Träum weiter! Sehnsucht nach Veränderung

Deutschland 2020 · 104 min. · FSK: ab 0
Regie: Valentin Thurn
Drehbuch: ,
Kamera: Gerardo Milsztein
Was ist die Kehrseite von auch gut gemeinten Träumen?
(Foto: Alamode Film/Filmagentinnen)

Träumen Zuschauer von kleinen Häusern und einem Flug zum Mars?

Die interessante Doku von Valentin Thurn gibt kleine Einblicke in das Leben von fünf Menschen, die ihren Traum leben und leistet gleichzeitig einen Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit. Vielleicht wäre aber weniger mehr gewesen

»Sei du selbst die Verän­de­rung, die du dir wünschst für diese Welt.«
– Mahatma Gandhi

Der Titel der Doku­men­ta­tion beinhaltet einen schönen Doppel­sinn: Einer­seits kann »Träum weiter!« als abwer­tende Aussage gegenüber einer unrea­lis­ti­schen Einstel­lung verstanden werden und ande­rer­seits als echte Ermu­ti­gung, einen Lebenstraum weiter­zu­ver­folgen. Valentin Thurn, u. a. bekannt geworden mit dem erfolg­rei­chen und inter­na­tional ausge­zeich­neten Doku­men­tar­film Taste the Waste, hatte sicher Letzteres im Sinn, als er über einen längeren Zeitraum fünf Menschen bei ihren äußerst unter­schied­li­chen Herzens­pro­jekten beglei­tete. Allen gemeinsam ist die Radi­ka­lität und Leiden­schaft, mit der sie ihre Ziele verfolgen. Auch sind es Projekte, die das Potential haben, die Welt im Sinne der Nach­hal­tig­keit oder der Perspek­ti­ve­n­er­wei­te­rung zu verändern.

Da ist zunächst der Akti­ons­künstler Joy Lohmann, der schwim­mende Inseln aus Müll baut, inspi­riert u. a. durch die Soziale Plastik von Joseph Beuys. Man sieht ihn mit jungen Menschen, fröhlich drauflos hämmernd und bastelnd – in Sachsen-Anhalt, dann in Indien. Der Prozess, der Flow ist dabei das Produkt, wie er sagt, was durch Bilder von singenden und lachenden Jugend­li­chen veran­schau­licht wird. Eine ganz andere Stimmung vermit­telt da das ruhige Leben von Line Fuks, die nach einer Krebs­er­kran­kung und einer Trennung von ihrem Mann mit ihren Kindern und ihrer neuen Partnerin nach Portugal auswan­dert. Vor allem geht es ihr um den Ausstieg aus dem deutschen Schul­system, der ihr und ihren Kindern ermö­g­licht, einen ganz eigenen, oft spontan sich entwi­ckelnden Lehrplan zu verwirk­li­chen. Das erinnert an den aufrüt­telnden Captain Fantastic von Matt Ross, in dem eine Ausstei­ger­fa­milie in den Wäldern an der Nord­west­küste der USA die eigenen ethischen Werte und Bildungs­ideale lebt. Während im Spielfilm die körper­liche Fitness und das Überleben in der Natur eine große Rolle in der Erziehung spielen, sind es bei Line Fuks eher konven­tio­nelle Kultur­tech­niken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch das Erlernen von Instru­menten oder hand­werk­li­chen Techniken. Die Bilder aus Portugal wirken entspannt und harmo­nisch und zeigen eine Familie, in der Gemein­schaft und Austausch groß­ge­schrieben werden. Idyllisch werden Ziegen auf die Weide geführt, der Strom wird selbst generiert. Dagegen wirkt Günther Golob eher wie ein Einzel­kämpfer. Er ist seit fünf Jahren im knall­harten Auswahl­pro­zess zur ersten Besied­lungs­mis­sion auf den Mars, die 2031 starten soll. Von inzwi­schen nur noch 100 Bewerbern werden am Ende nur 24 genommen. Man sieht ihn bei langen Läufen in unwirt­li­cher Natur, beim Skypen mit einem Projekt­leiter, beim Belas­tungs­test und bei einer Schul­ver­an­stal­tung mit dem Titel Faszi­na­tion Weltraum, wo er im Raum­fahrt­anzug Kinder­fragen beant­wortet. Irgendwie wirkt das trostlos. Der vierte Prot­ago­nist ist der Erfinder Carl-Heinrich von Gablenz, der vor allem als Gründer und Vorstands­vor­sit­zender der Cargo­lifter AG bekannt wurde, welche ein Lasten­luft­schiff für eine bis zu 160 Tonnen schwere Fracht entwi­ckeln und bauen wollte, bevor sie im Jahr 2002 Insolvenz anmelden musste. Die Doku­men­ta­tion lässt ihn über seine Familie und seinen Lebensweg plaudern und zeigt ihn bei seinem Bemühen eine modi­fi­zierte Neuauf­lage seines Projektes in die Wege zu leiten. Neue Geldgeber hat er schon wieder, Zeit scheint keine Rolle zu spielen, Traum reloaded. Als letzter der fünf Träu­menden wird der Architekt Van Bo Le-Mentzel vorge­stellt, der mit seinem Tiny Town Urania-Projekt in Berlin für ein bedin­gungs­loses Grund­wohnen wirbt. Die Idee: Teil­neh­mende bekommen das Material gestellt, müssen es aber selbst zusam­men­bauen. Der Architekt, dem man beim Werkeln und bei der Aufstel­lung eines neuen Hauses zusieht, erzählt von seiner früheren Frus­tra­tion in seinem ihm zunehmend sinnlos erschei­nenden Beruf und seinem Wunsch, von Kindern wieder das Träumen zu lernen und sich für eine sich mehr an der Gemein­schaft statt der Indi­vi­dua­lität orien­tie­rende Archi­tektur einzu­setzen. Hier gibt es auch einen kurzen Einblick in das Fami­li­en­leben von Van Bo Le-Mentzel.

