Two Distant Strangers

USA 2020 · 28 min. · FSK: ab 16
Regie: Travon Free, Martin Desmond Roe
Drehbuch:
Kamera: Jessica Young
Darsteller: Joey Bada$$, Andrew Howard, Zaria Simone u.a.
You Can’t Always Get What You Want...
(Foto: Netflix)

Jesus von New York

Travon Frees und Martin Desmond Roes AAFCA-ausgezeichneter und Oscar-prämierter Kurzfilm ist ein tragikomisches Destillat, das nicht nur »Black Lives Matter« auf den Punkt bringt

Like every day in every way, and ever­y­where you go just ain’t safe
The only thing that I can say, to you is, »Pray«

– Joey Bada$$ x Capital STEEZ – Survival Tactics

»Nicht schon wieder ein Zeit­schlei­fen­film!«, mögen jene gähnend schimpfen, die sich fast schon in einer Film-Genre-Zeit­schleife gefangen sehen. Denn war da nicht grad erst die Horror­komödie Happy Deathday oder die viel gelobte Serie Russian Doll?! Und wie oft spukt nicht in jedem von uns der fast schon ins kollek­tive Unbe­wusste veran­kerte Klassiker Und täglich grüßt das Murmel­tier durch den Kopf?

Zugegeben, auch in Travon Frees und Martin Desmond Roes AAFCA-ausge­zeich­netem und Oscar-prämierten Kurzfilm endet jede Zeit­schleife mit dem Tod des Prot­ago­nisten (auch Billy Murray »stirbt« ja, wenn auch »nur« an Lange­weile). Denn der vom Rapper, Hip-Hop-Musiker und Schau­spieler Joey Bada$$ verkör­perte Cartoo­nist Carter schafft es einfach nicht, nach einem One-Night-Stand mit Perri (Zaria Simone) nach Hause zu seinem Hund zu gelangen. Denn immer wieder trifft er vor Perris Haus im Herzen von New York auf den Poli­zisten Merk (Andrew Howard), der ihn nach längerem oder kürzerem Gespräch und folgendem »Gerangel« erschießt und Carter wieder neben Perri aufwachen lässt.

Die Gründe für die unter­schied­li­chen Eska­la­tionen sind so abstrus, dass sich die aktu­ellste, tragische »Begegnung« dieser Art, der Tod des 20-jährigen Daunte Wright am 11. April 2021 in Minnesota (eine Poli­zistin verwech­selte Dienst­waffe mit Taser) mühelos in das Script von Two Distant Strangers inte­grieren ließe.

Auch diese Thematik ist natürlich nichts Neues, bemühen sich afro­ame­ri­ka­ni­sche Filme­ma­cher seit dem »New Black Cinema« (z.B. Boyz 'n the Hood, 1991) uner­müd­lich darauf hinzu­weisen, wie gefähr­lich das Leben für einen Afro­ame­ri­kaner auf den Straßen der USA ist. Eine Entwick­lung, die inzwi­schen sogar im Jugend­film angelangt ist, man denke nur an George Tillman Jrs 2018 erschie­nenen, großar­tigen The Hate U Give.

Doch Free, der das Drehbuch zu Two Distant Strangers nach der Tötung von George Floyd während der ersten Corona-Pandemie-Welle geschrieben hat und bereits mit Dreh­buch­preisen für The Daily Show und Full Frontal with Samantha Bee von sich reden gemacht hat, gelingt mit Roe, der 2019 einen Sports-Emmy für seine Sport-Dokuserie Tom vs. Time erhielt, den Konflikt auf ein hoch­pro­zen­tiges Destillat einzu­brennen. Ohne alle histo­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Kontexte sehen wir den Konflikt auf das Wesent­liche reduziert – die Gesprächs­si­tua­tion und ihre tödliche Eska­la­tion. Mit allen gesprächs­theo­re­ti­schen und -prak­ti­schen Mitteln versucht Carter in jeder neuen Zeit­schleife die Situation zu dees­ka­lieren, um dann aber sogar mit dem »Konzept Empathie«, einer Fahrt »nach Hause«, zu scheitern.

Das ist zwar zutiefst pessi­mis­tisch, doch neben einem Kick absurden Humors versehen Free und Roe ihren Prot­ago­nisten vor allem mit der Zauber­waffe des ewigen Wider­stands. Carter wird damit zu einer Art »Jesus von New York«, der so gewalt­frei wie symbo­lisch für alle in ähnlichen Situa­tionen »Gefal­lenen« steht, die in einem minu­ten­langen Abspann am Ende auch nament­lich erwähnt werden.
Doch ist Two Distant Strangers noch mehr als ein agita­tives BLM-»Manifest«, denn es lässt sich fast spie­le­risch in jedem unserer gegen­wär­tigen Konflikte popu­lis­ti­scher »Blasen­po­litik« als fast schon idealer Zerr­spiegel instru­men­ta­li­sieren, sei es im Gespräch mit Neuen Rechten, Quer­den­kern, Orban- wie Bolsonaro-Gefolgs­leuten und viel­leicht ja sogar mit der chine­si­schen Staats­füh­rung.

Two Distant Strangers ist seit dem 9. April 2021 auf Netflix abrufbar.