Vivaldi und ich

Primavera

Italien/F 2025 · 111 min. · FSK: ab 12
Regie: Damiano Michieletto
Drehbuch: ,
Kamera: Daria D'Antonio
Darsteller: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi, Andrea Pennacchi, Valentina Bellè u.a.
Vivaldi und ich
Selbst Schönheit wirkt hier müde...
(Foto: X Filme / Warner)

Die Musik der Verlorenen

Zwischen barocker Schönheit und institutioneller Grausamkeit entwickelt Michielettos Kinodebüt ein still erschütterndes Requiem auf jene Mädchen, deren Musik einst Europa verzauberte und deren Leben vergessen wurde

Antonio Vivaldi ist einer jener Künstler, die jeder kennt und die dennoch seltsam vergessen wirken. Der Name wabert wie ein Echo durch Konzert­pro­gramme, Fahr­stuhl­musik und Handy­war­te­schleifen, während der Mensch dahinter längst verschwunden scheint. Damiano Michie­letto beginnt sein bemer­kens­wertes Kinodebüt Vivaldi und ich deshalb folge­richtig nicht mit dem Mythos des Genies, sondern mit den Verlo­renen, den Über­se­henen, den Frauen, die seine Musik erst möglich machten und die die Geschichte noch gründ­li­cher ausgelöscht hat als ihn selbst. Grundlage des Films ist Tiziano Scarpas preis­ge­krönter Roman Stabat Mater, doch Michie­letto inter­es­siert sich weniger für lite­ra­ri­sche Pres­ti­ge­ver­fil­mung als für die melan­cho­li­sche Wahrheit hinter der Musik.

Es ist dabei noch gar nicht so lange her, dass das Kino ein anderes musi­zie­rendes Waisen­haus im Venedig des 18. Jahr­hun­derts entdeckt hatte: Marg­he­rita Vicarios Berlinale-Wett­be­werbs­film Gloria!, jener fast hippiesk beschwingte Film über musi­ka­li­sche Selbst­er­mäch­ti­gung, weibliche Gegen­kultur und Pop-Utopien im histo­ri­schen Kostüm. Auch dort ging es um Mädchen, um Musik und um Befreiung. Aber wo Vicario ihre Heldinnen wenigs­tens in Momenten tanzen, lachen und gegen die Welt revol­tieren ließ, bleibt bei Michie­letto alles einge­schlossen. Vivaldi und ich glaubt nicht an eine wirkliche Eman­zi­pa­tion durch Kunst. Hier gibt es keine Gegen­kultur, sondern nur Atem­pausen innerhalb eines Systems, das gnadenlos weiter­läuft.

Schon früh setzt Michie­letto einen markanten Ton: Junge Mädchen entdecken im Hof des vene­zia­ni­schen Waisen­hauses ausge­setzte Katzen­babys. Ein kurzer Moment kind­li­cher Wärme in einer Welt insti­tu­tio­na­li­sierter Kälte. Dann erscheint die Heim­lei­terin, steckt die Tiere in einen Sack und wirft sie in den Kanal. Ein Monent, der alles erzählt, was später kommt. Diese Mädchen leben wie die Katzen: geduldet, verwaltet, entsorgt. Das Ospedale della Pietà ist kein Ort der Gebor­gen­heit, sondern ein System perfek­tio­nierter Verwert­bar­keit. Musik wird hier nicht aus Liebe gelehrt, sondern als soziale Diszi­pli­nie­rung, als Markt­wert­stei­ge­rung für spätere Ehen.

