| USA/Kanada 2026 · 112 min. · FSK: ab 16 Regie: Jane Schoenbrun Drehbuch: Jane Schoenbrun Kamera: Eric Yue Darsteller: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, Arthur Conti, Eva Victor u.a. |
![]() |
|
| Blutig und surreal | ||
| (Foto: MUBI) | ||
»I was just thinking, how it’s gonna feel like...« – »Loosing your virginity?« – »No. Dying.«
– Dialogauszug
Die Seele des Kinos liegt in seinen Rändern. Dort, im Extremen und Experimentellen, finden sich seine besten Träume.
+ + +
Was wäre das Kino ohne Sex, Tod, Angst und ohne auch die niederen Instinkte des Publikums? Vermutlich ziemlich langweilig. Jane Schoenbruns Film Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist das Gegenteil: Zugleich queerer Slasher, Liebesgeschichte und wilde Liebeserklärung an das Kino. Der Film erzählt von einer Regisseurin, die auf die Mechanismen des Horrorfilms stößt. Ein ebenso lustvoller wie intelligenter Angriff auf das normierte
Gegenwartskino und seine Formeln.
Es geht um eine junge Regisseurin, die eine berühmte Slasher-Reihe aus den 1980er-Jahren wiederbeleben soll – und dabei nicht nur auf die Mechanismen des Horrorfilms stößt, sondern auch auf die Mechanismen einer Filmindustrie. So entsteht ein Film, der das Kino selbst zum Gegenstand macht – und es zugleich hemmungslos feiert. Wie die Hauptdarstellerinnen Gillian Anderson und Hannah Einbinder. Bei den Filmfestspielen in Cannes
gab es dafür die »Queer Palme«.
+ + +
Schon der Titel verspricht genau das, weswegen die meisten Leute letztendlich ins Kino gehen, aller neopuritanischen Achtsamkeitsgebote zum Trotz – »Flesh and Liquids«, darum gehe es im Kino, »nicht um das ganze akademische Zeugs«, so erklärt es selbst eine Hauptfigur an zentraler Stelle und skizziert damit zugleich die Programmatik dieses Werks.
+ + +
Unangemessen nüchtern beschrieben erzählt der Film von der jungen, lesbischen, extrem akademisch geprägten New Yorker Regisseurin Kris, die in ihrem neuen Film eine erfolgreiche Slasher-Reihe der 1980er-Jahre namens »Camp Miasma« wiederbeleben will.
Das Franchise hat über Jahre hinweg in 14 zunehmend schlechteren und exploitativeren Folgen eine Kult-Fangemeinde hervorgebracht.
Selbst glühender Fan der Reihe ist sich Kris bewusst, »dass sich das Studio eine queere Regisseurin nur gesucht hat, um allem etwas Tiefgang zu geben und Anerkennung bei der Gen Z zu bekommen.« Sie beschließt, das ikonische »Final Girl« des ersten Teils in den Film zurückzubringen, und kontaktiert dafür die Schauspielerin, die nach ihrem kurzen Ruhm in solchen Produktionen aus der Branche verschwand.
Gillian Anderson, seit »Akte X« selbst längst Darstellerinnen-Kult, spielt diese Billy Presley in einem grandiosen Auftritt.
+ + +
»I saw you and I wanted to scare you. It’s only fair right? You have already seen me.« – Aus Sehnsucht und Begehren entsteht eine Beziehung zwischen beiden Frauen, die unterschiedliche Generationen vermittelt und die harten Normen und Normierungen unserer Gegenwart infragegestellt, während Realität und Fiktion zunehmend miteinander verschwimmen.
Sowieso ist dies ein Film, der die Grenzen zwischen seiner Rezeption und sich selbst auflöst, und in seiner Machart alles in fließenden Übergängen bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander vermischt. Seit David Lynchs Mullholland Drive hat kein Film mehr so wie ein Möbiusband funktioniert wie dieser.
+ + +
Ästhetisch aber ist dies ein überschäumendes unernstes Spiel mit dem Slasher-Genre, voller Phantasie, Kreativität und Ironie und gespickt mit Filmzitaten.
In seiner Liebeserklärung an die Kinogeschichte und das Erzählen in Bildern positioniert sich Teenage Sex and Death at Camp Miasma gegen jenes formelhafte Kino, das gerade das Medium dominiert, ein Kino, das von Produzenten und Marktanalysten und zunehmend auch von Algorithmen gesteuert wird, für die eine gute Idee nur dann gut ist, wenn sie schon einmal funktioniert hat.
Mit viel Humor, Gore und moralisch-politischer wie ästhetischer Freiheit übt Regisseurin Schoenbrun scharfe Kritik an diesen Strukturen. Ideen, Texte und Subtexte fließen bei ihr mit verblüffender Leichtigkeit zusammen, ergänzt durch ein starkes Gespür für Geschmack, auch den »guten schlechten Geschmack« und für die Inszenierung, das den Film auf ein Niveau hebt, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Alles hat hier mindestens doppelte Bedeutung: »Camp« im Titel dürfte offen auf Susan Sontag anspielen; »Miasma« ist ein altgriechisches Wort für Krankheit, Seuche und Verunreinigung. Die Leistung der Hauptdarstellerinnen Hannah Einbinder und Gillian Anderson ist allein schon den Besuch des Films wert.
»Desire!« Das ist das entscheidende Wort. Es geht um Begehren. »Teenage Sex...« ist vor allem Kino der Verunsicherung. Denn gutes Kino ist das Gegenteil von aller Achtsamkeit, gutes Kino zeigt dem Publikum immer wieder, dass die Dinge komplizierter sind, als es klare Schwarz-weiß-Gegensätze wahrhaben möchten, dass oft genug Genauigkeit, Neugier und Sensibilität einhergehen mit so verstandener bewusster Unachtsamkeit.
+ + +
Tatsächlich ist dies ein Film voller Liebe für Kino und eine Hommage an das Medium: Kino als kluge Selbstreflexion des Kinos, aber zugleich ein direkter und – wie man heute gern sagt – »immersiver« und lustvoller Film; ein Film, der als solcher Spaß macht, aber noch viel mehr all jenen Cinephilen und Filmfans, die ein bisschen Ahnung von Filmgeschichte und Liebe zu Filmgenres und zur Vergangenheit des Kinos haben.
So hält dieser Film alles, was das Kino verspricht, und verspricht alles, was das Kino halten muss. Und ja: Dies alles ist bis zu einem bestimmten Grad gar nicht intellektuell, sondern eher fröhlicher Antiintellektualismus – eine Hommage an Lust an der Kunst und ein filmischer Paukenschlag.