| Deutschland 2025 · 108 min. · FSK: ab 12 Regie: Lauro Cress Drehbuch: Lauro Cress, Florian Plumeyer Kamera: Jan David Günther Darsteller: Giulio Brizzi, Ladina von Frisching, Thomas Loibl, Livia Matthes, Jan Fassbender u.a. |
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| Motorrad, Muskeln, Musik und Melancholie... | ||
| (Foto: W-Film) | ||
Isaak, ein muskulöser Junge aus der Unterklasse, ein Soldat, der mit seinen Kameraden auf der Bowlingbahn sitzt und den Gedanken nicht erträgt, dass seine Exfreundin kurz nach ihrer Trennung schon wieder einen neuen Mann hat. Da spricht er die nächstbeste Frau an, die ihm über den Weg läuft: Eine höhere Tochter. Er merkt zunächst nicht, dass sie, namens Edith, schwerbehindert ist und querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt.
Dann ist es zu spät.
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Lebenslust trifft Décadence, Aufstieg Verfall, Krankheit das Leben. Liebe ist es allerdings nicht, was den jungen Mann leitet, sondern eine sonderbare, leicht perverse Mischung aus Scham und Kalkül, aus Frechheit und »jener sonderbaren Vergiftung durch Mitgefühl«, die der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig einst in seinem einzigen Roman beschrieb, die diesem Film den Titel gibt.
Es stimmt: Würde man die Nennung im Vorspann verpassen, käme man, wie Gerhard Midding auf epd schrieb, womöglich gar nicht auf die Idee, dies sei eine Adaption des gleichnamigen Romans von Stefan Zweig. Das Langfilmdebüt von Lauro Cress verhandelt die Risiken allzu achtsam verbrämten Egoismus sowie öffentlicher Gefühlsäußerungen und ist damit gnadenlos gegenwärtig.
Zweig vermischt und vergleicht zweierlei Formen von Mitleid: das schwache und sentimentale gegenüber dem
unsentimentalen und schöpferischen Mitleid.
Was schon Zweigs Vorlage leistet, gelingt auch dem Berliner Regisseur Cress und seinem Co-Autor Florian Plumeyer. Er mischt Gesellschaftsbeobachtung mit der Untersuchung von Schuldgefühlen, die eine soziale und eine universale Komponente haben.
Beide übertragen diese Geschichte aus der Donaumonarchie in die vage Gegenwart einer Provinzstadt in Brandenburg. Mode, Umgangsformen und Sprache sind rauer geworden, die Geschlechterrollen und der Status des Militärs haben sich entscheidend gewandelt. Aber die dumpfen, archaischen Rituale sind nur proletarischer geworden. Die Klassengesellschaft in subtiler Form hat sich indes beim Bund erhalten. Der Film zeigt einen Lernprozess, auch eine Desillusionierung, sein Film ist ein umgedrehter Bildungsroman, könnte man auch sagen.
Die Ästhetik ist die bekannter Filme über das Rebellische der Jugend und der Liebe: Motorrad, Muskeln, Musik und Melancholie, getaucht in knallbunte Neon-Ästhetik à la One From The Heart.
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Zärtlichkeit und Brutalität gehen einher, gerade in der absoluten Hauptfigur, dem unbedarften Muttersöhnchen Isaak, der aus einer Einwanderer-Familie stammend im reichen Hause seine zarten Seiten und dann auch, freilich etwas zu spät, seine inneren Skrupel entdeckt: Er ist hart und ruppig, aber auch artig und höflich, wenn es sein muss. Er kann sogar feinnervig Klavier spielen.
In Edith entdeckt er eine seelenverwandte Kämpfernatur. Aber auch in Edith und ihrer schöneren, aber auch langweiligeren und allzu gesunden Schwester Ilona haust der Zweifel: Edith ist gerade wegen ihrer Behinderung durchsetzungsstark. Aber eigentlich hochempfindsam.
Das kann auch hier nicht gut ausgehen. Tut es auch nicht. Aber Happy-Ends sind sowieso etwas für Langweiler.
Was bleibt, ist ein ungewöhnlicher und über weite Strecken geglückter deutscher Film!