Wildwood

USA/GB/CDN 2026 · 131 min. · FSK: ab 12
Regie: Travis Knight
Drehbuch:
Musik: Dario Marianelli
Kamera: Caleb Deschanel
Wildwood
Hänsel & Gretel verliefen sich im Wald, es war so finster und auch so bitter kalt.
(Foto: Capelight / Central)

Die Verzauberung der Wirklichkeit

Mit Wildwood erschafft das Animationsstudio Laika eine überwältigende Fantasywelt, die das Stop-Motion-Kino in neue Dimensionen führt. Doch hinter den spektakulären Bildern verbirgt sich eine erstaunlich erwachsene Geschichte über das Ende der Kindheit, Selbstbestimmung und den schwierigen Weg ins eigene Leben

Manchmal genügt eine Fahr­rad­fahrt, um zu begreifen, was Kino vermag. Wenn die zwölf­jäh­rige Prue McKeel am Anfang von Wildwood mit ihrem kleinen Bruder im Boller­wagen durch Portland radelt, die Straßen und Häuser an ihr vorbei­ziehen und sich die Stadt in all ihrer alltäg­li­chen Leben­dig­keit entfaltet, dann ist das bereits ein kleines, ein großes Wunder. Nicht, weil hier etwas Über­na­tür­li­ches geschieht, sondern weil das Gewöhn­liche so außer­ge­wöhn­lich erscheint. Die Stop-Motion-Technik des ameri­ka­ni­schen Anima­ti­ons­stu­dios Laika verzau­bert die Wirk­lich­keit, ohne sie gleich in eine Fanta­sy­welt verwan­deln zu müssen. Allein diese grandiose Eröff­nungs­se­quenz ist den Kino­be­such wert.

Das eigent­liche Abenteuer beginnt jedoch erst, als ein Schwarm Krähen Prues kleinen Bruder Mac entführt und in die soge­nannte Undurch­dring­liche Wildnis verschleppt, einen geheim­nis­vollen Wald am Rande Portlands, den kein vernünf­tiger Mensch betreten würde. Gemeinsam mit ihrem Klas­sen­ka­me­raden Curtis macht sich Prue auf den Weg, ihen kleinen Bruder zurück­zu­holen, und gerät in eine Welt spre­chender Tiere, riva­li­sie­render Frak­tionen, magischer Kräfte und zunehmend gewalt­tä­tiger Ausein­an­der­set­zungen. Was als Rettungs­mis­sion beginnt, entwi­ckelt sich zu einem epischen Fanta­sy­aben­teuer, in dem nicht nur das Schicksal ihres Bruders, sondern bald auch die Zukunft einer ganzen Welt auf dem Spiel steht.

Natürlich ist Wildwood damit zunächst eine klas­si­sche Coming-of-Age-Geschichte, genauer gesagt eine Rite of Passage, ein klas­si­scher Initia­ti­ons­ritus, wie ihn die Ethno­logie in zahl­rei­chen Gesell­schaften, etwa bei ostafri­ka­ni­schen Ethnien, beschrieben hat oder wie er seit frühen Zeiten Nieder­schlag in der Märchen­li­te­ratur wie Hänsel & Gretel gefunden hat. Ein Kind verlässt die vertraute Gemein­schaft, durch­quert eine gefähr­liche Zwischen­welt, muss Prüfungen bestehen, Entschei­dungen treffen und kehrt schließ­lich als ein anderer Mensch zurück. Die Pubertät wird zur fantas­ti­schen Aben­teu­er­reise, die Frage nach der eigenen Identität zu einer Entschei­dung zwischen Gut und Böse, zwischen Anpassung und Selbst­be­stim­mung. Die Eltern bleiben dabei weit­ge­hend hilflose Zuschauer, denn diesen Weg, das wissen sie selbst nur allzu gut, müssen ihre Kinder allein gehen.

Das erinnert natürlich an Pixars Alles steht Kopf (2015) von Pete Docter. Nur dass dort die emotio­nalen Erschüt­te­rungen der heran­wach­senden Riley Andersen aus ihrem Inneren heraus erzählt wurden, während Wildwood die Entwick­lung seiner jungen Heldin in eine äußere, fantas­ti­sche Welt verlagert. Beide Male sind es Mädchen, die sich in einer plötzlich unüber­schaubar gewor­denen Wirk­lich­keit zurecht­finden müssen. Die eine kämpft mit ihren Gefühlen, die andere mit Krähen, Banditen und magischen Mächten. Das emotio­nale Ergebnis ist erstaun­lich ähnlich.

