Verity – Dunkle Geheimnisse

Verity

USA 2026 · 118 min. · FSK: ab 12
Regie: Michael Showalter
Drehbuch:
Kamera: Jim Frohna
Darsteller: Dakota Johnson, Anne Hathaway, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner u.a.
Verity - Dunkle Geheimnisse
Tausend Mal berührt...
(Foto: Sony)

Der Teufel trägt Text

Michael Showalters Verity ist ein altmodischer Erotikthriller im modischen Gewand der Dark Romance. Das wäre kaum der Rede wert, wäre da nicht ein Publikum, das den Film gerade weltweit zum Erfolg macht

Eigent­lich wollte ich über diesen Film nichts schreiben. Zu uner­heb­lich schien mir Michael Showal­ters Verity – Dunkle Geheim­nisse, zu bekannt die Wendungen, zu billig und offen­sicht­lich die gelegten falschen Fährten, zu sehr dieses nicht enden wollende: »Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert.« Ein Film, bei dem man nach zwanzig Minuten glaubt, ihn schon gesehen zu haben, und nach zwei Stunden ziemlich sicher ist, dass es tatsäch­lich so war.

Doch das Publikum sieht das offen­sicht­lich anders. Verity ist mit rund 63 Millionen Dollar weltweit auf Platz eins der inter­na­tio­nalen Kino­charts gestartet, davon 32,6 Millionen in Nordame­rika und 30 Millionen auf den inter­na­tio­nalen Märkten. In Deutsch­land spielte der Film am ersten Wochen­ende 3,8 Millionen Dollar ein und landete ebenfalls an der Spitze. Und während ausge­rechnet Tom Cruise mit Alejandro González Iñárritus ambi­tio­nierter Umwelt­sa­tire Digger und einem Start von nur rund 20 Millionen Dollar weltweit eine brachiale Bauch­lan­dung hinlegt, funk­tio­niert die neueste Colleen-Hoover-Verfil­mung glänzend.

Viel­leicht muss man also doch darüber reden, darüber scheiben.

Denn nach Nur noch ein einziges Mal, All das Ungesagte zwischen uns – Regret­ting You und Für immer ein Teil von dir – Reminders of Him liefert nun Verity – Dunkle Geheim­nisse einen weiteren Hinweis darauf, dass Hoover längst nicht mehr nur ein lite­ra­ri­sches, sondern ein film­in­dus­tri­elles Phänomen ist. Die Geschichte ist – wie oben schon ange­deutet – denkbar vertraut. Die finan­ziell und emotional ange­schla­gene Schrift­stel­lerin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) erhält ein unge­wöhn­li­ches Angebot: Sie soll die erfolg­reiche Roman­serie der Best­sel­ler­au­torin Verity Crawford (Anne Hathaway) vollenden, die seit einem schweren Unfall bewe­gungs­un­fähig und nicht mehr ansprechbar ist. Dafür zieht Lowen in das abge­le­gene Haus der Crawfords, wo Veritys attrak­tiver Ehemann Jeremy (Josh Hartnett) lebt.

Dass Lowen sich in Jeremy verlieben wird, über­rascht dabei ungefähr so sehr wie die Erkenntnis, dass in diesem Haus einiges nicht stimmt. Inter­es­santer ist, wie Showalter und Dreh­buch­autor Nick Antosca die Ähnlich­keit der beiden Frauen heraus­ar­beiten. Lowen leidet unter Ängsten und Depres­sionen, nimmt selbst im Haus der Crawfords Xanax; Verity erscheint dagegen zunächst als mons­tröses Gegenbild. In einem Manuskript, das Lowen entdeckt, beschreibt sie ihre Eifer­sucht auf die eigenen Kinder, weil diese die Liebe ihres Mannes bean­spru­chen, und Gedanken von einer Boshaf­tig­keit, die Lowen zunehmend davon über­zeugen, es mit einer Psycho­pathin zu tun zu haben. Allein: Ist das Geschrie­bene auch wirklich wahr?

