So klingt das Leben

Rondallas

Spanien 2025 · 113 min. · FSK: ab 12
Regie: Daniel Sánchez Arévalo
Drehbuch:
Kamera: Rafa García
Darsteller: Javier Gutiérrez, María Vázquez, Judith Fernández, Tamar Novas, Carlos Blanco u.a.
So klingt das Leben
Erzählerisch auf vertrautem Terrain...
(Foto: Alamode)

Wer geht, stirbt nicht

Daniel Sánchez Arévalo erzählt in seiner Tragikomödie von Trauer, Musik und einem Dorf, das erst wieder tanzen lernen muss, um weiterleben zu können.

Manchmal braucht ein versehrtes Dorf nur einen Kreis. Einen Kreis aus Musikern, Fahnen, Dudelsä­cken und Menschen, die sich langsam wieder aufein­ander zu bewegen. Daniel Sánchez Arévalos So klingt das Leben erzählt von solch einem rituellen Prozess: Er glaubt an die Kraft gemein­samer Rituale, ohne sie zu verklären.

Vor zwei Jahren verschwand der Fischer Antonio mit sechs seiner Männer auf See. Seine Leiche wurde nie gefunden. Während seine Tochter Andrea (Judith Fernández) noch immer Dudelsack an seinem Grab spielt, hat das gali­zi­sche Dorf aufgehört zu musi­zieren. Die Rondalla, das tradi­tio­nelle Folk­lo­re­en­semble, verstummte mit den Toten.

Dass ausge­rechnet Antonios bester Freund Luis (Javier Gutiérrez) beschließt, die Musiker wieder zusam­men­zu­bringen, ist deshalb weit mehr als Nostalgie. Die Musik soll kein Denkmal errichten, sondern Bewegung ermög­li­chen. Trauer soll hier nicht verdrängt werden, sondern sich Schritt für Schritt in Katharsis verwan­deln.

Das ist dann viel­leicht auch die größte Stärke dieses Films: Er erzählt eine Schuld- und Verlust­ge­schichte, ohne jemals ins Melo­dra­ma­ti­sche abzu­rut­schen. Sánchez Arévalo vertraut kleinen Gesten, Ellipsen und einem Ensemble, dessen Figuren nie bloße Funk­tionen einer Botschaft werden. María Vázquez als Mutter Carmen, Judith Fernández als zwischen Aufbruch und Still­stand gefangene Andrea oder Carlos Blanco als alter Seebär Yayo – sie alle tragen ihre Verlet­zungen sichtbar mit sich herum, ohne sie ständig ausspre­chen zu müssen.

Immer wieder erlaubt sich der Film dabei Momente über­ra­schender Leich­tig­keit. Humor, gele­gent­lich sogar Slapstick, mischen sich selbst­ver­s­tänd­lich unter den Schmerz. So entsteht jene eigen­tüm­liche Tonlage, die das gegen­wär­tige spanische Kino besonders gut beherrscht, zuletzt in dem auf der dies­jäh­rigen Berlinale gezeigten Iván & Hadoum.

Das Herzstück bilden jedoch die Auftritte der Rondalla. Wenn sich Zupf­in­stru­mente, Dudelsäcke, Trommeln und Fahnen­träger im Kreis bewegen, entsteht eine Choreo­grafie, die weit mehr erzählt als jedes psycho­lo­gi­sche Gespräch. Tradition erscheint hier nicht als Folklore für Touristen, sondern als lebendige soziale Praxis. Sie stiftet Gemein­schaft, weil sie Menschen zwingt, aufein­ander zu hören.

Ein kleines, beinahe beiläu­figes Detail macht diese Haltung besonders schön sichtbar: Bei den Umzügen weht die Euro­pa­flagge selbst­ver­s­tänd­lich neben den regio­nalen Symbolen. Selten wurde so unauf­ge­regt gezeigt, dass europäi­sche Identität und lokale Tradition keine Gegen­sätze sein müssen. Europa erscheint hier nicht als abstraktes Verwal­tungs­pro­jekt, sondern als kultu­reller Reso­nanz­raum, in dem regionale Eigen­heiten gerade ihren Platz finden.

Natürlich bewegt sich So klingt das Leben erzäh­le­risch auf vertrautem Terrain. Das Wieder­be­leben eines Ensembles, der Wett­be­werb als gemein­sames Ziel, alte Konflikte, die sich langsam lösen; all das folgt bekannten Mustern des Feel-Good-Kinos. Doch Sánchez Arévalo inter­es­siert sich weniger für Über­ra­schungen als für seine Figuren. Er begegnet ihnen ohne Herab­las­sung und ohne jene kalku­lierte Senti­men­ta­lität, die das Genre oft begleitet.

Dass schließ­lich das Wrack des gesun­kenen Fisch­kut­ters entdeckt wird und die alten Wunden erneut aufreißen, verhin­dert konse­quent jede vorschnelle Erlösung. Heilung ist kein Endzu­stand, sondern ein Prozess. Viel­leicht muss man gerade deshalb immer wieder gemeinsam musi­zieren.

So wird So klingt das Leben zu einem Film über die erstaun­liche Fähigkeit von Gemein­schaften, sich nach einer Kata­strophe neu zu erfinden. Nicht indem sie vergessen, sondern indem sie sich erinnern, gemeinsam, im Rhythmus der Musik.