| USA 2026 · 119 min. · FSK: ab 0 Regie: David Frankel Drehbuch: Aline Brosh McKenna Kamera: Florian Ballhaus Darsteller: Meryl Streep, Anne Hathaway, Emily Blunt, Stanley Tucci, Kenneth Branagh u.a. |
![]() |
|
| Auf der Suche nach der verlorenen Zeit... | ||
| (Foto: Disney) | ||
Der erste Teil von Der Teufel trägt Prada vor 20 Jahren war mehr als eine elegante Komödie über die Abgründe der Modeindustrie; er war ein kulturelles Dispositiv. Ein Film, der den Blick auf Arbeit, Macht und Weiblichkeit neu justierte und dabei ganz nebenbei die Figur der persönlichen Assistentin in das kollektive Imaginäre einschrieb. Er traf einen historischen Kipppunkt: die Demokratisierung der Haute Couture, den Moment, in dem »das, was wir tragen«, endgültig zum globalen Gesprächsthema wurde. Und er tat dies mit einer ikonischen Zentralfigur, deren Schatten bis in Serien, Politik und Popkultur reicht. Dass Meryl Streep Miranda Priestly, die Vogue-Ikone Anna Wintour aus Laurens Weisbergers Bestseller nachgestellt war, nicht als Karikatur, sondern als präzise kalibriertes, ambiges Machtzentrum spielte, war dabei entscheidend.
Gleichzeitig lag in diesem Erfolg immer auch eine Ambivalenz, die der Film nie ganz auflöste. Wie der Genderforscher Andrew Joseph Pegoda herausgearbeitet hat, stellt der Film die Willkür und Ungerechtigkeit weiblicher Schönheitsnormen eben nicht grundsätzlich infrage, sondern präsentiert sie – bei aller ironischen Brechung – letztlich als gegeben. Schon die ikonische Eingangsmontage, unterlegt mit »Suddenly I See«, feierte das Ideal weiblicher Schönheit, während Andy und die anderen Frauen sich für den Tag zurechtmachen; ein männliches Pendant existiert nicht. Selbst Miranda wird bei ihrem ersten Auftritt durch einen fragmentierenden Blick inszeniert, der sie zunächst auf ihre Beine reduziert; ein klassischer Moment des »male gaze«. Und auch Andys Aufstieg scheint nicht zuletzt daran gekoppelt, dass sie sich diese ästhetischen Codes aneignet. Der Film kokettiert also mit Kritik; aber er entkommt ihr nie ganz. Gerade darin lag aber auch seine eigentümliche Spannung: Er war Satire und Affirmation zugleich. Das nur zur Erinnerung, als kleiner Recap.
Nun, nach 20 Jahren, also die Fortsetzung Der Teufel trägt Prada 2, die ich, wie schon den ersten Teil, als leidenschaftlicher Verehrer von Dries van Noten vielleicht nicht ganz so kritisch sehen kann, wie ich es vielleicht sollte, ist meine Urteilskraft hier tatsächlich kompromittiert, sehe ich auch sonst im Leben Stoffe, die sprechen, und halte das für Argumente, bin also mehr als befangen, wenn es um einen Film geht, der Mode nicht nur zeigt, sondern zelebriert.
Denn das stellt diese Fortsetzung besonders schnell klar: Hier wird nichts mehr ironisch gebrochen. Wo der erste Teil noch mit feiner Schere zumindest den Kult um Haute Couture sezierte, lässt Teil zwei die Ironie fallen wie ein schlecht sitzendes Kleidungsstück. Die Welt hat sich verändert, und mit ihr der Tonfall. Mode ist hier nicht mehr Gegenstand der Reflexion, sondern ein ökonomisches Schlachtfeld. »No them no us« – dieser Satz fungiert als heimliche Leitthese des Films: Ohne die Milliardäre, ohne Mäzene, ohne den neuen Geldadel aus dem Silicon Valley gibt es keinen Journalismus mehr, keine Magazine, kein Runway, keine Mode.
Dass Anne Hathaways Andy Sachs, inzwischen preisgekrönte Journalistin, aus genau diesem System herausfällt, ist ebenso konsequent wie brutal. Ihre Rückkehr zu Miranda ist keine nostalgische Geste, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Und Emily Blunts Emily, nun als hochrangige Dior-Managerin positioniert, verkörpert perfekt die neue Elite: kühl, effizient, unerschütterlich. Es ist ein Spiel der Kräfte, in dem sich alter Glamour und neue Kapitalstrukturen gegenseitig belauern.
