| USA/GB/CDN 2026 · 131 min. · FSK: ab 12 Regie: Travis Knight Drehbuch: Chris Butler Musik: Dario Marianelli Kamera: Caleb Deschanel |
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| Hänsel & Gretel verliefen sich im Wald, es war so finster und auch so bitter kalt. | ||
| (Foto: Capelight / Central) | ||
Manchmal genügt eine Fahrradfahrt, um zu begreifen, was Kino vermag. Wenn die zwölfjährige Prue McKeel am Anfang von Wildwood mit ihrem kleinen Bruder im Bollerwagen durch Portland radelt, die Straßen und Häuser an ihr vorbeiziehen und sich die Stadt in all ihrer alltäglichen Lebendigkeit entfaltet, dann ist das bereits ein kleines, ein großes Wunder. Nicht, weil hier etwas Übernatürliches geschieht, sondern weil das Gewöhnliche so außergewöhnlich erscheint. Die Stop-Motion-Technik des amerikanischen Animationsstudios Laika verzaubert die Wirklichkeit, ohne sie gleich in eine Fantasywelt verwandeln zu müssen. Allein diese grandiose Eröffnungssequenz ist den Kinobesuch wert.
Das eigentliche Abenteuer beginnt jedoch erst, als ein Schwarm Krähen Prues kleinen Bruder Mac entführt und in die sogenannte Undurchdringliche Wildnis verschleppt, einen geheimnisvollen Wald am Rande Portlands, den kein vernünftiger Mensch betreten würde. Gemeinsam mit ihrem Klassenkameraden Curtis macht sich Prue auf den Weg, ihen kleinen Bruder zurückzuholen, und gerät in eine Welt sprechender Tiere, rivalisierender Fraktionen, magischer Kräfte und zunehmend gewalttätiger Auseinandersetzungen. Was als Rettungsmission beginnt, entwickelt sich zu einem epischen Fantasyabenteuer, in dem nicht nur das Schicksal ihres Bruders, sondern bald auch die Zukunft einer ganzen Welt auf dem Spiel steht.
Natürlich ist Wildwood damit zunächst eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, genauer gesagt eine Rite of Passage, ein klassischer Initiationsritus, wie ihn die Ethnologie in zahlreichen Gesellschaften, etwa bei ostafrikanischen Ethnien, beschrieben hat oder wie er seit frühen Zeiten Niederschlag in der Märchenliteratur wie Hänsel & Gretel gefunden hat. Ein Kind verlässt die vertraute Gemeinschaft, durchquert eine gefährliche Zwischenwelt, muss Prüfungen bestehen, Entscheidungen treffen und kehrt schließlich als ein anderer Mensch zurück. Die Pubertät wird zur fantastischen Abenteuerreise, die Frage nach der eigenen Identität zu einer Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Anpassung und Selbstbestimmung. Die Eltern bleiben dabei weitgehend hilflose Zuschauer, denn diesen Weg, das wissen sie selbst nur allzu gut, müssen ihre Kinder allein gehen.
Das erinnert natürlich an Pixars Alles steht Kopf (2015) von Pete Docter. Nur dass dort die emotionalen Erschütterungen der heranwachsenden Riley Andersen aus ihrem Inneren heraus erzählt wurden, während Wildwood die Entwicklung seiner jungen Heldin in eine äußere, fantastische Welt verlagert. Beide Male sind es Mädchen, die sich in einer plötzlich unüberschaubar gewordenen Wirklichkeit zurechtfinden müssen. Die eine kämpft mit ihren Gefühlen, die andere mit Krähen, Banditen und magischen Mächten. Das emotionale Ergebnis ist erstaunlich ähnlich.
Was Wildwood dabei zu einem so außergewöhnlichen Kinoerlebnis macht, ist seine geradezu unglaubliche handwerkliche Perfektion. Laika, das Studio hinter Coraline (2009), ParaNorman (2012) und Kubo – Der tapfere Samurai (2016), hat unter der Regie von Travis Knight seine ohnehin schon beeindruckenden Möglichkeiten noch einmal erweitert. Über Jahre hinweg entstanden Hunderte Puppen, mehr als hundert aufwendig gestaltete Schauplätze und über 142.000 austauschbare Gesichtsausdrücke. Selbst die Federn der Vögel wurden in Tausenden von Arbeitsschritten einzeln angebracht. Digitale Effekte ergänzen diese Miniaturwelten, ohne ihren handwerklichen Charakter auszulöschen.
