| Belgien 2025 · 78 min. · FSK: ab 16 Regie: Charlotte Devillers, Arnaud Dufeys Drehbuch: Charlotte Devillers, Arnaud Dufeys Kamera: Pépin Struye Darsteller: Myriem Akheddiou, Laurent Capelluto, Natali Broods, Ulysse Goffin, Adèle Pinckaers u.a. |
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| Die Anwältin und die Mutter | ||
| (Foto: eksystent) | ||
Idealerweise sollte Recht gleich Gerechtigkeit sein. Dass das in der Praxis oft nicht zutrifft, ist weithin bekannt. Wie kompliziert und mühsam es sein kann, vor Gericht die Wahrheit zu bestimmen und insbesondere minderjährigen Opfern von Gewalttaten Gehör und Respekt zu verschaffen, schildert das belgische Justiz- und Familiendrama Wir glauben euch. In ihrem ersten gemeinsamen Spielfilm über einen bitteren Familienrechtsstreit führen Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys ebenso eindringlich wie beklemmend vor, wie schnell unsere Rechtsordnung überfordert ist, wenn es darum geht, das Kindeswohl sicherzustellen.
Schon der Prolog macht deutlich, dass es hier um eine Familie im Ausnahmezustand geht. Die 40-jährige Alice (Myriem Akheddiou) versucht, ihren zehnjährigen Sohn Etienne (Ulysse Goffin) in die Straßenbahn zu ziehen. Sie ist mit ihm und ihrer 17-jährigen Tochter Lila (Adèle Pinkaers) auf dem Weg zum Familiengericht. Sie sind schon spät dran. Daher ist Alice umso verzweifelter, als sich Etienne schreiend auf den Boden wirft und weigert, mitzukommen. Erst die herbeieilende Lila kann anscheinend ihren Bruder beruhigen. Bei der Sicherheitskontrolle im Erdgeschoss des Gerichtsgebäudes gibt er erneut ein Problem: Der Junge hat ein kleines Messer in der Hosentasche, das prompt beschlagnahmt wird.
Der hektische Auftakt des mehrfach preisgekrönten Films steht im scharfen Gegensatz zur ostentativen Ruhe der fast einstündigen gerichtlichen Anhörung in einem lichtdurchfluteten Raum hoch oben in einem Bürohochhaus. Die Kinder müssen dort in einer Anhörung auftreten. Der Vater (Laurent Capelluto) hat Einspruch gegen ein Urteil erhoben, das der Mutter das alleinige Sorgerecht gibt, und verlangt nun, wieder Zugang zu den Kindern zu erhalten. Doch Etienne und Lila machen sehr klar, dass sie zu ihrem Erzeuger, den sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen haben, auch künftig keinen Kontakt haben wollen. In einem Brief hat Etienne die Familienrichterin sogar darum gebeten, den Vater, der inzwischen mit einer anderen Frau ein Baby hat, vor Gericht nicht sehen zu müssen. Als der offenkundig traumatisierte Junge im Wartezimmer dann doch auf ihn trifft, rastet er abermals aus.
Kurz darauf beginnt der fast einstündige Hauptteil des Films im Kammerspielformat, der unter Leitung einer professionell agierenden Richterin in einem einzigen Büro stattfindet. Nachdem ein vom Gericht gestellter Pflichtanwalt die Kinder angehört hat, dürfen die beiden Anwältinnen des Vaters und der Mutter ihre Plädoyers abhalten, gefolgt vom Bericht des Kinderanwalts über die Aussagen der Minderjährigen. Danach ergreifen der Vater und Alice das Wort. Die Richterin achtet streng darauf, dass die Beteiligten trotz ihres emotionalen Engagements die Darlegungen der anderen nicht unterbrechen. Als die Anwältin des Vaters in ihrem Statement einmal den Bogen überspannt, ruft die Richterin diese prompt zur Ordnung.
Wie erwartet vertreten die Konfliktparteien und ihre Rechtsbeistände oft konträre Positionen, tragen Ansicht und Interpretationen vor, die sich einander widersprechen. Doch je länger die Anhörung dauert und je mehr Schichten der Problematik zu Tage treten, umso differenzierter wird das Bild. Nach und nach erfahren wir, dass die Kinder den Vater wegen Vergewaltigung von Etienne angezeigt haben und dass gegen ihn ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren läuft. Die Kinder leiden erheblich unter der Trennung der Eltern und der Traumatisierung. Vor allem Etienne wird spätestens seit der Enthüllung des mutmaßlichen Missbrauchs von einem schweren medizinischen Problem geplagt und zieht sich zunehmend in eine Selbstisolation zurück.
Der Vater bestreitet jede Untat und beteuert seine anhaltende Liebe für seine Kinder. Für den Missbrauchsvorwurf gibt es etliche Indizien, aber keine Zeugen und keine Beweise. So steht hier die Aussage Etiennes gegen die des Vaters. In juristischer Hinsicht ist das für die Richterin eine heikle Situation, weil sie eine Entscheidung treffen muss, obwohl die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger noch laufen. Wie schwer sich die ansonsten souverän auftretende Richterin tut, sieht man kurz nach dem Ende der Anhörung, als sie allein im Büro ermattet den Kopf in die Hände stützt und dann nachdenklich aus dem Fenster auf das Häusermeer hinausschaut.
Das Besondere an dem Debütfilm ist seine formale Strenge. Die Kamera von Pépin Struye bleibt im steril wirkenden Gerichtssaal fast statisch und filmt im 4:3-Bildformat, das die räumliche Enge und die Ausschnitthaftigkeit des Bildes betont und meist nur eine oder zwei Personen zeigt. Die fünf Personen sprechen meist in langen Monologen in die Kamera. Es gibt also keine dynamischen Wortgefechte wie sonst in Gerichtsfilmen.
Gelegentlich nimmt sich die Kamera aber die Freiheit, die Mutter oder den Vater ins Bild zu rücken, während man die Plädoyers der Anwältinnen teilweise nur im Off hört. In solchen Fällen ist es umso spannender zu verfolgen, wie die Aussagen sich in den Gesichtern widerspiegeln, welche Emotionen sie hervorrufen, ob Wut oder Scham, Furcht, Unwillen oder Empörung.
Zum minimalistischen Duktus der Inszenierung gehört auch der Verzicht auf Musik, Zooms, Rückblenden. Zudem wurde die zentrale Anhörung mit drei Kameras in einem Durchlauf in Echtzeit gedreht wurde. Eine große Herausforderung für die drei echten Juristen, die die beiden Anwältinnen und den Kinderanwalt verkörpern, aber auch für die Darsteller der Eltern und der Richterin. Vor allem Akheddiou zeigt als labile Mutter, die ohne sich selbst zu schützen für das Wohl und die Sicherheit ihrer Kinder kämpft, eine Meisterleistung. Wenn man Wir glauben euch etwas ankreiden möchte, dann allenfalls dass er die Perspektive der Mutter etwas zu sehr in den Fokus rückt und die Kinder erst sehr spät und zu kurz selbst zu Wort kommen lässt. Insgesamt jedoch ein erstaunlicher Debütfilm, der lange nachhallt, nicht zuletzt, weil er keine simple Konfliktlösung anbietet.