| USA 2026 · 108 min. · FSK: ab 12 Regie: Craig Gillespie Drehbuch: Ana Nogueira Kamera: Rob Hardy Darsteller: Milly Alcock, Matthias Schoenaerts, Eve Ridley, David Krumholtz, Emily Beecham u.a. |
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| Wer rettet schon die Moral für einen Hund? | ||
| (Foto: Warner) | ||
Hand aufs Herz – oder, in diesem Fall vielleicht besser: Hand auf den Hund. Noch einmal Superheldenkino? Noch einmal Capes, Traumata, Weltrettung, Familiengeheimnisse, Laseraugen und all die multiversalen Erzählverästelungen, in denen inzwischen selbst promovierte Comic-Exegeten aussehen, als hätten sie den Wald vor lauter Bäumen, Planeten und Post-Credit-Szenen endgültig verloren? Eigentlich war jeder – Hand aufs Herz – müde. Sehr müde. Franchise-müde, Helden-müde, Erlösungs-müde. Und nach James Gunns völlig überraschendem Superman hatte man erst recht nicht damit rechnen dürfen, dass das neue DC Universe ein zweites Mal so glimpflich davonkommt. Denn Gunns Film hatte im vergangenen Jahr etwas fast Unmögliches geschafft: Er hatte den ausgenudelten Franchise-Goldesel Superman nicht nur schneewittchenartig wachgeküsst, sondern ihm gleich noch Brecht unter das Cape geschoben, Elon Musk als Lex Luthor verkleidet und die alte Frage nach den Helden in einer Welt gestellt, die längst nicht mehr weiß, ob sie an Helden noch glauben darf oder ob sie sie nicht gerade deshalb so dringend braucht.
Superman war hochpolitisch, beängstigend gegenwärtig, klug, komisch, zärtlich, albern und zugleich in seinen besten Momenten fast schon verzweifelt. Ein Film, in dem Fake News, Migration, Silicon-Valley-Egomanie, geopolitische Gewaltfantasien und ein schlecht erzogener Hund namens Krypto zusammenfanden, ohne dass einem dabei der Wald vor lauter Franchise-Bäumen endgültig vor die Füße fiel. Am Ende wurde dort schon angedeutet, dass mit Supergirl zu rechnen sein dürfte. Nun ist es also so weit. Und um gleich die Wahrheit zu sagen: Supergirl ist nicht ganz so gut wie Superman. Aber wie sollte sie auch? Sie ist ja nicht Superwoman, sondern halt nur Supergirl. Warum das eigentlich so ist, wird in diesem Film übrigens auch gefragt und nur mit einer Art frustriertem Grummeln beantwortet, was vermutlich die ehrlichste Antwort ist, die ein Superheldenfilm auf diese Frage geben kann.
Denn Craig Gillespies Supergirl, geschrieben von Ana Nogueira und produziert von James Gunn und Peter Safran, ist gerade kein zweiter Versuch, noch einmal denselben großen politischen Wurf zu landen. War Superman ein Film über Amerika, über Macht, Moral, Propaganda und die kindliche Naivität des Guten, dann ist Supergirl eher ein Film über schlechte Laune, galaktischen Kater, Rachefantasien, Hunde, Schuld, Whiskey und die Frage, ob man sich seine Herkunft aus der Seele trinken kann. Spoiler: kann man nicht. Aber es sieht im Kino erstaunlich gut aus, wenn Milly Alcock es versucht.
Alcock spielt Kara Zor-El alias Supergirl nicht als strahlende Erlöserin, sondern als verlumpte Antipodin zum braven, naiven Spießer Superman. Während David Corenswets Clark Kent in Gunns Film noch so unfassbar gut sein wollte, dass man ihm dafür fast einen VHS-Kurs in Weltkenntnis schenken wollte, kommt diese Kara aus einer ganz anderen Richtung. Sie ist nicht der tumbe Tor des Guten, sondern die schnoddrige, verwundete, viel zu junge Antiheldin, die eigentlich nur in Ruhe gelassen werden will, am liebsten von Menschen, Planeten, Erwartungen und sich selbst. Sie trinkt gegen die Fremdheit an, gegen die Schuld, gegen das Trauma Kryptons und gegen alles, was in ihr noch nach Pflichtgefühl riechen könnte.
Und genau darin liegt dann auch der Reiz dieses Films. Supergirl ist mehr, als man bei einem Superheldenfilm erwarten würde, ein Coming-of-Age-Film, ein Bildungsroman, eine Schelmengeschichte im Weltall. Kara stolpert, pöbelt, säuft, schlägt zu und muss lernen, dass Rache zwar als Lebensprogramm kurzfristig sehr befriedigend klingt, pädagogisch aber, wie man so schön sagt, gewisse Schwächen aufweist. Dass dieser Abschwörung der ewigen Rache im Film theoretisch zugestimmt wird, ist natürlich schön. Praktisch ist das allerdings eine ganz andere Sache. Denn irgendwer muss die Bösen ja verdreschen, und erst recht auf fremden Planeten, unter wechselnden Sonnenbedingungen und mit dem richtigen Quantum schwarzem Humor.
