| USA 2026 · 118 min. · FSK: ab 12 Regie: Michael Showalter Drehbuch: Nick Antosca Kamera: Jim Frohna Darsteller: Dakota Johnson, Anne Hathaway, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner u.a. |
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| Tausend Mal berührt... | ||
| (Foto: Sony) | ||
Eigentlich wollte ich über diesen Film nichts schreiben. Zu unerheblich schien mir Michael Showalters Verity – Dunkle Geheimnisse, zu bekannt die Wendungen, zu billig und offensichtlich die gelegten falschen Fährten, zu sehr dieses nicht enden wollende: »Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert.« Ein Film, bei dem man nach zwanzig Minuten glaubt, ihn schon gesehen zu haben, und nach zwei Stunden ziemlich sicher ist, dass es tatsächlich so war.
Doch das Publikum sieht das offensichtlich anders. Verity ist mit rund 63 Millionen Dollar weltweit auf Platz eins der internationalen Kinocharts gestartet, davon 32,6 Millionen in Nordamerika und 30 Millionen auf den internationalen Märkten. In Deutschland spielte der Film am ersten Wochenende 3,8 Millionen Dollar ein und landete ebenfalls an der Spitze. Und während ausgerechnet Tom Cruise mit Alejandro González Iñárritus ambitionierter Umweltsatire Digger und einem Start von nur rund 20 Millionen Dollar weltweit eine brachiale Bauchlandung hinlegt, funktioniert die neueste Colleen-Hoover-Verfilmung glänzend.
Vielleicht muss man also doch darüber reden, darüber scheiben.
Denn nach Nur noch ein einziges Mal, All das Ungesagte zwischen uns – Regretting You und Für immer ein Teil von dir – Reminders of Him liefert nun Verity – Dunkle Geheimnisse einen weiteren Hinweis darauf, dass Hoover längst nicht mehr nur ein literarisches, sondern ein filmindustrielles Phänomen ist. Die Geschichte ist – wie oben schon angedeutet – denkbar vertraut. Die finanziell und emotional angeschlagene Schriftstellerin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) erhält ein ungewöhnliches Angebot: Sie soll die erfolgreiche Romanserie der Bestsellerautorin Verity Crawford (Anne Hathaway) vollenden, die seit einem schweren Unfall bewegungsunfähig und nicht mehr ansprechbar ist. Dafür zieht Lowen in das abgelegene Haus der Crawfords, wo Veritys attraktiver Ehemann Jeremy (Josh Hartnett) lebt.
Dass Lowen sich in Jeremy verlieben wird, überrascht dabei ungefähr so sehr wie die Erkenntnis, dass in diesem Haus einiges nicht stimmt. Interessanter ist, wie Showalter und Drehbuchautor Nick Antosca die Ähnlichkeit der beiden Frauen herausarbeiten. Lowen leidet unter Ängsten und Depressionen, nimmt selbst im Haus der Crawfords Xanax; Verity erscheint dagegen zunächst als monströses Gegenbild. In einem Manuskript, das Lowen entdeckt, beschreibt sie ihre Eifersucht auf die eigenen Kinder, weil diese die Liebe ihres Mannes beanspruchen, und Gedanken von einer Boshaftigkeit, die Lowen zunehmend davon überzeugen, es mit einer Psychopathin zu tun zu haben. Allein: Ist das Geschriebene auch wirklich wahr?
Hier besitzt Verity seine durchaus reizvolle Grundidee. Literatur ist schließlich immer auch die Möglichkeit, etwas zu denken, ohne es getan zu haben. Ein Text kann Geständnis, Fantasie, therapeutische Selbstbefragung oder bewusste Täuschung sein. »Certainty isn’t the wisest choice«, heißt es einmal. Gewissheit ist nicht unbedingt die klügste Wahl. Genau das wollte Verity offenbar ihren Lesern zeigen und genau damit spielt auch der Film.
Der Teufel trägt diesmal Text.
Denn zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Lowen und Verity, zwischen Autorin und Stellvertreterin, Begehren und Projektion. Beide Frauen ähneln sich mehr, als Lowen wahrhaben möchte: in ihrer Liebe, ihren Ängsten und vielleicht sogar in der Bereitschaft, Wirklichkeit so lange umzuschreiben, bis sie zur eigenen Geschichte passt. Dakota Johnsons eigentümliche Mischung aus Distanz und Verletzlichkeit funktioniert dafür erstaunlich gut, während Anne Hathaway sichtbar Vergnügen daran hat, hinter einer zunächst nahezu regungslosen Figur immer neue Abgründe aufscheinen zu lassen. Josh Hartnett wiederum muss nur eins sein: begehrenswert und undurchschaubar.
Showalter rückt dabei immer wieder sehr nahe an die Ästhetik jener Dark Romance-Ästethik, die den Buchmarkt seit einigen Jahren dominiert. »I want you, Lowen.« – »Say it again.« Solche Dialoge könnten unmittelbar aus den einschlägigen BookTok-Bestsellern stammen. Sexuelle Anziehung wird mit Gefahr kurzgeschlossen, Begehren mit Macht, Liebe mit potenzieller Gewalt. Dass Lowen Verity irgendwann eine »selfish, Machiavellian bitch« nennt, gehört ebenso zu dieser lustvoll überdrehten Tonlage wie Veritys wunderbar boshafte Bemerkung über ihren trauernden Ehemann: »Since Harper died, he’s become such a bore.«
Das alles macht auch Spaß. Aber halt nur sehr wenig Spaß. Hinter seiner zeitgemäßen Dark-Romance-Oberfläche steckt ein erstaunlich altmodischer Erotikthriller, dessen DNA bis in die 1980er- und 1990er-Jahre zurückreicht. Das große Haus, der attraktive Ehemann, die geheimnisvolle Ehefrau, das gefundene Manuskript, Sex, Eifersucht, Psychopathologie, möglicherweise mörderische Familiengeheimnisse: Verity arrangiert bekannte Versatzstücke neu, ohne ihnen wirklich etwas Neues abzugewinnen.
Vor allem aber verwechselt der Film Ambivalenz zu häufig mit Irreführung. Eine falsche Fährte ist noch keine Mehrdeutigkeit, und mehrere falsche Fährten ergeben nicht automatisch Komplexität. Irgendwann wartet man weniger gespannt darauf, was wahr ist, als darauf, welche vermeintliche Wahrheit als Nächstes wieder zurückgenommen wird.
Und doch wäre es zu einfach, den Film deshalb nur abzutun. Denn sein erstaunlicher Erfolg erzählt womöglich mehr über das gegenwärtige Kino als der Film selbst. Während ein 150 Millionen Dollar teures Originalprojekt mit Tom Cruise spektakulär scheitert, strömt das Publikum in eine Literaturverfilmung, die vertraute Genremuster mit der Ästhetik zeitgenössischer Dark Romance verbindet. Und vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis von Verity: Man hat alles schon tausendmal gesehen, aber offenbar noch nicht genau so, wie ein neues Publikum es sieht. Womit wir wieder beim Film wären: »Certainty isn’t the wisest choice.«