Dabei wird der Film überraschend bissig, wenn er die Machtverschiebungen innerhalb dieses »Geldadels« inszeniert. Die Kämpfe um Einfluss, um Marken, um kulturelles Kapital erinnern unübersehbar an reale Entwicklungen; an Tech-Milliardäre, die Medienhäuser kaufen, an Jeff Bezos und »seine« Washington Post, an die schleichende Transformation von Öffentlichkeit in Besitz. Was passiert, wenn ein kulturferner Silicon-Valley-Impuls auf die fragile, historisch gewachsene Welt der Mode trifft? Der Film gibt eine klare Antwort: Es droht die Verarmung des Ausdrucks. Eine Welt ohne diese Exzesse der Form, ohne diese Farbtupfer, wäre nicht effizienter, sondern ärmer, wie egomanisch die Macher dieser Exzesse auch sein mögen.
So scharf diese Diagnose ist, so entschieden verweigert sich der Film dann allerdings einem der Sachlage eigentlich angemessenen Zynismus, weigert sich, ganz Gegenwart zu sein. Es gibt wie schon erwähnt die neuen wirtschaftlichen Player, die die Medienlandschaft kannibalisieren. Doch Kriege, Krisen, globale Verwerfungen, das neue Amerika, die zunehmende Armut bleiben nicht mehr als ein Randrauschen. Stattdessen inszeniert David Frankel ein bewusst aus der Zeit gefallenes, fast schon unheimliches Universum, einen Schwanengesang auf eine Ära, die es so vielleicht nicht mehr gibt. Dass Kenneth Branagh als Neuzugang im Ensemble und Mirandas Ehemann Stuart mit trockenem Understatement bemerkt, die Partys seien früher, »als es noch Alkohol gab«, leichter zu ertragen gewesen, gehört noch zu den präzisesten Zeitdiagnosen des Films: ein Bonmot, das gleichzeitig Nostalgie und Erschöpfung artikuliert.
Schauspielerisch ist Frankels Inszenierung ein großer Spaß. Stanley Tucci stiehlt wie schon im ersten Teil als heimlicher Held eine Szene nach der anderen, mit einer Mischung aus Melancholie und ironischer Distanz, die dem Film auch sprachlich seine emotionale Tiefe verleiht. Meryl Streep bleibt das Gravitationszentrum; weniger explosiv als früher, dafür noch präziser, noch kontrollierter, eine Figur, die Macht nicht mehr demonstrieren muss, weil sie sie längst verkörpert. Und Anne Hathaway und Emily Blunt als ewige rivalisierende Buddys inszenieren und dekonstruieren sich auch nach 20 Jahren wieder nach Lust und Laune, auf der verbalen Ebene so wie auf der modischen.
Denn natürlich ist hier jede Szene ein Tableau, jede Bewegung eine Choreografie aus Stoff, Schnitt und Farbe. Der Film transportiert immer wieder überzeugend, dass Kleidung nicht Dekor ist, sondern Erzählung. Identität wird nicht behauptet, ist auch nicht immanent, sondern entsteht durch das Tragen von Stoff, so wie das ja schon Christian Andersen in seinem klugen Märchen Des Kaisers neue Kleider vor bald 200 Jahren konstatierte.
Man möchte diesen Film deshalb eigentlich immer wieder in Zeitlupe sehen, ihn gezielt anhalten, um die Momente »stofflicher« Ekstase voll auszukosten. Das ist natürlich purer Eskapismus, aber einer, der sich seiner selbst bewusst ist. Dazu gehört dann auch nicht nur einfach ein Happy End, sondern ein Märchen-End, in dem nicht einmal die Bösen ganz ganz und gar abgestraft werden. Und vielleicht liegt ja dann darin die eigentliche Modernität dieses Films, ist er doch nicht so ganz aus der Zeit gefallen: in seinem Mut zur totalen, ja fast schon grotesken Unwahrscheinlichkeit. In einer Gegenwart, die von Unsicherheit und Fragmentierung geprägt ist, bietet er eine klare, fast altmodische Antwort: Wir brauchen diese Geschichten. Wir brauchen ihre Überhöhungen, ihre Schönheit, ihre Versprechen und eine Welt, die nicht erklärt, sondern einfach nur neu eingekleidet wird, und das alles nur, damit wir selbst ein wenig besser (über-)leben können.