Die eigentliche Bewegung des Films beginnt mit Ruthye Marye Knoll, gespielt von Eve Ridley, einem jungen Mädchen, das Supergirl ein wenig hilflos rekrutiert, um den Tod ihres Vaters zu rächen. Schon diese Konstellation ist wunderbar schräg: Ein Kind engagiert eine betrunkene kryptonische Migrantin, die sich in ihrer Wahlheimat nicht sonderlich wohl fühlt, als intergalaktische Rächerin, und niemand im Film tut dann auch nur ansatzweise so, als sei das eine gute Idee. Ruthye ist dabei nicht einfach moralischer Kompass, sondern eine zweite Spiegelung von Jugend, Verlust und Wut. Über sie wird Supergirl gezwungen, sich selbst zu betrachten und das ist für Kara ungefähr so angenehm wie ein nüchterner Morgen nach zu viel Alkohol.
Gillespie, dessen großartige Vorgängerfilme I, Tonya und Cruella bereits gezeigt haben, wie sehr ihn gebrochene, überdrehte, beschädigte und zugleich glamourös eigensinnige Frauenfiguren interessieren, findet dafür genau den richtigen Ton. Supergirl ist kein glatter Origin-Film, keine Heldinnenweihe im Hochglanzverfahren, sondern ein bewusst schmutziger, zerzauster, grungehaft angekratzter Weltraumtrip. Milly Alcock trägt diese Figur mit einer girlig-schnoddrigen Präsenz, die in ihren besten Momenten tatsächlich wirkt, als sei Kurt Cobain auf Krypton geboren worden, hätte aber statt einer Gitarre ein Cape bekommen und außerdem ein massives Problem mit Verantwortung.
Dazu passt die Musik, dazu passen die Kostüme, dazu passt die Haltung des Films, der nie so tut, als müsse Supergirl repräsentativ, vorbildlich oder gar inspirierend sein. Sie ist inspirierend gerade deshalb, weil sie so wenig Lust darauf hat. Das ist sehr schön, sehr komisch und in einer Zeit, in der Superhelden oft nur noch zwischen Heilandspathos und ironischer Selbstzerstörung pendeln, eine echte Erleichterung. Kara ist kaputt, aber nicht zynisch. Sie ist brutal, aber nicht kalt. Sie ist einsam, aber nicht leer. Und sie liebt Hunde.
Denn wie schon in Superman ist auch hier Krypto sehr zentral positioniert im Raum, mehr noch wird hier sogar erklärt, wo dieser Hund eigentlich herkommt und warum Supergirl so spät ihren Weg von Krypton bzw. dem, was davon übrig blieb, zur Erde gefunden hat. Das klingt zunächst nach Franchise-Pflichtübung, nach einer dieser erklärenden Rückwärts-Blabla-Schleifen, mit denen große Studios ihre Erzählwelten so lange abdichten, bis kein Luftloch mehr bleibt. Aber erstaunlicherweise funktioniert es. Schon in Superman war die Hundegeschichte eine der schönsten Überraschungen: Krypto, der schlecht erzogene, alles zerstörende, aber am Ende eben doch richtige Hund, war dort mehr als ein Gag. Er war Gunns Erinnerung daran, dass auch im Superheldenkino nicht nur Menschen und Götter, sondern auch Tiere, Außerirdische und beschädigte Lebewesen zusammengehören.
In Supergirl wird daraus nun ein noch absurderer Witz: Wer rettet schon die Moral und tötet all die Bösen für einen Hund? Antwort: jemand, der diesen Hund kennt und liebt. Und wenn er Krypto heißt, ist das natürlich völlig in Ordnung. Vielleicht ist das sogar die aufrichtigste Form von Moral, die das Kino derzeit noch anbieten kann. Nicht: Rette die Menschheit. Nicht: Bewahre die westliche Zivilisation. Nicht: Verteidige die Demokratie gegen Milliardäre, Trollarmeen und Weltraumfaschisten. Sondern ganz simpel: Der Hund ist weg, jemand hat Mist gebaut, also fliegen wir einfach mal los.
