Szenario

Deutschland 2026 · 91 min.
Regie: Marie Wilke
Drehbuch:
Kamera: Alexander Gheorghiu
Schnitt: Jan Soldat, Marie Wilke
Szenario
Simulation in der Eigenheim-Garage
(Foto: Salzgeber)

Kriegsspiele

Marie Wilkes Dokumentarfilm »Szenario« im Forum der Berlinale: Alles nur für den Fall, alles nur hypothetisch, alles nur Szenario

Die Bundes­wehr macht einen auf attraktiv: fetzige, bass­las­tige Musik unterlegt mehr schlecht als recht anein­an­der­ge­reihte Aufnahmen von Panzern, Soldaten, Einsätzen. Das ganze soll hip, dynamisch wirken. Eine Schul­klasse, in Uniformen gestopft, sitzt stumm und schaut.

Es geht um Bilder: Snaps, BeReals, Instagram-Posts von dem Besuch sind nicht nur erlaubt, sondern explizit erwünscht. Für das Grup­pen­foto vor dem Panzer kann man auch mal schnell die Schutz­kappe von dem Rohr nehmen, die Außen­wir­kung wird bis ins letzte Detail bedacht. Allzeit bereit.

Wirkung auf wen? Auf den, der die Länge des Films über nur als »der Feind« bezeichnet wird, und auf jene, die ihm diametral entge­gen­ge­setzt unter den Begriffen »wir«, »uns« subsu­miert werden.

Es geht um die Folgen dessen, was schon jetzt mit Sicher­heit in den Geschichts­büchern als Zeiten­wende fixiert werden wird: Mit einem von Sorgen und Bedenken umman­telten »Hurra« in ein neues Zeitalter der als solchen dekla­rierten Vertei­di­gungs­fähig­keit.

Mit präzisen Bildern fängt Marie Wilke diese poli­ti­sche Bewegung ein, an einem Ort, an dem sie sich in verdich­teter Form konzen­triert: dem Trup­pen­ü­bungs­platz Altmark in der Colbitz-Letz­linger Heide.

In den 30ern von dem NS-Regime angelegt, wird hier nun eine neue Gene­ra­tion Soldaten ausge­bildet, die mit Mut und Tapfer­keit das vertei­digen sollen, was alle in Reih und Glied bei der Abschluss­ver­samm­lung ihrer Ausbil­dung ausrufen: »Deutsch­land!«. Und, oh weh, wie die Jungen es rufen können, dieses Deutsch­land…

Wenn man der Statistik aus einem jüngsten Bericht der »Zeit« glauben darf, nach dem knapp ein Drittel aller 12- bis 25-jährigen Deutschen eine gefestigt rechts­extreme Gesinnung vertreten oder damit sympa­thi­sieren, und man noch die Gesin­nungs­ten­denzen der Bundes­wehr, die offenes wie gewis­sen­haft beschwie­genes Geheimnis sind, dazu addiert, kann man erahnen, wer sich da so öffent­lich­keits­wirksam zur Zeremonie auf dem Dorfplatz versam­melt hat, wer hier zur Vertei­di­gung marschiert.

Diese Jungen: Vielen sitzt die Kindheit noch im Gesicht, man ist sich nicht ganz sicher, ob der Bart nur sauber wegra­siert ist oder da noch gar nichts wächst. Was ihnen blüht, zeigt die Eingangs­se­quenz: Schä­del­wunden und aus dem Schien­bein brechende Knochen werden im Rahmen einer der vielen in diesem Film doku­men­tierten Übungen mit Farbe, Pinsel und Kleber an Soldaten aufge­tragen, welche dann, mit dürftigen schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen, ihre Verlet­zungen für die Kameraden mimen dürfen.

