen will, durchweg ernst und Trash ist hier letztlich eher als Gütesiegel zu verstehen.
Wuthering Heights umarmt das Kitschige so innig, wie es nur irgendwie geht. Wenn hier Trauer und Schmerz dargestellt werden sollen, werden keine komplexen Charakterstudien und kein konzentriertes, kleines Mienenspiel vorgeführt, sondern es fließen zuvorderst Tränen ohne Ende. Und wenn die Erregung einsetzt, dann leckt die eine Figur der anderen die Tränen von der Wange. Ausdrücke werden verzerrt, Münder weit aufgerissen. In einer zentralen Szene regnet es – na klar! – in Strömen und Margot Robbie schlägt Jacob Elordi aufgebracht gegen die Brust. »Do not follow me! Leave me alone!« Im Hintergrund spielen die Streicher.
Heathcliff wird zudem in eine Figur verwandelt, die so auch der toxische Book Boyfriend aus dem nächsten Dark-Romance-Hype von TikTok sein könnte. Wenn er seine Geliebte einhändig vom Boden hebt oder der jungen Isabella fiese Schwüre ins Ohr raunt, sind das Eindrücke, die man ebenso als Illustration, Charakterkarte oder farbiges Page Overlay zu der einschlägigen Gegenwartsliteratur liefern könnte. Emerald Fennell hat verstanden, wie ein junges, überwiegend weibliches Zielpublikum heute romantische Stoffe konsumiert und dass dabei das, was (in der Regel männliche) Kritiker gern als minderwertig und trivial abstempeln, dem Genuss keineswegs im Wege stehen muss. Ganz im Gegenteil!
Das Mainstream-Kino hat sich die Leidenschaft, Liebe, Erotik, die hemmungslos übersteigerten Gefühle schon seit Jahren weitgehend ausgetrieben. Einen Überschuss an Emotionen und das Schwülstige als eigene Kunstform findet man eher selten. Emerald Fennell versucht, diese Kunstform zu reaktivieren, die in der populären romantischen Gegenwartsliteratur selbstverständlich ist und die dort ebenso einschließt, einen durchaus abgründigen, ambivalenten Blick auf Erotik zu werfen. Geht das in diesem Film weit genug? Ist das nicht doch am Ende immer noch zu gebremst, um einen neuen Meilenstein aufzustellen? Ja, aber im Verhältnis zu einem Großteil anderer derart populärer Werke wird hier zumindest ein kleiner Schritt gewagt.
Insofern ist der selbstzweckhafte Kitsch von Wuthering Heights, dieser ungebremste Schmachtfetzen der alten Schule, gar nicht so sehr als Roman-Verunstaltung interessant, sondern als ästhetische Geste an sich. Emerald Fennells Vision fügt sich nahtlos in eine neue selbstbewusste Lust am sogenannten Schund ein, die letzteren auch in seiner ganzen Definition und Zuschreibung von außen neu befragt. Das Faszinierende und Verstörende an dieser Adaption liegt darin, wie sich die Tropes und Motive heutiger Romance und Dark Romance-Literatur filmisch mit ihren Vorläufern in Brontës Gothic-Klassiker überlagern. Wuthering Heights widersetzt sich damit lustvoll und offenbar gänzlich selbstbewusst einer Rezeptionshaltung und Kulturkritik, die in der Kunst gern vor allem das Subtile als Stärke ausweisen will. Davon ist in diesem Film nun wirklich nichts zu finden.