Therapie für Wikinger

Den sidste viking

Dänemark/Schweden 2025 · 116 min. · FSK: ab 16
Regie: Anders Thomas Jensen
Drehbuch:
Kamera: Sebastian Blenkov
Darsteller: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Sofie Gråbøl, Lars Brygmann, Søren Malling u.a.
Therapie für Wikinger
Napoleon oder John Lennon? Mads Mikkelsen!
(Foto: Neue Visionen)

John Lennon, Manfred und das Versteck im Wald

Lachen in der therapeutischen Gesellschaft: Anders Thomas Jensens humanistische schwarze Komödie Therapie für Wikinger

Alle brauchen heute eine Therapie. Meinen sie jeden­falls. Und alles, so glaubt man, kann grund­sätz­lich thera­piert werden. Der Jargon des Thera­peu­ti­schen ist längst in die Alltags­sprache über­ge­laufen: Wir wissen, dass Freunde eine Angst­störung, die Kinder des Nachbarn ADHS und die Geflüch­teten PTBS haben. Wir alle sind zerbrech­lich und sensibel. Angeblich sind in Deutsch­land 27,8 Prozent der erwach­senen Bevöl­ke­rung von einer psychi­schen Erkran­kung betroffen. Also mehr als ein Viertel. Und auch die Popkultur ist über­schwemmt von Begriffen wie »Mobbing«, »Trigger«, »toxisch«, »Narzissmus«, »Neurose« und »Hysterie«. Inzwi­schen sprechen Sozio­logen und Poli­tik­wis­sen­schaftler davon, dass wir in einer »thera­peu­ti­schen Gesell­schaft« (Marc Saxer) leben, und sie meinen damit weder etwas Gutes, noch einen grund­sätz­li­chen Krisen­be­fund, sondern einfach nur Zeitgeist.

Über diesen Zeitgeist, dem wir alle ein bisschen verfallen sind, macht sich dieser Film lustig. Trig­ger­war­nung: Wer zu den oben erwähnten 27,8 Prozent gehört, könnte sich unan­ge­nehm berührt und nicht ernst genommen fühlen. Gehören Sie aber zu den anderen 72,2 Prozent, dann haben Sie endlich wieder mal etwas zu lachen.

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Ganz einfach wird das aller­dings nicht gemacht. Denn Therapie für Wikinger ist ein ausge­spro­chen eigen­wil­liger Film. Im Zentrum stehen zwei Brüder: Der eine heißt Anker und ist ein kühler Bankräuber. Gerade hat er eine Bank über­fallen. Bevor ihn die Polizei schnappt, hat er die Beute in einem Schließ­fach deponiert. Den Schlüssel gibt er seinem Bruder Manfred, der das Geld in der Nähe des alten Fami­li­en­hauses auf dem Land vergraben soll. Als er nach Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, erkennt er, dass Manfred seine frühere Persön­lich­keit vergessen zu haben scheint und an einer disso­zia­tiven Persön­lich­keits­störung leidet – sprich: Er kann sich zum Beispiel für Napoleon oder Mutter Teresa halten… Zur Zeit hält er sich für John Lennon. Er hat keinen Schimmer, wo irgendein Krimi­neller namens Manfred Diebes­beute vergraben haben könnte.
Damit stößt er nicht nur bei Anker auf wenig Vers­tändnis.

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Weil er jetzt nicht mehr Manfred ist, sondern John und der zu Manfreds Erin­ne­rungen wenig Zugriff hat, hat Manfred (oder »John Lennon«?) vergessen, wo genau das Geld liegt. Der jähzor­nige Anker stößt bei allen Versuchen, von ihm das Versteck zu erfahren, zunächst auf Granit. Dafür fahren beide Brüder aufs Land in das alte Haus der Familie, in der Hoffnung, hier irgend­welche versteckten Erin­ne­rungen frei­zu­legen. Dabei müssen die Brüder aber auch die neuen Bewohner gnädig stimmen, ohne zu viel über ihre Absichten zu verraten. Irgend­wann rekru­tiert der zunehmend ratlose Anker gemeinsam mit einem schrägen Thera­peuten auch noch ein paar andere Psych­ia­trie-Patienten, unter anderem einen, der sich mal für Paul McCartney, dann für George Harrison hält, in der Hoffnung, dadurch aus »John Lennon« wieder Manfred zu machen und so das Versteck des Geldes heraus­zu­be­kommen.

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Der Plot schafft sehr viele Möglich­keiten für geschmack­volle wie weniger geschmack­volle Witze über Psych­ia­trie, Traumata und ganz allgemein den mensch­li­chen Irrsinn – dieser Film ist zwei­fellos eine Grat­wan­de­rung, sowohl in der Frage unseres Umgangs mit Krank­heiten, vor allem aber betreff unseres Umgangs mit poli­ti­scher und mora­li­scher Korrekt­heit. Aber genau das, Provo­ka­tion und Über­schrei­tung von Tabus, das virtuose Spiel mit ihnen und die Heraus­for­de­rung des vermeint­lich 'guten Geschmacks', der ja vor allem die bürger­liche Ordnung braver Bieder­männer ist, macht das Geheimnis von guten Komödien aus.