Zusam­men­ge­halten und mit besinn­li­chen Atem­pausen versehen werden die fünf so unter­schied­li­chen Beispiele durch Sequenzen von ästhe­tisch sehr anspre­chenden Sand­zeich­nungen auf Glashin­ter­grund. Dazu werden aus dem Off lyrische Texte (Doris Schilz) zum Thema Träumen von der Schau­spie­lerin Dagmar Manzel vorge­lesen. Eine schöne Idee! Trotzdem fügen sich die vielen Teile der Doku­men­ta­tion nicht zu einem harmo­ni­schen Ganzen, was viel­leicht auch gar nicht beab­sich­tigt war. Die Auswahl der Projekte wirkt aber etwas wahllos, welche Kriterien waren leitend?
Dass die fünf Beispiele in vier Erzähl­blö­cken durch­ein­an­der­ge­mischt serviert werden, ist dabei für den Zuschauer keine Hürde. Das Problem ist aber, dass in den 102 Minuten alle fünf Projekte nur ange­rissen werden können und man das Gefühl bekommt, eigent­lich viel zu wenig über die Menschen und ihre Träume erfahren zu haben, um sie annähernd beur­teilen zu können. Viele Fragen bleiben offen, die Projekte werden nur mit wenigen Bildern skizziert und entfalten somit keinen Sog des Inter­esses oder das Gefühl, Menschen oder einer Idee wirklich nahe­ge­kommen zu sein, wie das bei Dokus der Fall ist, die sich Zeit und Muße für nur ein Thema nehmen. Wie zum Beispiel bei der WDR-Doku Tiny House – Großes Wohnglück im kleinen Haus, die sich 45 Minuten nur diesem einen Thema widmet. Oder bei der wunder­baren Netflix-Produk­tion MEIN LEHRER, DER KRAKE über den Filme­ma­cher Craig Foster, der eines Tages beschließt, dass er etwas in seinem Leben ändern muss und der anfängt zu tauchen, wobei er einem Oktopus-Weibchen begegnet, das ihn sofort faszi­niert und das sein Leben verändert.
Auch besteht die Gefahr bei Träum weiter! Sehnsucht nach Verän­de­rung, dass Miss­ver­ständ­nisse erzeugt werden. Aus den wenigen Minuten, die man beispiels­weise Joy Lohmann und sein jugend­li­ches Team in Varanasi sieht, entsteht ein eher befremd­li­cher Eindruck von Kultur­neo­ko­lo­nia­lismus und aufge­setzter, am eigenen Spaß orien­tierter Hilfs­be­reit­schaft, die einen Fremd­körper an diesem heiligen Ort darstellt. Wahr­schein­lich ist das ja gar nicht so, aber die wenigen Bilder können irri­tieren. Auch fehlen bei den schnellen Wechseln der Orte und Personen einfach Infor­ma­tionen zum Ziel, zur Durch­füh­rung und den Folgen der Projekte. Wie finan­ziert etwa Joy Lohmann seine makers for humanity-Arbeit? Wo und wie werden die Tiny Houses aufge­stellt? Wie lebt es sich darin? Können die Kinder von Line Fuks ohne Schul­ab­schluss an einer Univer­sität studieren? Was vermissen sie bei ihrem abge­schottet wirkenden Leben auf dem Land?

Auch bleibt unklar, welche Opfer die gezeigten Menschen für ihren persön­li­chen Traum bringen müssen. Manches ist nur zwischen den Zeilen zu lesen, wenn man zum Beispiel erfährt, dass Günther Golob bei seiner Mars­mis­sion zwei Kinder zurück­lassen würde oder dass die Familie von Line Fuks einmal vor einem lebens­ge­fähr­denden Waldbrand fliehen musste.
Was ist die Kehrseite von auch gut gemeinten Träumen? Wie viele Aktionäre haben durch die Insolvenz der Firma Cargo­lifter ihre kompletten Erspar­nisse verloren und sehen dem gezeigten fröh­li­chen Neustart viel­leicht mit gemischten Gefühlen zu? Was werden die Kinder über ihren Vater denken, wenn dieser für immer die Erde verlässt, um auf dem Mars ein neues Leben ohne sie zu beginnen? Spannende Fragen, denen kein Raum gegeben wird. Somit entsteht unfrei­willig ein etwas ober­fläch­li­cher, sehr punk­tu­eller, in der Kombi­na­tion nicht unbedingt über­zeu­gender Reigen von eigent­lich sehr inter­es­santen und lohnenden Traum-Projekten, denen man aber mehr Leinwand-Zeit gewünscht hätte, um sie besser zu verstehen.
Der Unter­titel »Sehnsucht nach Verän­de­rung« wird in der Doku kaum thema­ti­siert. Viel­leicht passt er auch nicht zu allen fünf Prot­ago­nisten. Bei den Portug­alaus­wan­de­rinnen war wohl eine persön­liche Umbruch­si­tua­tion der Auslöser für die große Verän­de­rung, bei Van Bo Le-Mentzel die beruf­liche Unzu­frie­den­heit. Auf jeden Fall findet in der letzten Sequenz Line Fuks eine schöne Metapher für das Verwirk­li­chen von Träumen. Sie meint, es sei wie beim Schnitzen, bei dem nur viele kleine Schritte zu einem Ergebnis führen, welches selbst aller­dings völlig ungewiss und offen sei.