Gleich­zeitig gibt man sich volksnah: Die bekannten Kegel­phy­sio­gno­mien eines deutschen Mittel­standes trotten mit einem Oberst als Touris­ten­führer durch tote Städte, künstlich errichtet dienen sie als Übungs­platz für die Kriegs­spiele. Mallorca, Venedig und Rom haben ausge­dient: Die Reise­gruppe spielt, mit Gewicht­gurten beladen, Flücht­linge; Strohhut schießt ein Foto vom Panzer fürs Fami­li­en­album, Soft­s­hell­jacke übt mit der Panzer­faust. Schnu­cke­lige Namen haben diese Orte: Stul­len­stadt, Schnög­gers­burg. Letzteren habe es wirklich mal gegeben, erzählt der Oberst. Ein schöner Ort, in der Natur gelegen, zu dem man zum Kaffee­trinken raus­ge­fahren sei. Als Erin­ne­rung habe man den Namen beibe­halten, als man den stei­nernen Kriegs­spiel­platz drauf­ge­setzt hat.

Es geht um Sprache: Eine ratio­na­lis­ti­sche, eine Sprache von Buch­hal­tern und Fabrik­vor­ar­bei­tern, unter deren kalku­la­tive Prozess­ord­nung sich das Handeln, die noch etwas unbe­hol­fenen Bewe­gungen und das dahin­ter­ste­hende Denken als reibungs­lose Abläufe einordnen sollen. Keine Angst vor dem Wort »vernichten«, sagt ein Übungs­leiter. Alles Teil einer deter­mi­nis­tisch fort­lau­fenden Kette: Ziel iden­ti­fi­zieren, aktiv werden, vernichten. Ziel iden­ti­fi­zieren, aktiv werden, vernichten.

Vernichten und vernichtet werden: Die Lehrer der Akademie werden nicht müde, ihren Schülern die reale Gefahr dieser Chance einzu­bläuen. Mit dem Tod wird gelie­bäu­gelt gleich einem verhei­ra­teten Mann, der in Gesell­schaft noch Form und Anstand wahrt, in Fantasien aber schon mit seiner Mätresse schläft. Die Entschei­dung ist längst gefällt, und man sitzt lediglich die Zeit ab, bis es zum Unaus­weich­li­chen kommt. Über die Laufzeit des Films werden alle erdenk­li­chen Konjunk­tive bemüht – »wenn, falls, sollte, könnte…« – als sollten sie das kaschieren, was längst Gewiss­heit ist, bzw. den schon ausge­machten Tatsachen hinter­her­ge­schoben (als würde man schnell noch sagen »war nur ein Spaß«), um sie wieder in die Dimension des Kontin­genten zu verschieben. Alles nur für den Fall, alles nur hypo­the­tisch, alles nur Szenario. Aber eben auch: ein Szenario, ein Drehbuch.

In Klas­sen­zim­mern erhalten die Rekruten, Block und Stift im Anschlag, Fron­tal­un­ter­richt. Man kann fragen, ob der Film der in ihm geäußerten Didaktik nicht selbst ein wenig mehr Didaktik, Schärfe entge­gen­setzen darf, die kritische, scheinbar unbe­fan­gene Distanz in allen Ehren. Als Doku­men­ta­tion des Wahns, der sich hier so rational und gewis­sen­haft gibt, ist er voll­kommen gelungen, ob er ihm auch beikommen kann, oder, durch die ideo­lo­gi­sche Linse vom anderen Ende des Spektrums betrachtet, auch anschluss­fähig ist als ruhiges Mood-Piece, das für seine Prot­ago­nisten wirbt, ist fraglich. (Inwieweit ein Film das muss, kann oder sollte, steht natürlich wieder auf einem anderen Blatt; die Frage oder Notwen­dig­keit der Posi­tio­nie­rung begleitet die dies­jäh­rige Berlinale ohnehin wie ein Fluch.)

Aller­dings: Etwas abge­wan­delt kann man mit Farocki auf diesen Film bezogen sagen: Die (Prot­ago­nisten der) Bilder sollen gegen sich selbst aussagen. Und sie geben bereit­willig Auskunft.