An diese in den letzten Jahren oft verges­sene Einsicht erinnert Therapie für Wikinger, der ganz eindeutig eine manchmal etwas platte, dann wieder sehr schwarze Komödie ist – vor allem eine gute.

Die Gags kommen mit der Sensi­bi­lität eines Vorschlag­ham­mers: Der Film ist laut und schrill und nicht gerade subtil.

Wie bei guten Komödien liegt alldem ein zutiefst mensch­li­cher Kern zugrunde: Dieser Film ist ein Plädoyer für das Anders­sein, für Respekt und Toleranz gegenüber Anderen – insbe­son­dere, wenn diese nicht »normal« sind und »eine Schraube locker« haben.
Dies ist aber auch Warnung vor einem Übermaß an Acht­sam­keit.

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Diese Beschrei­bung lässt erkennen: Dies ist ein schräger, unge­wöhn­li­cher Film, dessen Story sich schwerer nach­er­zählen lässt, als in vielen anderen Fällen.

Das entspricht den Arbeiten von Anders Thomas Jensen, einem Autor und Regisseur, der vor allem als Regisseur einen langen Atem hat: Seit fast dreißig Jahren schreibt er Dreh­bücher für eigene Regie­ar­beiten wie für zahl­reiche dänische Kollegen, und wurde dabei zu einem der wich­tigsten Reprä­sen­tanten jener dänischen Welle, die seit inzwi­schen 30 Jahren, seit dem berühmten Manifest »Dogma 95«, zu einer der wich­tigsten Strö­mungen des europäi­schen Kinos geworden ist – mit Facetten zwischen intel­lek­tu­ellem Autoren­kino und Melodram, wie ebenso Genre­stoffen oder Komödien. In letztere Richtung gehen auch Jensens eigene Regie­ar­beiten, wie etwa der große Erfolg Adams Äpfel der aller­dings auch schon wieder 20 Jahre alt ist.
So gesehen ist Therapie für Wikinger, im Original Den sidste viking, fast eine Art Comeback des Regis­seurs.

Man könnte nicht nur bei einem bestimmten Typus dänischer Filme wie Wilbur Wants to Kill Himself oder Small Town Killers – sondern auch beispiel­weise bei Kraft­idioten von Hans Petter Moland – von »nordi­schem Absur­dismus« sprechen: Jeder Witz, jeder Aspekt der Handlung wird hier bis an die Grenzen des Geschmack­losen und Expli­ziten getrieben, Trauma wird mit Humor begegnet, und die Grenze zwischen Lachen und Horror verschwindet.

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Das Beste am Film ist die konflikt­reiche Beziehung zwischen Anker und Manfred. Ankers Beschüt­zer­instinkt ist noch stärker als seine eindeutig krimi­nelle Persön­lich­keit.
Beides lernen wir besser kennen und verstehen, wenn Rück­blenden die unge­rechte, grausame Kindheit der beiden Brüder zeigen, die unter einem brutal gewalt­tä­tigen Vater die Hölle erlebten. Daher rührt Manfreds Störung und die frühe Über­zeu­gung, er sei ein Wikinger – eine Phantasie, für die er brutal bestraft wurde und in der Anker stets als sein erbit­terter Vertei­diger auftrat.
Zwar wirken diese Flash­backs ein wenig wie aufge­setzte Recht­fer­ti­gungen der beiden Charak­tere – nach dem Motto: wer einen bösen Vater hat, muss entweder kriminell werden oder verrückt sein – , was dem Film eher schadet: Die heutige Mode, dass das »Böse« gar nicht so böse ist, und dass man alles unbedingt verstehen muss, ist eine Plage für die Filmkunst.
Insofern ist auch dieser Film ein Beleg dafür, dass man unsere Gegen­warts­ge­sell­schaft auch als »thera­peu­ti­sche Gesell­schaft« beschreiben kann.

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Der Titel Therapie für Wikinger wird durch den Prolog erklärt, in dem im Anima­ti­ons­stil ein Kinder-Märchen aus der Wikin­ger­zeit erzählt wird: Ein Kind, der Sohn des Clan­füh­rers, verliert bei einem Unfall einen Arm. Ange­sichts der tiefen Trau­rig­keit des Kindes beschließt der Anführer, dass allen Clan­mit­glie­dern derselbe Arm amputiert werden soll, »damit alle glücklich sind, weil sie gleich sind«.

Wenn Glück aller­dings darin bestehen soll, Schmerz zu verge­sell­schaften, dann warten wir lieber auf eine bessere Lösung. Bis dahin kann einen das groß­ar­tige Spiel der beiden Haupt­dar­steller Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas trösten. Der dänische Weltstar Mads Mikkelsen kann Michael Kohlhaas spielen, Seri­en­killer, aber auch Alko­ho­liker und Komö­di­anten. Diesmal sorgt er in der Rolle des psychisch kranken Manfred dafür, dass Therapie für Wikinger genau auf der Schwelle zwischen Komödie und Melodram steht.

Eine Komödie der anderen Art.