Michie­letto, einer der bedeu­tendsten Opern­re­gis­seure Europas, insze­niert das in seinem Kinodebüt mit einer Strenge, die man im heutigen europäi­schen Kino selten sieht. Anders als Gloria! roman­ti­siert dieser Film die Musik nie als endgül­tige Erlösung. Sie wird vielmehr zur Über­le­bens­stra­tegie. Es gibt Momente in Vivaldi und ich, in denen das Musi­zieren der Mädchen fast erschre­ckend an jene histo­ri­schen Situa­tionen erinnert, in denen Kunst nur noch geduldet wird, solange sie funk­tio­niert – wie die Orchester in Auschwitz, in denen gespielt wurde, um weiter­leben zu dürfen. Natürlich setzt Michie­letto diese Analogie nie direkt, aber das Gefühl drängt sich auf: Musik als letzter Rest von Würde innerhalb eines unmensch­li­chen Systems.

Die größte Qual erleiden dabei jene, die noch hoffen. Cecilia, diffe­ren­ziert gespielt von Tecla Insolia, träumt davon, dass ihre Mutter eines Tages zurück­kehrt und sie abholt. Dieser unmög­liche Traum frisst sich durch ihr ganzes Wesen. Wie so oft in der Geschichte leiden nicht die Zynischen am meisten, sondern die Hoff­nungs­vollen. Dass Cecilia ausge­rechnet durch Vivaldi eine Stimme erhält, macht den Film doppelt traurig: Denn die Kunst schenkt ihr zwar Würde, aber keine Freiheit.

Antonio Vivaldi selbst erscheint dabei fast beiläufig, erstaun­lich unspek­ta­kulär, eher Getrie­bener als Genie. Michie­letto verwei­gert den üblichen Künst­ler­kult und zeigt statt­dessen einen Mann, der kompo­niert, während um ihn herum ein System weib­li­cher Abhän­gig­keit weiter­läuft. Die Mädchen musi­zieren auf höchstem Niveau, bleiben aber Eigentum der Insti­tu­tion.

Formal erzählt Vivaldi und ich zunächst fast konven­tio­nell. Die Drama­turgie folgt bekannten Mustern des Künstler- und Coming-of-Age-Kinos: Talent, Förderung, Hoffnung, drohende Zwangs­heirat. Doch Michie­letto unter­läuft diese Stan­dard­er­zäh­lung immer wieder durch seine musi­ka­li­sche Insze­nie­rung. Die Musik wird nicht bloß illus­triert, sondern körper­lich erfahrbar gemacht. Bögen kratzen über Saiten wie offene Wunden, Rhythmen werden zu Atemzügen einer einge­schlos­senen Gemein­schaft. Gerade weil Michie­letto aus der Oper kommt, versteht er, dass Musik im Kino nicht Deko­ra­tion sein darf, sondern Raum, Körper und Macht­ver­hältnis zugleich ist.

Die Kamera gleitet dabei mit fast barocker Sinn­lich­keit durch die engen Räume des Waisen­hauses, ohne deren Gefäng­nis­cha­rakter jemals zu vergessen. Dieses Venedig ist nicht touris­ti­sche Post­kar­ten­ro­mantik, sondern ein feuchtes, kaltes Labyrinth aus Stein, Wasser und Einsam­keit. Selbst Schönheit wirkt hier müde.

Und dann kommt das Ende. Kein Triumph, keine große Befreiung, kein modernes Empower­ment-Märchen. Statt­dessen die Erkenntnis, dass Kriege enden können, aber Systeme bleiben. Dass Kunst überlebt und Menschen verschwinden. Vivaldi wurde vergessen und erst viel später wieder­ent­deckt. Diese Mädchen aber verschwanden noch gründ­li­cher aus der Geschichte, obwohl ihre Musik einst ganz Europa verzau­berte.

Gerade deshalb ist Vivaldi und Ich viel­leicht so bewegend. Weil der Film begreift, dass Kultur­ge­schichte oft auf ausgelöschten Biogra­fien gebaut ist. Michie­letto macht daraus kein Manifest, sondern ein stilles, trauriges, wunder­schönes Requiem auf all jene Frauen, deren Talent die Welt brauchte, deren Leben sie aber nicht inter­es­sierte.