| PL/D/I/F 2026 · 92 min. · FSK: ab 0 Regie: Pawel Pawlikowski Drehbuch: Henk Handloegten, Pawel Pawlikowski Kamera: Lukasz Zal Darsteller: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, Anna Madeley, Devid Striesow u.a. |
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| Eine Welt aus Licht und Schatten... | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
Es gibt Stoffe, die scheinen jeder Form zu widerstehen. Thomas Mann gehört ganz sicherlich zu diesen Stoffen.
Nicht nur wegen seines Werks, sondern auch wegen jener nahezu unüberschaubaren auch Lebenswelt aus Familie, Exil, Politik, Sexualität, Literatur und deutscher Geschichte, die ihn umgibt. Jeder Versuch, dieses Universum zu erzählen, läuft Gefahr, entweder zur Enzyklopädie oder zum Anekdotenkabinett zu werden.
Darunter litt bereits Colm Tóibíns Roman Der Zauberer. Tóibín ist normalerweise ein Autor der Auslassung. Seine besten Romane leben davon, dass Gefühle nie vollständig ausgesprochen werden und sich Bedeutung in kleinen Gesten sammelt, in seiner Lyrik ist das nicht anders. Ausgerechnet bei Thomas Mann schien ihn jedoch die Materialfülle zu überwältigen. Der Roman wollte alles erzählen: Familie, Emigration, Politik, homoerotisches Begehren, Nobelpreis, Kinder, Kriege, Freundschaften. Immer wieder wurden Lebensstationen eher registriert als gestaltet. Die große Form drohte zur Chronologie zu werden, Verdichtung zum Wikipedia-Eintrag.
Paweł Pawlikowski reagiert in seinem in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichneten Drama auf dieses Problem mit einer beinahe entgegengesetzten Bewegung. Er erzählt fast nichts. Oder um etwas genauer zu sein: Er erzählt nur wenige Tage. Er lässt sich von Tóibíns Roman allenfalls inspirieren.
1949 reisen Thomas Mann und seine Tochter Erika durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland, um in Frankfurt und Weimar anlässlich des 200. Geburtstags Goethes geehrt zu werden und ihre Reden zu halten. Dazwischen liegen Straßen, Hotels, Begegnungen, Schweigen und die Nachricht vom Suizid Klaus Manns.
Mehr braucht Pawlikowski nicht.
Denn Vaterland ist weniger eine Verfilmung von Tóibíns Zauberer als eine asketische Auskopplung. Das Schwarzweißbild reduziert die Welt auf Licht und Schatten, die Inszenierung auf wenige Räume, wenige Bewegungen, wenige Blicke. Hanns Zischlers Thomas Mann spricht wenig und beobachtet viel. Sandra Hüllers Erika ist gleichzeitig Tochter, Sekretärin, Verbündete, Beschützerin und moralisches Gegenüber ihres Vaters. Zwischen beiden entsteht eine eigentümliche Intimität, die weniger ausgesprochen als erspürt wird.
Für diese Konzentration schreibt der Film allerdings auch die historischen Tatsachen ein wenig um. Tatsächlich wurde Thomas Mann auf seiner Deutschlandreise 1949 nicht avon Erika, sondern allein von seiner Frau Katia begleitet. Erika Mann war zwar zu jener Zeit an anderen Europa-Reisen der Eltern beteiligt (und erfuhr etwa mit ihnen in Stockholm vom Tod ihres Bruders Klaus), den eigentlichen Besuch im geteilten Deutschland 1949 lehnte sie jedoch ab und boykottierte ihn bewusst. Pawlikowski verortet in seinem Film Katia hingegen in den USA und entfernt sie damit aus dem Zentrum dieser Reise. Das ist keine beiläufige Ungenauigkeit, sondern eine folgenreiche dramaturgische Entscheidung: Indem der Film die Ehefrau abwesend sein lässt, kann er die Beziehung zwischen Vater und Tochter zu seiner nahezu ausschließlichen emotionalen Achse machen. Aus einer Familienreise wird somit ein Kammerspiel zu zweit. Erika rückt damit an eine Stelle, die historisch auch Katia zukam: Sie organisiert, vermittelt, schützt und kontrolliert den berühmten Mann, dessen öffentliche Souveränität ohne die familiäre Arbeit der Frauen kaum denkbar wäre. Zugleich verwandelt Pawlikowski sie in eine Art Wiedergängerin der gesamten Familie. In ihrer Nähe zu Thomas, ihrer Trauer um Klaus und ihrer eigenen Erfahrung des Exils bündeln sich die Spannungen, die der Film nicht ausführlich erzählen will.
