Viêt und Nam

Trong lòng dat

VN/Singapur/F/NL/I/D/USA 2024 · 129 min. · FSK: ab 12
Regie: Minh Quy Truong
Drehbuch:
Kamera: Son Doan
Darsteller: Pham Thanh Hai, Djào Duy Bao Djinh, Nguyen Thi Nga, Lê Viet Tung u.a.
Viet und Nam
Das Übersetzen, das Überqueren von Flüssen, von Ozeanen, von Grenzen ist ein wiederkehrendes Motiv
(Foto: Salzgeber)

Kohle und Diamant

Zwei schwule Liebende im vom Kriegstrauma versehrten Vietnam. Truong Minh Quy gelingt es in »Viet und Nam«, gerade über betörend poetische Momente eine prekäre Wirklichkeit eindringlich zu beschwören

Zwei hell­schim­mernde schmäch­tige Körper, mit Kohle­staub beschmiert, umarmen sich vor einem schwarzen Hinter­grund, in dem es diamenten funkelt – die Licht­re­flexe gaukeln einen bestirnten Nacht­himmel vor, doch die beiden Liebenden Viet (Duy Bao Dinh Dao) und Nam (Thanh Hai Pham) befinden sich in einem Kohle­berg­werk. Die jungen Männer Mitte 20 arbeiten tief unter Tage, im Herzen der Erde (so in etwa würde die Über­set­zung des Original-Titels »Trong lòng dat« lauten).

Sie lieben sich, müssen ihre Liebe aller­dings verbergen. In dem abge­le­genen Tal der ärmlichen Provinz im Norden Vietnams, wo sie leben, treten sie in der Öffent­lich­keit als mitein­ander vertraut umgehende Brüder auf. Später im Film werden sie einmal gefragt, wann sie denn endlich heiraten würden, da schauen sie wie ertappt: doch die Frage war auf jeden einzelnen bezogen und nicht auf sie als Paar gemünzt. Ein abgrün­diger Moment drama­ti­scher Ironie, der sich so auftut.

Nam lebt bei seiner Mutter Hoa (Thi Nga Nguyen). Und die beiden leiden unter dem Trauma des im Viet­nam­krieg verschol­lenen Vaters, der die Erin­ne­rung und die Träume der Mutter heimsucht und den Sohn bis in die Orgasmen mit seinem Geliebten verfolgt. Der Vater war als Soldat der Vietcong im Süden Vietnams gefallen, der Onkel Ba (Viet Tung Le) war mit ihm im Krieg, der Veteran kehrte einarmig zurück, ein Kriegs­ver­sehrter.

Neben der verbo­tenen Liebe der Schwulen, die unter Tage gehen müssen, um sich zu umarmen, ist es das nach­hal­tige Kriegs­trauma, das das Leben der Prot­ago­nisten in diesem Film prägt. Das Ende des Viet­nam­kriegs liegt 26 Jahre zurück, wir befinden uns im Jahr 2001, wie eine beiläufig erwähnte Nachricht vom Einsturz der Twin Towers in New York andeutet.

Um den phan­tas­ma­ti­schen Heim­su­chungen durch den toten Vater ein Ende zu bereiten, reisen Viet und Nam in Beglei­tung der Mutter und des Onkels in den Süden des Landes, zu den Kriegs­schau­plätzen der War Zone D, auf denen der Vater gefallen ist. Sie wollen die Überreste des Vaters bergen, buddeln eigen­händig im Schlamm, nehmen gar ein Medium in Anspruch, das mit den Geistern der Kriegs­opfer Kontakt aufnehmen kann. Die Reise in den Dschungel an der kambo­dscha­ni­schen Grenze hat Züge eines trance­ar­tigen Trips in die Vergan­gen­heit, entwi­ckelt einen somnam­bulen Sog, der in eindring­liche Kame­ra­fahrten mündet. Sie führen über die Gedenks­tätten der Schlacht­felder, auf dem die Kämpfer als lebens­echt wirkende Figuren aufge­stellt sind, während der Onkel in einer Art litur­gi­schem Sprech­ge­sang die verschie­denen Bomben- und Minen­typen memoriert, die die US-Ameri­kaner tonnen­weise abge­worfen haben.

Die Kame­ra­ar­beit von Son Doan, der auf analogem 16mm-Material filmte, erzeugt dabei betörende poetische Akzente, die gleich­wohl eine bittere sozioö­ko­no­mi­sche Wirk­lich­keit der Preka­rität doku­men­tieren. Das gilt für den gesamten Film, der bei aller Bildmagie nie die Boden­haf­tung im kärg­li­chen Alltag der Prot­ago­nisten verliert.

Ob es die beklem­menden Momente sind, wenn die Bergleute in ihrem klapp­rigen Aufzug mehrere hundert Meter in die Tiefe des Bergwerks einfahren, oder wenn die Mutter in ihrem Geschäft, einer Mischung aus Baracke und offener Garküche, unter anderem Kohle­bri­ketts verkauft. Immer bleibt eine physische Realität die Basis, die konkreter nicht sein könnte. Und so hält letztlich Nam der Dring­lich­keit nicht stand: er plant, einge­pfercht in einem Schiffs­con­tainer das Land zu verlassen und in der Hoffnung auf bessere, weniger bedrü­ckende Verhält­nisse eine ungewisse Passage zu wagen.

Das Über­setzen, das Über­queren von Flüssen, von Ozeanen, von Grenzen ist ein wieder­keh­rendes Motiv in diesem Film, der im geteilten Landes-Namen der beiden Prot­ago­nisten einen schmerz­haften Einschnitt markiert, der nicht nur auf die Spaltung zu Zeiten des Viet­nam­kriegs verweist, sondern zurück­reicht in koloniale Auftei­lungen und kultu­relle Einfluss­sphären, die den Norden und den Süden Vietnams vonein­ander schieden. Die Thematik der Migration aus verzwei­felten Verhält­nissen, für Vietnam seit den Boat­people der 1980er Jahre eine schmerz­hafte Konstante der Historie, wird hier mit Nachdruck betont.

Stilis­tisch, atmo­sphärisch darf man bei diesem Film von Truong Minh Quy gewiss an die Filme des Thailän­ders Apichat­pong Weer­a­set­hakul denken. Allein schon der erst nach knapp einer Stunde einge­blen­dete Filmtitel ist eine explizite Geste der Reverenz an dessen ersten Film Blissfully Yours, der 2002 mit derselben Extra­va­ganz Aufsehen erregte.

Doch weist Truong Minh Quy mit Viêt und Nam, seinem dritten Langfilm, eine Poesie der Schroff­heit auf, die eher an Pedro Costas Doku­fik­tionen der kapver­di­schen Migranten in Lissabon gemahnt.

Umso bitterer jeden­falls, dass Truongs Film wegen seiner illu­si­ons­losen Düster­keit in Vietnam selbst nicht gezeigt werden darf. Die Sozia­lis­ti­sche Republik des heutigen Vietnam, die als verei­nigter selbst­stän­diger Staat aus dem Viet­nam­krieg erwachsen ist, scheint gerade die poetische Akzen­tu­ie­rung der prekären Verhält­nisse und die Mahnung an die tief sitzenden Traumata nicht verwinden zu können.