Damit ist Supergirl weltraumleicht und selbstredend deutlich weniger erdenschwer als Superman. Denn die Erde kommt hier zum Glück nur am Rand vor, fast wie ein etwas peinlicher Verwandter, den man zur moralischen Nachbetrachtung kurz einlädt, bevor man wieder ins All verschwindet. Und dieses All ist prächtig. Rob Hardys Kamera macht aus den Raumschiffen, Planeten, Sonnen und Zwischenräumen ein Kino der großzügigen Übertreibung. Vor allem aber begreift der Film, dass das Weltall nicht automatisch Ehrfurcht bedeuten muss. Es darf auch dreckig sein, komisch, barock, alkoholisiert, westernhaft, ein bisschen kaputt und sehr gut gelaunt.
Hier ist Supergirl ganz nah an einem anderen großen schnoddrigen Science-Fiction-Klassiker: Firefly – Flucht in neue Welten. Auch dort und in der Serie noch einmal mehr verband sich Space Opera mit Western, große Weltflucht mit kleinem Gaunertum, Zukunft mit Staub, Raumschiff mit Saloon. Gillespies Film hat viel von dieser kruden, hochsympathischen Mischung. Man spürt die Lust an Planeten, auf denen die Sonne leider nicht immer so steht, wie Supergirl es für ihre Kräfte bräuchte. Die gelbe Sonne, das wissen wir, ist für Kryptonier von Vorteil. Auf anderen Planeten wirkt dafür der Whiskey besser. Auch das ist eine Form physikalischer Gerechtigkeit.
Dass Supergirl dabei auf ihrer mörderischen Rachequeste irgendwann widerwillig dann doch zur Superheldin wird, gehört zu den vielen schönen Paradoxien des Films. Sie rettet, was zu retten ist, aber nie mit dieser lästigen Souveränität, die Superhelden oft so ungenießbar macht. Sie haut kaputt, was kaputtgehauen werden muss, aber man hat immer den Eindruck, dass sie lieber ganz woanders wäre. Sie ist keine Erlöserfigur, sondern jemand, der zu spät kommt, zu viel getrunken hat, die falschen Schuhe trägt und trotzdem die Einzige ist, die noch helfen kann.
Natürlich ist der Plot dabei fast ein Witz an sich. Eine junge Frau, ein Mädchen, ein Hund, ein Rachefeldzug, ein Schurke, ein paar Planeten, einige Raumschiffe und fertig ist die intergalaktische Gartenlaube. In seiner besten Form war das Superheldenkino nie wegen seiner Handlung interessant, sondern wegen der Tonlage, der Figuren, der Bilder, der moralischen Überforderung und der Frage, wie ernst ein Film den eigenen Unsinn nehmen darf, ohne selbst unsinnig zu werden. Supergirl findet darauf eine einfache Antwort: ernst genug, damit es nicht egal ist, und albern genug, damit es Spaß macht.
Matthias Schoenaerts, David Krumholtz, Emily Beecham, David Corenswet und Jason Momoa fügen sich in dieses leicht entgleiste Weltall mit sichtbarer Spielfreude ein. Besonders schön dabei ist, dass der Film nie so wirkt, als müsse er jetzt sofort das nächste große DC-Kapitel betonieren. Natürlich tut er genau das. Natürlich ist hier alles Grundlage für weitere ausgeflippte Franchise-Gedankenspiele. Aber es fühlt sich nicht nach Buchhaltung an, sondern nach Einladung. Nach dem Motto: Da draußen sind noch sehr viele Planeten, sehr viele Bars, sehr viele falsche Sonnen und vermutlich noch sehr viele Hunde, für die man im Zweifel die Welt retten müsste.
Das ist nicht wenig. Denn nach Jahren, in denen Superheldenfilme oft wirkten wie Steuererklärungen mit Explosionen, ist Supergirl ein angenehm unordentlicher, euphorischer, witziger und verletzlicher Film geworden. Nicht so großartig wie Superman, nicht so politisch, nicht so mutig im Brecht’schen Sinn, nicht so gegenwartsdiagnostisch. Aber vielleicht muss er das auch gar nicht sein. Wo Superman fragte, ob ein unglückliches Land Helden braucht, fragt Supergirl, ob eine unglückliche Heldin vielleicht erst einmal einen Drink, einen Hund und ein Ziel braucht, um wieder auf die Beine zu kommen.
Die Antwort ist natürlich ja. Und wenn dabei ein paar Planeten ramponiert werden, ein paar Bösewichte sehr verdient eins auf die Nase bekommen und das DC Universe plötzlich wieder aussieht wie ein Ort, an dem nicht nur gerechnet, sondern auch gespielt, getrunken, gelacht und gelitten werden darf, dann ist das mehr als genug. Supergirl ist ein großer Spaß für heiße Sommernächte: verlumpt, galaktisch, hundelieb, rachsüchtig, grungig und gerade deshalb fast schon herzerwärmend. Man möchte Kara Zor-El am Ende nicht unbedingt die Erde anvertrauen. Aber einen Abend im Kino? Nur allzu gern.