| Frankreich 2024 · 93 min. · FSK: ab 16 Regie: Grégory Lucilly Drehbuch: Grégory Lucilly Kamera: Renaud Chassaing Darsteller: Maxime Calicharane, Brillana Domitile Clain, Vincent Vermignon, Yaëlle Trules, Delixia Perrine u.a. |
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| Eindringlich erzähltes, kraftvolles Außenseiterdrama... | ||
| (Foto: Barnsteiner Film) | ||
Thomas tanzt für sein Leben gern. Der 15-Jährige aus der französischen Überseeinsel La Réunion kann Frust und Lebensfreude im Breakdance ausdrücken und trainiert fleißig, notfalls auf der Straße. Er gewinnt den Vorentscheid für den lokalen Battle of the Year und hofft mit einem Sieg, das Tor für eine Karriere auf dem französischen Festland aufzustoßen. Doch zunächst wird er nach einem heftigen Streit von seiner wütenden Mutter Marie-Davina aus der Wohnung gekegelt. Auch seine nur wenig ältere Schwester Audrey muss gehen, obwohl sie erst vor vier Monaten ein Baby geboren hat.
Auf dem Jugendamt versucht die engagierte Sozialarbeiterin Christelle vergeblich, der Mutter klarzumachen, dass das nicht so einfach geht, und droht mit einer Anklage wegen elterlicher Vernachlässigung. Nun droht den Geschwistern die getrennte Unterbringung in Heimen. Doch dann erklärt sich ihr Vater Christophe, der die Familie vor 15 Jahren verlassen hat, die Geschwister und das Baby Sloane aufzunehmen. Wenn auch etwas widerwillig, denn er verdient nur wenig Geld, um seine neue Familie zu versorgen. Seine neue Frau Nadine und die Kinder Jérôme und Alicia empfangen das Trio freundlich auf, doch die beengten Verhältnisse und die ungewisse Zukunft sorgen schnell für Frust und Spannungen. Als Thomas in einer prekären Situation die Nerven verliert und randaliert, muss er sich vor einer Jugendrichterin verantworten. Nach einem weiteren gewaltsamen Zwischenfall bekommt er es auch noch mit der Polizei zu tun.
Verstoßene – Kein Zuhause bei Maman ist der erste lange Spielfilm des Drehbuchautors und Regisseurs Grégory Lucilly und es ist der erste Langfilm, der Sprache komplett auf La Réunion und fast komplett in kreolischer Sprache gedreht wurde und in die Kinos des französischen Festlands gekommen ist. Lucilly, der aus der Tropeninsel im Indischen Ozean stammt, zeichnet ein differenziertes Bild des Lebensumfelds der Geschwister. Einerseits zeigt er durchaus die landschaftliche Schönheit der multiethnisch besiedelten Insel mit ihren Palmenalleen und Strandbars, andererseits ist die Handlung in einfachen Stadtvierteln und ärmlichen Dörfern angesiedelt, in denen gutbezahlte Jobs knapp und selten sind.
Schnell zeigt sich: Ohne Beziehungen geht in dem französischen Überseegebiet, das rund 800 Kilometer östlich von Madagaskar liegt, kaum etwas. So vermittelt Nadine Audrey einen Aushilfsjob als Sekretärin in einer Autowerkstatt, und Thomas, der zwischenzeitlich in einer geschlossenen Jugendhilfeanstalt landet, hat Glück im Unglück, weil sein Erzieher Nicolas Samariterqualitäten hat und ihm eine Lehrstelle zur Probe organisiert.
Eher beiläufig werden im Film auch die Unzulänglichkeiten und bürokratischen Hürden des Fürsorgesystems beleuchtet. So würde Tante Marie-Anna die Jugendlichen gerne aufnehmen, benötigt aber dazu die Unterschriften von Vater und Mutter. Marie-Davina verweigert das aber, sie vergnügt sich lieber mit ihrem neuen Lover. Hilflos müssen die Geschwister auch miterleben, wie die destruktive Mutter die Habseligkeiten und persönlichen Dinge der Jugendlichen für ein paar Euro verscherbelt. Kein Wunder, dass Thomas ausrastet, als er in seinem leer geräumten Jugendzimmer steht. Auch wenn in diesem Kontext manche Wendung etwas formelhaft wirkt, so vermeidet die Regie doch weitgehend eine allzu vereinfachende Schwarzweiß-Malerei der staatlichen Einrichtungen.
Eindringlich erzählt das kraftvolle Außenseiterdrama von einer ebenso stabilen wie zärtlichen Geschwisterliebe, zeigt, wie Bruder und Schwester aus einer dysfunktionalen Familie in eine Patchwork-Familie katapultiert werden, dort aber nicht wirklich ankommen und in neuen Unterkünften landen. Auf der Suche nach einer neuen Heimat müssen die beiden Entwurzelten viele Rückschläge verkraften.
Der junge Laiendarsteller Maxime Calicharane spielt Thomas, der zwischen Ausgrenzung und Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und Aggression hin- und herschwankt, in dem kraftvollen Jugend- und Familiendrama mit schier unerschöpflicher Energie. Bewundernswert sind die Breaking-Sequenzen, in denen Calicharane zu pulsierenden Hip-Hop-Tracks sein erstaunliches Können als Tänzer präsentieren kann. In die elektrisierenden Choreographien sind zugleich Elemente des traditionellen Maloya-Tanzstils der Insel und des Afro Dance eingeflossen, die den Szenen ein geradezu exotisches Flair geben. Aber auch als Schauspieler kann sich Calicharane sehen lassen: Mitreißend ist jene Szene, in der ein gedemütigter Thomas seine größte Schwäche zeigt und seine Mutter per Smartphone mehrfach anfleht, ihn wieder zurückzunehmen.
Wenn es um die Darstellung starker Emotionen geht, muss Brilliana Domitile Clain nicht zurückstehen. Als Audrey kämpft sie nicht nur für sich und den aufsässigen Bruder, sondern muss auch stets das Wohl ihres Babys im Auge behalten, vor allem in jenen dramatisch zugespitzten Szenen, in denen sie sich aus der toxischen Beziehung zu dem labilen Kindsvater Rudy zu befreien versucht. Mit großer Sympathie sehen wir der jungen Darstellerin zu, wie ihre Audrey zielstrebig und effektiv eine Lösung ersinnt, die ihr, Sloane und Thomas endlich Ruhe und Geborgenheit schenkt.