| USA 2016 · 146 min. · FSK: ab 12 Regie: Destin Daniel Cretton Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers Kamera: Brett Pawlak Darsteller: Tom Holland, Zendaya, Sadie Sink, Jacob Batalon, Jon Bernthal u.a. |
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| Wer oder was bin ich eigentlich? | ||
| (Foto: Sony) | ||
»Wer ist John Maynard?«
»John Maynard war unser Steuermann,«
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
– John Maynard, Theodor Fontane
Bist du Peter Parker, Spider-Man oder beides? Kaum eine Frage beschreibt diesen Film besser als diese. Denn sie zielt nicht auf geheime Identitäten, sondern auf etwas viel Grundsätzlicheres: Was bleibt von einem Menschen, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert?
Fünf Jahre sind seit Spider-Man: No Way Home vergangen, fünf Jahre lang hat die Welt Peter Parker vergessen. Spider-Man existiert weiter als Mythos, als Retter, als maskierter Beschützer New Yorks, Peter Parker dagegen ist ausradiert. Nicht tot, sondern aus den Erinnerungen verschwunden. Für MJ (Zendaya), für Ned (Jacob Batalon), für alle Menschen, die ihn einst liebten, ist er nur noch ein Fremder.
Damit erzählt Spider-Man: Brand New Day etwas durchaus Ungewöhnliches: Nicht die Geschichte eines Superhelden, sondern die eines Menschen, der erleben muss, dass Liebe keine abstrakte, initiale Idee ist, sondern immer eine gemeinsame Vergangenheit voraussetzt. Wer vergessen wird, verliert eben nicht nur Bekanntschaften. Er verliert den Teil seiner Identität, der überhaupt erst durch andere entsteht.
Theodor Fontane beginnt seine berühmte Ballade mit der Frage: »Wer ist John Maynard?« Peter Parker beantwortet sie auf seine Weise. Ausgerechnet „Maynard“ gehört zu den Namen, unter denen er sich versteckt, als er seiner früheren Peergroup begegnet. Doch so tragisch wie Fontanes Steuermann endet seine Geschichte glücklicherweise nicht. Denn irgendwann erkennt Peter, dass Heldentum eben nicht bedeutet, alles allein tragen zu müssen und möglicherweise auch noch dafür zu sterben.
Dabei wirkt Brand New Day fast wie ein Kommentar zu einem anderen Blockbuster, der erst vor wenigen Wochen in die Kinos gekommen ist; Christopher Nolans Odyssee. Nicht weil beide Filme in irgendeiner Weise miteinander verbunden wären, sondern weil sie mit denselben Hauptdarstellern zwei vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von Heldentum entwerfen.
Tom Holland und Zendaya gehören in beiden Filmen zum Ensemble. Doch während sie bei Nolan vor allem Figuren eines gewaltigen Monumentalgemäldes bleiben – Behauptungen von Über-Charakteren, die sich kaum verändern dürfen –, bekommen sie hier endlich die Freiheit, tatsächlich zu spielen. Holland zeigt Peter Parker als jungen Mann, dessen Stärke gerade aus seinen Zweifeln entsteht. Zendaya wiederum macht aus MJ weit mehr als eine romantische Projektionsfläche. Man sieht zwei Schauspielern dabei zu, wie sie Beziehungen entwickeln, Unsicherheit zulassen und Gefühle nicht erklären, sondern durch ihr konsequentes Schauspiel entstehen lassen. Gerade deshalb besitzen ihre gemeinsamen Szenen eine emotionale Wahrhaftigkeit, die man im Superheldenkino längst nicht mehr selbstverständlich erwarten darf.
Auch New York spielt endlich wieder eine Hauptrolle. Nach Jahren immer größerer Multiversen, kosmischer Schlachten und digitaler Unendlichkeiten kehrt Marvel zurück auf die Straßen. Cafés, Wohnungen, U-Bahnen und Dächer erzählen plötzlich wieder genauso viel wie Explosionen. Der Film erinnert damit bewusst an Sam Raimis erste Spider-Man-Trilogie, ohne gleich in Nostalgie zu verfallen. Diese Stadt lebt. Und mit ihr lebt auch Spider-Man wieder.
Überhaupt ist dies ein Film der zweiten Chancen. Denn nicht nur Peter verändert sich. Fast alle Figuren dürfen wachsen, in einem guten Sinn „mutieren“. Mark Ruffalo erweitert seinen Hulk um neue Facetten, die über die gewohnte Mentorrolle hinausgehen. Und Jon Bernthals Frank Castle gehört zu den schönsten Überraschungen des Films. Sein Punisher bleibt zunächst der kompromisslose Einzelkämpfer, den man kennt. Doch ausgerechnet ein Moment der Schwäche verändert alles. Als Frank seine Fassade verliert und Tränen zulässt, entsteht etwas, das man in diesem Genre viel zu selten sieht: echte Freundschaft. Nicht trotz der Verletzlichkeit, sondern wegen ihr. Und die das eigentliche Leitmotiv dieses Films ist.
Denn jeder häutet sich hier. Jeder muss lernen, dass Identität kein fester Zustand ist. Man wird nicht als Freund geboren. Man wird es immer wieder neu. Selbst die Liebe erscheint hier nicht als magischer Schicksalsmoment, sondern als etwas, das Erinnerungen, Erfahrungen und gemeinsam gelebte Zeit braucht. Wer die Vergangenheit verliert, verliert auch die Voraussetzungen dafür, geliebt zu werden. Das ist eine erstaunlich melancholische, fast philosophische Idee für einen Marvel-Film.
Natürlich erzählt auch Spider-Man: Brand New Day letztlich eine Heilsgeschichte. Wie fast jedes Superheldenkino kreist er um Erlösung und Opferbereitschaft. Doch anders als der antike Held in Nolans Odyssee muss Peter Parker dafür nie vollkommen werden. Seine Brüche verschwinden nicht. Seine Einsamkeit bleibt. Seine Zweifel bleiben ebenfalls. Gerade darin liegt dann auch die ganze Glaubwürdigkeit dieses Ansatzes.
Damit erinnert Destin Daniel Cretton sogar ein wenig an seinen spirituell grundierten, evangelikalen Film Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott. Auch dort entstand Erlösung nicht aus Unfehlbarkeit, sondern aus Mitgefühl und der Bereitschaft, Verletzungen anzunehmen, statt sie zu verdrängen.
Möglicherweise liegt hier aber auch die Tragik dieses Films. Denn möglicherweise sehnt sich unsere Gegenwart inzwischen wieder stärker nach den alten Helden. Nach Männern, die unerschütterlich sind, alle Antworten kennen und jede Prüfung wortkarg allein bestehen. Die Odyssee trifft diesen Wunsch nach monumentaler Gewissheit perfekt, sogar bei den jüngereren Generationen. Spider-Man: Brand New Day glaubt dagegen an etwas sehr viel Fragileres: dass Menschen gerade durch ihre Brüche zusammenfinden. Das macht ihn vielleicht nicht zum erfolgreicheren Film, aber ganz sicher zum menschlicheren, wahrhaftigeren Film.