Song Sung Blue

USA 2025 · 133 min. · FSK: ab 12
Regie: Craig Brewer
Drehbuch:
Kamera: Amy Vincent
Darsteller: Hugh Jackman, Kate Hudson, Ella Anderson, Hudson Hensley, King Princess u.a.
Song Sung Blue
Alles andere als ein »Scheitern«...
(Foto: Universal)

Von der ruhigen Radikalität der Heilung

Ein Musikfilm, der nicht vom Erfolg erzählt, sondern vom Danach: »Song Sung Blue« entfaltet seine politische Kraft dort, wo Heilung, Gemeinschaft und Empathie zur Praxis werden

Es kommt selten vor, dass ich die Pres­se­vor­stel­lung eines Films zwei Mal besuche. Das letzte Mal war das bei Malik Bend­jell­ouls Searching for Sugar Man so, dessen emotio­naler, doku­men­ta­ri­scher Blick mich so einge­nommen hatte, dass ich diese Gefühl­sach­ter­bahnen unbedingt noch einmal erleben und irgendwie verstehen und rela­ti­vieren wollte. Umso bemer­kens­werter ist es, wenn ein zweiter Blick nicht rela­ti­viert, sondern vertieft. Auch Craig Brewers Song Sung Blue gehört zu diesen Ausnahmen.

Wieder ist es ein Film über die vertrackten Wege, die Musik und ihre Ausein­an­der­set­zung damit auslösen kann. Dieses Mal ist es jedoch keine Doku­men­ta­tion, doch basiert Song Sung Blue lose auf der gleich­na­migen Doku­men­ta­tion von Greg Kohs (der Link führt zur Doku auf YouTube) aus dem Jahr 2008, löst sich jedoch rasch von rein biogra­fi­scher Nach­zeich­nung. Song Sung Blue inter­es­siert sich weniger für Erfolg oder das stille Scheitern (wie in Searching for Sugar Man) als für Prozesse: für das langsame Wieder-Zusam­men­fügen eines Lebens, für Musik als thera­peu­ti­sche Praxis, für emotio­nale Katharsis ohne Pathos. In dieser Konzen­tra­tion auf das Unschein­bare entfal­tete der Film schon beim ersten Sehen seine eigent­liche poli­ti­sche Dimension. Und auch beim zweiten Sehen entfaltet der Film eine unmit­tel­bare Wucht, eine emotio­nale Sogkraft, die manch einer mit Kitsch verwech­seln mag, und die nicht nachlässt, sondern sich präzise einschreibt. Was zunächst als berüh­rendes Feelgood-Musik­drama mit all den Höhen und Tiefen, die das Leben so zu bieten hat, erscheint, erweist sich zunehmend als politisch grun­dierter Film über Heilung, Gemein­schaft und die Möglich­keit eines anderen gesell­schaft­li­chen Umgangs mitein­ander.

Regisseur Craig Brewer erzählt dafür die Geschichte von Mike und Claire Sardina, die unter den Künst­ler­namen »Lightning« und »Thunder« als Cover-Band für die Musik des legen­dären, stets schwer zu kate­go­ri­sie­renden Singer-Song­wri­ters Neil Diamond auftreten. Gespielt von Hugh Jackman und Kate Hudson, sind sie Figuren, die am Rand des emotio­nalen Gleich­ge­wichts leben. Geschei­terte Exis­tenzen, nicht auf der Suche nach Größe, sondern nach Stabi­lität. Brewer erzählt diese Geschichte jedoch aus einer Binnen­per­spek­tive, die vers­tänd­lich macht, dass die Musik einer Cover-Band alles andere als nicht-kreative Musik sein muss, sondern dass selbst Cover-Bands nicht nur ein Glücks­ver­spre­chen sind, sondern so wie »A-Bands« eine Berech­ti­gung und Sinn­haf­tig­keit haben, die keines­falls mit »Scheitern« verwech­selt werden darf. Dass Hudson und Jackman sämtliche Songs bereits vor Beginn der Dreh­ar­beiten im Studio aufge­nommen haben – und damit ja selbst so etwas wie Cover-Artisten sind –, verleiht den musi­ka­li­schen Momenten eine Authen­ti­zität, Ernst­haf­tig­keit und Körper­lich­keit, die das Gesungene nicht als Perfor­mance, sondern als exis­ten­zi­ellen Ausdruck erfahrbar macht.