Die historische Umschreibung erzeugt also jene Konzentration, von der Vaterland lebt. Sie offenbart aber zugleich das Risiko dieses Verfahrens: Komplexe Familienverhältnisse werden nicht nur verdichtet, sondern neu angeordnet, damit sie in die strenge ästhetische Konstruktion des Films passen. Und genau darin entfaltet der Film dann auch seine größte Stärke: Denn Pawlikowski besitzt ein außergewöhnliches Vertrauen in das Ungesagte. Er erklärt nicht. Er lässt einfach schweigen. Er vertraut darauf, dass Gesichter erzählen können, was Dialoge nur beschädigen würden.
Das sind wegen des großartigen Ensembles oft große Kinomomente, wie etwa die stumme Zwiesprache während der einführenden Pressekonferenz oder der den Film abschließende Moment in einer halb zerstörten Kirche bei Orgelmusik. Hanns Zischler gelingt ein Thomas Mann von beeindruckender Zurückhaltung. Er spielt nicht den literarischen Titanen, sondern einen alten Mann, der gelernt hat, Gefühle hinter Disziplin, Ironie und öffentlicher Form verschwinden zu lassen. Schon die steife Körperhaltung verrät, wie sehr dieser Mann sich selbst zur repräsentativen Figur geformt hat: zum Nobelpreisträger, zum deutschen Gewissen, zum Autor, der selbst im Privaten kaum aufhören kann, Thomas Mann zu spielen. Sandra Hüller wiederum findet für Erika jene Mischung aus Loyalität, Ungeduld, Verletzung und beißender Ironie, die verhindert, dass sie zur bloßen Begleiterin ihres Vaters wird. Ihr Gesicht ist der beweglichere Resonanzraum des Films. Wo Thomas Mann sich verschließt, reagiert Erika. Wo er repräsentiert, erinnert sie. Wo er historische Verantwortung in wohlgesetzte Sätze fasst, trägt sie die familiären Kosten dieser Haltung mit sich herum.
Immer wieder entstehen dabei Bilder von großer Schönheit: Ein schwarzer Buick auf den beschädigten Straßen Deutschlands, Gesichter hinter Fensterscheiben, Ruinen und leere Landschaften, dazwischen diese beiden Menschen, die zugleich heimkehren und fremd geblieben sind.
Schon die Autofahrt allein besitzt etwas Gespenstisches. Thomas und Erika bewegen sich durch ein Land, das einmal Heimat war und ihnen nun wie ein Tatort begegnet. Die Deutschen wiederum empfangen den weltberühmten Rückkehrer mit jener eigentümlichen Mischung aus Bewunderung, Vereinnahmung und Verdrängung, die Thomas Manns tatsächliche Reise prägte. Der Emigrant soll wieder zum deutschen Dichter werden, möglichst ohne allzu lange darüber zu sprechen, weshalb er Deutschland verlassen musste. Der Titel Vaterland gewinnt dadurch eine produktive Mehrdeutigkeit. Er bezeichnet das zerstörte Deutschland, in das Thomas Mann zurückkehrt. Aber auch das familiäre Reich des Vaters, in dem die Kinder um Anerkennung, Nähe und Freiheit kämpfen. Die politische und die private Autorität spiegeln einander: Deutschland möchte seinen berühmten Sohn zurückhaben, während Thomas Mann selbst seine Kinder nie ganz aus dem Gravitationsfeld der eigenen Größe entlassen konnte.
