Ticket ins Leben

Aimons-nous vivants

Frankreich 2025 · 91 min. · FSK: ab 6
Regie: Jean-Pierre Améris
Drehbuch: ,
Kamera: Pierre Milon
Darsteller: Gérard Darmon, Valérie Lemercier, Patrick Timsit u.a.
Ticket ins Leben
Die Erinnerung daran, warum Menschen einander brauchen...
(Foto: Weltkino)

Liebe als Schnittmenge

Jean-Pierre Améris’ „Ticket ins Leben“ ist eine Tragikomödie über Sterbewünsche, peinliche Begegnungen, vergangene Kunstformen und die vielleicht abstruseste und gleichzeitig wichtigste aller menschlichen Fähigkeiten: trotzdem weiterzumachen

Es beginnt mit einem Zusam­men­bruch. Wie sollte ein Film über das Weiter­leben auch anders beginnen? Antoine Toussaint, einst gefei­erter Chan­son­nier, kippt auf der Bühne um wie eine alte fran­zö­si­sche Insti­tu­tion, die plötzlich merkt, dass sie niemand mehr braucht. Kein großes Pathos, keine opern­hafte Über­höhung, sondern die stille Erkenntnis eines Mannes, dessen Zeit womöglich vorbei ist. Also steigt Antoine in den Zug nach Genf, dorthin, wo man das Sterben inzwi­schen orga­ni­siert hat wie einen Behör­den­gang mit Aussicht auf die Berge.

Und dann setzt sich Victoire zu ihm.

Es ist einer dieser wunderbar absurden Momente, in denen jeder sofort begreift, dass das Kino manchmal nur zwei Menschen in einem Zugabteil braucht, um daraus eine ganze Welt zu bauen. Gérard Darmon spielt Antoine mit dieser müden Eleganz alter fran­zö­si­scher Stars, die aussehen, als hätten sie seit Jahr­zehnten zu viel geraucht, zu viel geliebt und zu wenig geschlafen. Valérie Lemercier dagegen explo­diert förmlich als Victoire: eine Frau, die redet wie andere Menschen atmen und einem Tempe­ra­ment, das zwischen manischer Über­sprungs­hand­lung und verzwei­felter Lebens­gier schwankt. Und plötzlich wird aus der Reise zum selbst­ge­wählten Tod ein Hinder­nis­lauf des Weiter­le­bens.

Jean-Pierre Améris insze­niert das mit einer nicht immer poli­ti­sche korrekten Leich­tig­keit, die in Deutsch­land vermut­lich schon nach zwanzig Minuten von Förder­töpfen, Betrof­fen­heits­dra­ma­turgie und irgend­einer didak­ti­schen Neben­figur zermalmt worden wäre. Statt­dessen erlaubt sich Ticket ins Leben etwas äußerst Seltenes: Er nimmt seine Figuren ernst, ohne sie ständig erklären zu wollen. So fließen Sprach­witz, Slapstick, Verfol­gungs­jagden, Verwechs­lungen und groteske Situa­tionen inein­ander wie in so vielen klas­si­schen fran­zö­si­schen Komödien, die stets betonten, dass Trau­rig­keit oft nur eine andere Form des Lachens ist.

Da gibt es diese herrlich kata­stro­phalen Momente des Fremd­schä­mens, etwa wenn Victoire auf der Hochzeit ihrer Tochter plötzlich über die Sexua­lität von Wanzen referiert und damit eine Rede hält, die wirklich niemand hören wollte, niemand hören sollte. Szenen wie diese balan­cieren am Rand des völligen Absturzes, erklären aber gerade dadurch die grotesken doppel­bö­digen Mecha­nismen des Lebens. Denn Victoire ist eben nicht bloß die quirlige Nerven­säge, als die Antoine sie zunächst wahrnimmt. Lemercier gibt der Figur eine fragile Bipo­la­rität, eine Mischung aus über­schäu­mender Lebens­en­ergie und tiefer innerer Verwun­dung und einem Opti­mismus, der immer wieder wie ein Schutz­me­cha­nismus gegen den völligen Zusam­men­bruch aussieht.

Gerade deshalb funk­tio­niert auch die Dynamik zwischen den beiden Prot­ago­nisten so gut. Antoine möchte auf jeden Fall sterben, Victoire möchte um jeden Preis leben, und irgendwo dazwi­schen entsteht etwas, eine Schnitt­menge, ein Kompro­miss, der viel­leicht Liebe sein könnte oder zumindest die Erin­ne­rung daran, warum Menschen einander brauchen. „Warum weiter­leben?“ fragt der Film immer wieder. Die Antwort lautet sinngemäß: weil es immerhin eine sech­zig­pro­zen­tige Chance aufs Glück gibt. Voraus­ge­setzt natürlich, dass kein weiterer Schlag­an­fall dazwi­schen kommt.

Das klingt makaber und ist es auch. Aber Ticket ins Leben besitzt die seltene Fähigkeit, selbst aus Todes­sehn­sucht noch Wärme und Sinn und Wahrheit zu gene­rieren, ohne dabei je zynisch zu sein er verspottet seine Figuren nicht, selbst wenn sie sich lächer­lich machen.

Denn neben dem Buddy-Movie, neben der roman­ti­schen Komödie und dem Kammer­spiel erzählt der Film noch von etwas anderem: vom Verschwinden einer Kunstform. Vom langsamen Sterben des Chansons. Eine der schönsten und trau­rigsten Szenen zeigt Antoine in einem Restau­rant, wo ihn junge Kellner als Berühmt­heit erkennen, aber nicht wirklich wissen, warum er eigent­lich berühmt ist. Mit dem Begriff „Chan­son­nier“ können sie kaum noch etwas anfangen.

Gerade deshalb ist es ein enormes Glück, dass Gérard Darmon nicht nur Schau­spieler, sondern selbst Sänger und Chan­son­nier ist. Wenn er singt, spielt er keinen Künstler, sondern gewis­ser­maßen sich selbst. Einen Mann, der noch aus einer Zeit stammt, in der Melan­cholie kein Marke­ting­slogan war. Seine Lieder tragen den Film durch jene stilleren Momente, in denen plötzlich spürbar wird, wie sehr diese Welt bereits verschwindet, verschwunden ist.

Und viel­leicht liegt genau darin die eigent­liche Stärke dieses Films: in seiner Fähigkeit, gleich­zeitig leicht und schwer und noch viel mehr zu sein. Denn Ticket ins Leben operiert permanent auf mehreren Ebenen. Er ist Screwball-Komödie, Roadmovie, Alters­me­lan­cholie, Liebes­film und Abgesang auf eine kultu­relle Epoche zugleich. Und all das gelingt erstaun­lich mühelos. Viel­leicht auch deshalb, weil das fran­zö­si­sche Kino noch den Mut hat, über den Tod zu lachen. Und darüber, dass Menschen peinlich sind. Dass Liebe manchmal wie Wahnsinn aussieht. Dass es weiterhin ok ist, dass eine jüngere Frau einen alten, weißen Mann liebt, nicht anders als in der ähnlich anstößigen Komödie Miau und Wau. Und natürlich, dass selbst die trau­rigsten Figuren noch einen letzten großen Song in sich tragen können, ganz egal, wie kitschig der auch sein mag.