Hier lohnt sich vergleichs­weise der Blick auf Gia Coppolas The Last Showgirl (2024) der ebenfalls vom Überleben im Schatten der Bühne und dem Scheitern des ameri­ka­ni­schen Traums erzählt, jedoch einen grund­le­gend anderen Ton anschlägt. Wo The Last Showgirl die Erschöp­fung, das Ausge­brannt­sein und die soziale Härte eines Systems zeigt, das seine Körper verbraucht und aussor­tiert, posi­tio­niert sich Song Sung Blue bewusst auf der lichten Seite desselben Themen­feldes. Nicht als Verharm­lo­sung, sondern als Gegen­ent­wurf: Dort, wo The Last Showgirl die Unmög­lich­keit von Heilung ausstellt, fragt Brewer nach ihren Bedin­gungen. Beide Filme gehören zusammen – als dunkle und helle Variante derselben gesell­schaft­li­chen Realität.

Zentral sind dabei die Thera­pieräume, die Brewer mit auffäl­liger Ruhe insze­niert. Mike zu Beginn des Films in der Grup­pen­the­rapie, erschöpft, frag­men­tiert, beinahe sprachlos. Claire später, in einer eigenen thera­peu­ti­schen Situation, konfron­tiert mit Verlust und Selbst­zweifel. Die Kamera bleibt nah, in präzisen Close-ups, die Verletz­lich­keit nicht ausstellen, sondern ernst nehmen. Therapie erscheint hier nicht als drama­tur­gi­scher Neben­schau­platz, sondern als notwen­dige gesell­schaft­liche Infra­struktur – ein Gedanke, der Song Sung Blue klar von der exis­ten­zi­ellen Ausweg­lo­sig­keit vieler vergleich­barer Filme unter­scheidet.

Formal erinnert der Einstieg an Musik­bio­gra­fien wie Rocketman, insbe­son­dere an dessen erzäh­le­ri­schen Rahmen über anonyme Alko­ho­liker, und Elton Johns initialen Auftritt. Doch während dort der Exzess rück­bli­ckend gebrochen wird, richtet Song Sung Blue den Blick konse­quent auf das Danach: auf das Bleiben, das Aushalten, das langsame Wieder­auf­stehen. In dieser Haltung liegt auch der entschei­dende Unter­schied zu The Last Showgirl: Brewer inter­es­siert sich nicht für den letzten Akt, sondern für das Weiter­leben nach dem Scheitern.

Ein emotio­naler Höhepunkt sind die Szenen, in denen Lightning und Thunder als Vorband von Pearl Jam auftreten. Tiefstes Unglück und größtes Glück liegen hier unmit­telbar neben­ein­ander. Es ist klas­si­sches Hollywood – und zugleich mehr als das. Diese Sequenzen zeigen, wie Musik Gene­ra­tionen und soziale Milieus mitein­ander verbindet, wie sie Brücken schlägt zwischen Lebens­rea­li­täten, die sonst vonein­ander isoliert bleiben. In einer frag­men­tierten Gegenwart wird Musik hier als sozialer Möglich­keits­raum entworfen.

Auch die Neben­rollen tragen entschei­dend zur Dichte des Films bei. Jim Belushi, Michael Imperioli und Fisher Stevens verleihen dem Ensemble Tiefe, ohne es zu domi­nieren. Besonders eindrucks­voll sind die Figuren der Töchter angelegt – Ella Anderson als Rachel Cart­wright, Claires Tochter aus erster Ehe, und King Princess als Angelina Sardina, Mikes Tochter aus erster Ehe – die nicht bloß familiäre Ergän­zungen darstellen, sondern unter­schied­liche Gene­ra­tionen von Erwartung, Enttäu­schung und Hoffnung verkör­pern. Auch hier zeigt sich die Nähe – und zugleich die Abgren­zung – zu The Last Showgirl: Wo dort familiäre Bindungen brüchig bleiben, werden sie hier als fragile, aber trag­fähige Struk­turen formu­liert.

Politisch ist Song Sung Blue gerade dort, wo er scheinbar schlicht argu­men­tiert. Die Idee, dass Empathie, Aufmerk­sam­keit und ein Mindestmaß an Freund­lich­keit gesell­schaft­lich wirksam sein können, mag banal klingen. Doch Brewer insze­niert diesen Gedanken nicht als Sentenz, sondern als Praxis. Nettig­keit erscheint als bewusste Entschei­dung, als Wider­stand gegen Verhär­tung und Verein­ze­lung. In einer Zeit, in der Zynismus oft als analy­ti­sche Schärfe miss­ver­standen wird, entfaltet diese Haltung eine uner­war­tete Radi­ka­lität.

Song Sung Blue erzählt letzt­end­lich vor allem vom »guten Amerika«, ohne dabei blind zu sein. Von einem Land, das scheitert, sich aber nicht volls­tändig aufgibt. Im Kontrast zu The Last Showgirl und der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Lage wird hier sichtbar, was auf dem Spiel steht: die Möglich­keit von Heilung, wenn Gemein­schaft nicht nur behauptet, sondern gelebt wird. Genau diese leise, zärtlich-pene­trante Beharr­lich­keit erklärt, warum Song Sung Blue weit mehr ist als das, war er im ersten Augen­blick scheinen mag.