Winter in Sokcho

Un hiver à Sokcho

Frankreich 2024 · 105 min. · FSK: ab 12
Regie: Koya Kamura
Drehbuch:
Kamera: Élodie Tahtane
Darsteller: Bella Kim, Roschdy Zem, Mi-Hyeon Park, Tae-Ho Ryu, Doyu Gong u.a.
Winter in Sokcho
Zweigeteilte Bildkomposition
(Foto: Film Kino Text)

Spurensuche nach der eigenen Identität

In seinem gefühlvollen Regiedebüt erzählt Koya Kamura von einer Begegnung, die alte Geister weckt. Ein Film zwischen Retraumatisierung und Heilung

Auf dem Nacht­markt im südko­rea­ni­schen Sokcho bewegt sich die Kamera langsam entlang der Straße. Der Blick wird durch die pavil­lon­ar­tigen Restau­rants auf den Gehweg gelenkt, wo sich Soo-Ha und Yan Kerrand befinden. Die beiden haben sich gerade erst kennen­ge­lernt. Als die Kamera stehen­bleibt, wird die Sicht plötzlich durch die Außen­plane des Pavillons verdeckt. Im verschwom­menen Bild setzen sich Soo-Ha und Yan an einen Tisch. Die Kamera wechselt ins Innere. In Nahauf­nahme nun der dampfende Hotpot: Das gemein­samen Abend­essen kündigt sich an, in dem die Figuren als Schemen am rechten und linken Bildrand gegen­ü­ber­sitzen. Deutlich wird das zentrale Thema des Films: die Spaltung. Das Bild legt bereits offen, was Soo-Ha noch zu reali­sieren vermag: Auch diese Begegnung wird ihre Wunde nicht heilen können.

In Winter in Sokcho lebt die 23-jährige Soo-Ha mit ihrer Mutter in der gleich­na­migen Küsten­stadt, nahe der Grenze zu Nordkorea. Sie arbeitet in einem Gasthaus, als eines Tages der fran­zö­si­sche Autor Yan Kerrand anreist. Soo-Ha verspürt eine Anziehung zum Comic­zeichner, der wiederum auf der Suche nach Inspi­ra­tion für sein neues Werk ist. Die beiden verbringen immer mehr Zeit mitein­ander, bis Soo-Ha endgültig von ihren Gefühlen heim­ge­sucht wird.

Die Spaltung ist dem Film, gerade im Verhältnis zum Nach­bar­land Nordkorea, omni­prä­sent einge­schrieben. Es verhält sich wie ein Schleier, der die Geschichte umhüllt. Für Soo-Ha bezieht es sich außerdem auf die Familie, denn sie wurde als Kind von ihrem Vater verlassen. Schnell wird klar, dass die Ankunft des Autors eine Projek­ti­ons­fläche bietet und sich die Prot­ago­nistin auf die Spuren­suche ihres, ebenfalls fran­zö­sisch­stam­menden, Vaters begibt.

Insze­niert ist der Film auf eine sinnliche und künst­le­ri­sche Weise. Ein zartes musi­ka­li­sches Motiv auf dem Piano umgibt Anfang und Ende. Der verschneite Badeort versprüht einen poeti­schen Charme. Es wird eine trüge­ri­sche Ruhe vermit­telt, die im Kontrast zu Soo-Has Gefühls­welt steht. Um ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, wechselt der Film seine Form: Das Bild verwan­delt sich in eine leere Leinwand, auf der sich allmäh­lich zeichen­trick­för­mige Pinsel­striche zu Mustern und Figuren formen. Diese Visua­li­sie­rungen stehen ebenso für ihre Sehnsucht, sich dem Zeichner Kerrand anzu­n­ähern. Sicher­lich hebt sich der Film durch dieses Stil­mittel hervor, aller­dings scheint die Aussa­ge­kraft der geformten Motive manchmal beliebig zu sein.

Yans Comics handeln von »Figuren, die durch die Land­schaft treiben«, wie er sagt. Damit meint er auch er sich selbst. Wenn der Film solche Momente repli­ziert, ist er am stärksten. Die Annähe­rung beider Figuren ist das Inter­es­sante, ebenso wie die geheim­nis­volle Aura, die Kerrand umgibt. Als Soo-Ha ihn beispiels­weise heimlich aus dem Nach­bar­zimmer beob­achtet, offen­baren sich Züge eines getrie­benen Künstlers. Was beschäf­tigt ihn, wovor läuft er weg? Leider werden diese Fragen nicht weiter aufge­griffen.

Winter in Sokcho ist außerdem ein Film, der gesell­schaft­liche Zwänge und Vorstel­lungen kritisch hinter­fragt. Schön­heits­ideale werden thema­ti­siert. Es gibt eine Person, die wieder­holt mit verbun­denem Gesicht in der Pension erscheint. Sie hat sich gerade operieren lassen, erfahren wir später von der Prot­ago­nistin. Hinzu kommt, dass sowohl Soo-Has Mutter als auch ihr Freund ihr vorschlagen, sich einer Schön­heits-OP zu unter­ziehen, auch wenn es im letzten Fall vermut­lich spaßig gemeint ist. Das verdeut­lich jedoch, dass nicht nur die Prot­ago­nistin mit der Frage nach Identität und Akzeptanz zu kämpfen hat, sondern ihr dies zusätz­lich von ihrem Außen gespie­gelt wird. Dadurch, dass sich die Narration immer mehr auf die Frage nach Identität zuspitzt, rückt der inter­es­san­tere Teil, die Begegnung der Figuren, in den Hinter­grund.

Winter in Sokcho ist aufgrund seiner Atmo­sphäre zunächst einladend und auch in seiner Bild­sprache clever konstru­iert. Thema­tisch kann sich die Geschichte um das Trauma des Verlas­sen­wer­dens jedoch nicht über das Mittelmaß hervor­heben.