Das Ergebnis ist schlicht überwältigend. Besonders die großen Flug- und Kampfszenen, in denen ganze Vogelschwärme aufeinandertreffen, besitzen eine Dynamik und räumliche Tiefe, die man dieser Technik kaum zugetraut hätte. Wenn sich die gefiederten Heerscharen in die Lüfte erheben, wenn Landschaften, Figuren und Bewegungen zu einer einzigen, perfekt choreografierten Komposition verschmelzen, dann erschließt Laika tatsächlich neue Dimensionen des Animationskinos.
Und doch liegt hier dann auch mein kleiner, explizit persönlicher Vorbehalt. Ich bin ein großer Fan von Coraline, jenem wunderbaren, unheimlichen Film, dessen Schrecken sich weniger aus einer ausufernden Fantasywelt speist als aus den Abgründen einer durchaus realen Eltern-Kind-Beziehung. Die fantastische Gegenwelt war dort vor allem eine beklemmende Zuspitzung familiärer Sehnsüchte und Ängste. In Wildwood hingegen nimmt die Mythologie zunehmend überhand. Das erinnert an Harry Potter und an Der Herr der Ringe, mit all den gewaltigen Schlachten, den rivalisierenden Mächten und den großen Entscheidungen zwischen Gut und Böse. Und obwohl das alles großartig inszeniert ist, wünsche ich mich selbst immer wieder zurück auf jene Straßen Portlands, die Laika zu Beginn mit einer solchen Zärtlichkeit und Präzision zum Leben erweckt hat, denn mir persönlich ist die Verzauberung des Realen näher als die immer weitere Ausdehnung des Fantastischen.
Aber das soll ausdrücklich als persönliche Klammer verstanden sein. Denn ohne Zweifel ist Wildwood ein außergewöhnlicher Film, der weit darüber hinausgeht, was das Kinder- und Familienkino normalerweise bietet. Das liegt auch an seiner bemerkenswerten erzählerischen Geduld. Mit seinen etwas mehr als zwei Stunden nimmt sich Wildwood ungewöhnlich viel Zeit, seine Figuren zu entwickeln, ihre Motive zu hinterfragen und ihnen auch Widersprüche zuzugestehen. Vor allem Alexandra, deren zerstörerischer Machtanspruch aus einer tiefen Erfahrung von Verlust und Trauer hervorgeht, ist weit mehr als eine konventionelle Märchenbösewichtin.
Hier sind die Dialoge tatsächlich Dialoge, Gespräche, in denen sich Beziehungen verändern, Erkenntnisse entstehen und Konflikte verschärfen. Kein süßlicher Zierrat, keine bloßen Stichwortgeber für den nächsten visuellen Effekt, wie man es im Kinderfilm leider noch immer viel zu häufig erlebt. Selbst die spektakulärsten Szenen bleiben einer Erzählung verpflichtet, die ihre jungen Zuschauer ernst nimmt und die Erwachsenen überrascht.
Vielleicht ist das überhaupt die größte Qualität dieses Films: dass er sich weigert, Kinderkino mit einfachem Kino zu verwechseln, so wie das das großartige Stop-Motion-Kino von Adam Elliot macht, zuletzt in dem großartigen Memoiren einer Schnecke. Wildwood ist ganz so wie Elliots Film ein Film über das Erwachsenwerden, der selbst erwachsen erzählt wird. Ein Film, der die Fantasie seiner Zuschauer herausfordert, statt sie mit vorgefertigten Gefühlen abzuspeisen. Und der mit seiner fast verschwenderischen handwerklichen Hingabe zugleich daran erinnert, dass Kino noch immer aus Bildern entstehen kann, die Menschen mit ihren eigenen Händen erschaffen. Dass man nach diesem großen Abenteuer die gewöhnlichen Straßen Portlands vielleicht noch ein wenig mehr liebt als die magischen Wälder dahinter, spricht dabei keineswegs gegen den Film. Sondern für die außergewöhnliche Kraft seiner Bilder.