Hier besitzt Verity seine durchaus reizvolle Grundidee. Literatur ist schließ­lich immer auch die Möglich­keit, etwas zu denken, ohne es getan zu haben. Ein Text kann Geständnis, Fantasie, thera­peu­ti­sche Selbst­be­fra­gung oder bewusste Täuschung sein. »Certainty isn’t the wisest choice«, heißt es einmal. Gewiss­heit ist nicht unbedingt die klügste Wahl. Genau das wollte Verity offenbar ihren Lesern zeigen und genau damit spielt auch der Film.

Der Teufel trägt diesmal Text.

Denn zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Lowen und Verity, zwischen Autorin und Stell­ver­tre­terin, Begehren und Projek­tion. Beide Frauen ähneln sich mehr, als Lowen wahrhaben möchte: in ihrer Liebe, ihren Ängsten und viel­leicht sogar in der Bereit­schaft, Wirk­lich­keit so lange umzu­schreiben, bis sie zur eigenen Geschichte passt. Dakota Johnsons eigen­tüm­liche Mischung aus Distanz und Verletz­lich­keit funk­tio­niert dafür erstaun­lich gut, während Anne Hathaway sichtbar Vergnügen daran hat, hinter einer zunächst nahezu regungs­losen Figur immer neue Abgründe aufscheinen zu lassen. Josh Hartnett wiederum muss nur eins sein: begeh­rens­wert und undurch­schaubar.

Showalter rückt dabei immer wieder sehr nahe an die Ästhetik jener Dark Romance-Ästethik, die den Buchmarkt seit einigen Jahren dominiert. »I want you, Lowen.« – »Say it again.« Solche Dialoge könnten unmit­telbar aus den einschlä­gigen BookTok-Best­sel­lern stammen. Sexuelle Anziehung wird mit Gefahr kurz­ge­schlossen, Begehren mit Macht, Liebe mit poten­zi­eller Gewalt. Dass Lowen Verity irgend­wann eine »selfish, Machia­vel­lian bitch« nennt, gehört ebenso zu dieser lustvoll über­drehten Tonlage wie Veritys wunderbar boshafte Bemerkung über ihren trau­ernden Ehemann: »Since Harper died, he’s become such a bore.«

Das alles macht auch Spaß. Aber halt nur sehr wenig Spaß. Hinter seiner zeit­ge­mäßen Dark-Romance-Ober­fläche steckt ein erstaun­lich altmo­di­scher Erotik­thriller, dessen DNA bis in die 1980er- und 1990er-Jahre zurück­reicht. Das große Haus, der attrak­tive Ehemann, die geheim­nis­volle Ehefrau, das gefundene Manuskript, Sex, Eifer­sucht, Psycho­pa­tho­logie, mögli­cher­weise mörde­ri­sche Fami­li­en­ge­heim­nisse: Verity arran­giert bekannte Versatz­stücke neu, ohne ihnen wirklich etwas Neues abzu­ge­winnen.

Vor allem aber verwech­selt der Film Ambi­va­lenz zu häufig mit Irre­füh­rung. Eine falsche Fährte ist noch keine Mehr­deu­tig­keit, und mehrere falsche Fährten ergeben nicht auto­ma­tisch Komple­xität. Irgend­wann wartet man weniger gespannt darauf, was wahr ist, als darauf, welche vermeint­liche Wahrheit als Nächstes wieder zurück­ge­nommen wird.

Und doch wäre es zu einfach, den Film deshalb nur abzutun. Denn sein erstaun­li­cher Erfolg erzählt womöglich mehr über das gegen­wär­tige Kino als der Film selbst. Während ein 150 Millionen Dollar teures Origi­nal­pro­jekt mit Tom Cruise spek­ta­kulär scheitert, strömt das Publikum in eine Lite­ra­tur­ver­fil­mung, die vertraute Genre­muster mit der Ästhetik zeit­genös­si­scher Dark Romance verbindet. Und viel­leicht liegt gerade darin das Geheimnis von Verity: Man hat alles schon tausendmal gesehen, aber offenbar noch nicht genau so, wie ein neues Publikum es sieht. Womit wir wieder beim Film wären: »Certainty isn’t the wisest choice.«