Wenn Puppen lebendig werden

Was Wildwood dabei zu einem so außer­ge­wöhn­li­chen Kino­er­lebnis macht, ist seine geradezu unglaub­liche hand­werk­liche Perfek­tion. Laika, das Studio hinter Coraline (2009), ParaNorman (2012) und Kubo – Der tapfere Samurai (2016), hat unter der Regie von Travis Knight seine ohnehin schon beein­dru­ckenden Möglich­keiten noch einmal erweitert. Über Jahre hinweg entstanden Hunderte Puppen, mehr als hundert aufwendig gestal­tete Schau­plätze und über 142.000 austausch­bare Gesichts­aus­drücke. Selbst die Federn der Vögel wurden in Tausenden von Arbeits­schritten einzeln ange­bracht. Digitale Effekte ergänzen diese Minia­tur­welten, ohne ihren hand­werk­li­chen Charakter auszu­lö­schen.

Das Ergebnis ist schlicht über­wäl­ti­gend. Besonders die großen Flug- und Kampf­szenen, in denen ganze Vogel­schwärme aufein­an­der­treffen, besitzen eine Dynamik und räumliche Tiefe, die man dieser Technik kaum zugetraut hätte. Wenn sich die gefie­derten Heer­scharen in die Lüfte erheben, wenn Land­schaften, Figuren und Bewe­gungen zu einer einzigen, perfekt choreo­gra­fierten Kompo­si­tion verschmelzen, dann erschließt Laika tatsäch­lich neue Dimen­sionen des Anima­ti­ons­kinos.

Und doch liegt hier dann auch mein kleiner, explizit persön­li­cher Vorbehalt. Ich bin ein großer Fan von Coraline, jenem wunder­baren, unheim­li­chen Film, dessen Schrecken sich weniger aus einer ausufernden Fanta­sy­welt speist als aus den Abgründen einer durchaus realen Eltern-Kind-Beziehung. Die fantas­ti­sche Gegenwelt war dort vor allem eine beklem­mende Zuspit­zung fami­liärer Sehn­süchte und Ängste. In Wildwood hingegen nimmt die Mytho­logie zunehmend überhand. Das erinnert an Harry Potter und an Der Herr der Ringe, mit all den gewal­tigen Schlachten, den riva­li­sie­renden Mächten und den großen Entschei­dungen zwischen Gut und Böse. Und obwohl das alles großartig insze­niert ist, wünsche ich mich selbst immer wieder zurück auf jene Straßen Portlands, die Laika zu Beginn mit einer solchen Zärt­lich­keit und Präzision zum Leben erweckt hat, denn mir persön­lich ist die Verzau­be­rung des Realen näher als die immer weitere Ausdeh­nung des Fantas­ti­schen.

Aber das soll ausdrück­lich als persön­liche Klammer verstanden sein. Denn ohne Zweifel ist Wildwood ein außer­ge­wöhn­li­cher Film, der weit darüber hinaus­geht, was das Kinder- und Fami­li­en­kino norma­ler­weise bietet. Das liegt auch an seiner bemer­kens­werten erzäh­le­ri­schen Geduld. Mit seinen etwas mehr als zwei Stunden nimmt sich Wildwood unge­wöhn­lich viel Zeit, seine Figuren zu entwi­ckeln, ihre Motive zu hinter­fragen und ihnen auch Wider­sprüche zuzu­ge­stehen. Vor allem Alexandra, deren zerstö­re­ri­scher Macht­an­spruch aus einer tiefen Erfahrung von Verlust und Trauer hervor­geht, ist weit mehr als eine konven­tio­nelle Märchen­bö­se­wichtin.

Hier sind die Dialoge tatsäch­lich Dialoge, Gespräche, in denen sich Bezie­hungen verändern, Erkennt­nisse entstehen und Konflikte verschärfen. Kein süßlicher Zierrat, keine bloßen Stich­wort­geber für den nächsten visuellen Effekt, wie man es im Kinder­film leider noch immer viel zu häufig erlebt. Selbst die spek­ta­kulärsten Szenen bleiben einer Erzählung verpflichtet, die ihre jungen Zuschauer ernst nimmt und die Erwach­senen über­rascht.

Viel­leicht ist das überhaupt die größte Qualität dieses Films: dass er sich weigert, Kinder­kino mit einfachem Kino zu verwech­seln, so wie das das groß­ar­tige Stop-Motion-Kino von Adam Elliot macht, zuletzt in dem groß­ar­tigen Memoiren einer Schnecke. Wildwood ist ganz so wie Elliots Film ein Film über das Erwach­sen­werden, der selbst erwachsen erzählt wird. Ein Film, der die Fantasie seiner Zuschauer heraus­for­dert, statt sie mit vorge­fer­tigten Gefühlen abzu­speisen. Und der mit seiner fast verschwen­de­ri­schen hand­werk­li­chen Hingabe zugleich daran erinnert, dass Kino noch immer aus Bildern entstehen kann, die Menschen mit ihren eigenen Händen erschaffen. Dass man nach diesem großen Abenteuer die gewöhn­li­chen Straßen Portlands viel­leicht noch ein wenig mehr liebt als die magischen Wälder dahinter, spricht dabei keines­wegs gegen den Film. Sondern für die außer­ge­wöhn­liche Kraft seiner Bilder.