Gerade weil Pawlikowski nicht illustriert, sondern beobachtet, gewinnt die Reise neben ihrer gespenstischen Aura auch eine fast traumhafte Qualität. Doch irgendwann schlägt diese ästhetische Konsequenz in ihr Gegenteil um. Denn Leerstellen funktionieren nur dort, wo der Zuschauer zumindest ahnen kann, was fehlt. Manchmal vertraut Vaterland jedoch fast ausschließlich auf historisches und biografisches Vorwissen. Figuren treten auf und verschwinden wieder. Namen, Beziehungen und Verletzungen blitzen auf, ohne sich vollständig entfalten zu können. Wer mit der komplizierten Topografie der Familie Mann nicht vertraut ist, dürfte manches weniger als vieldeutige Auslassung denn als bloße Unklarheit erleben. Dazu gehören etwa der kurze „Schlagabtausch“ mit Gustav Gründgens, der fast schon kongenial und ironisch zugleich mit dem deutschen Großschauspieler Joachim Meyerhoff besetzt ist. Aber besonders deutlich wird das an Klaus Mann und seiner Rolle in diesem Film. August Diehl verkörpert ihn mit jener nervösen Verletzlichkeit, die ein nachhaltig beschädigtes Leben zur Folge hat. Doch der Film lässt Klaus vor allem als Chiffre erscheinen: Homosexualität, Drogensucht, Exil, Vaterkonflikt, Selbstzerstörung. All das ist biografisch begründet, wird aber so knapp aufgerufen, dass die Figur kaum Gelegenheit erhält, aus diesen allzu bekannten Zuschreibungen herauszutreten. Die Nachricht von seinem Tod soll das emotionale Zentrum der Reise bilden. Doch weil Klaus zuvor eher als Phantom denn als wirklicher Mensch existiert, bleibt auch die Trauer eigentümlich abstrakt. Sie ist sichtbar, aber nicht immer spürbar. Aus Verdichtung wird hier gelegentlich Verkürzung, aus der Leerstelle ein Schema. Darin zeigt sich das zentrale Paradox des Films. Wo Tóibín seinem Roman zu wenige Leerstellen gönnte, fügt Pawlikowski seinem Film beinahe zu viele hinzu.
Der Roman möchte jedes Leben, jede Beziehung und jede historische Station erfassen. Der Film lässt Familienmitglieder verschwinden, verändert Konstellationen und vertraut fast vollständig auf die Resonanz weniger Augenblicke. Tóibín notiert, wo Pawlikowski ausspart. Der eine scheitert bisweilen an der Materialfülle, der andere an der Strenge seiner Auswahl.
Beides besitzt seine eigene Schönheit, hat auch Stärken. Beides hat aber auch seinen Preis.
Vielleicht liegt genau darin aber dennoch die eigentliche und eigentümliche Qualität von Vaterland. Pawlikowski interessiert sich weniger für historische Rekonstruktion als für Erinnerung selbst. Erinnerung ist niemals vollständig. Sie besteht aus Fragmenten, Blicken, Gesprächsfetzen, Orten und Bildern, die sich nicht mehr lückenlos zusammensetzen lassen. In dieser Hinsicht wirkt das Schwarzweiß nicht nostalgisch, sondern erkenntnistheoretisch. Es reduziert die Welt; nicht jedoch, um sie ärmer zu machen, sondern um ihre Konturen schärfer hervortreten zu lassen.
So entsteht ein Film, der sich der biografischen Vollständigkeit konsequent verweigert. Das mag narrativ gelegentlich unbefriedigend sein. Manche Figuren bleiben zu sehr Behauptung, manche Konflikte zu sehr Andeutung, manche historische Veränderung verlangt dem Film mehr Begründung ab, als er zu geben bereit ist. Doch gerade diese Offenheit sorgt auch dafür, dass Vaterland sedimentiert, nachdem seine Bilder längst verschwunden sind. Pawlikowski sucht jenen schmalen Raum zwischen Geschichte und Erinnerung, in dem sich Menschen weniger über Fakten als über Blicke, Schweigen und unausgesprochene Schuld definieren; er besitzt den Mut, dem Zuschauer nicht jede Lücke zu schließen, auch wenn Pawlikowski dabei gelegentlich vergisst, dass nicht jede Lücke schon eine Leerstelle ist.