| USA/FIN/GB 2024 · 95 min. · FSK: ab 6 Regie: Charlie McDowell Drehbuch: Robert Jones Kamera: Sturla Brandth Grøvlen Darsteller: Emily Matthews, Glenn Close, Anders Danielsen Lie, Ingvar Sigurdsson, Pekka Strang u.a. |
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| Erzählen von der Zeit, die vergeht... | ||
| (Foto: Film Kino Text Jürgen Lütz / Die FilmAgentinnen) | ||
Es gibt Filme, die treten nicht auf, sie schmiegen sich an. Wie ein Wind, den man erst bemerkt, wenn sich das Gras neigt. Wie das Licht, das im Norden nicht einfach scheint, sondern verweilt. Charlie McDowells Das Sommerbuch gehört zu diesen Filmen. Er will nicht überwältigen, nicht erklären, er will nicht besitzen. Er setzt sich neben seine Figuren, bleibt bei ihnen, hört ihnen zu, schaut ihnen beim Schweigen zu und überlässt der Landschaft das zu zeigen, was Menschen oft nicht sagen können.
Die Vorlage dafür ist Tove Janssons gleichnamiger Roman Sommarboken aus dem Jahr 1972. Jansson, international vor allem durch die von ihr geschaffene Welt der Mumins berühmt, schrieb mit Das Sommerbuch eines jener schmalen Bücher, die größer sind, als sie zunächst aussehen. Die Geschichte ist fiktiv, doch gespeist von den vielen Sommern, die Jansson selbst auf den felsigen Schären im Finnischen Meerbusen verbrachte. Später lebte sie dort über Jahrzehnte hinweg mit ihrer Lebensgefährtin, fünf Monate im Jahr, in einer einfachen Hütte, dem Wind, dem Meer, den Felsen und der eigenen Zeit ausgesetzt. McDowells Film, der 2024 beim London Film Festival Premiere feierte und nun in die deutschen Kinos kommt, nähert sich diesem Stoff mit großer Vorsicht. Vielleicht, wie manche Kritikerinnen in Finnland bemängelt haben, mit zu großer Vorsicht. Aber diese Vorsicht ist natürlich auch eine Form von Respekt.
Nach dem Tod ihrer Mutter verbringt Sophia den Sommer mit ihrer Großmutter und ihrem Vater auf einer Insel im Finnischen Meerbusen. Der Vater, gespielt von Anders Danielsen Lie, hat sich in seine Trauer zurückgezogen. Er arbeitet als Illustrator, schweigt, verschwindet in sich selbst und ist doch da, ohne für seine Tochter erreichbar zu sein. Sophia versteht dieses Schweigen nicht als Schmerz, sondern als Mangel an Liebe. Wie sollte sie auch anders? Kinder lesen die Welt nicht aus der Distanz, sondern mit dem ganzen Körper. Was fehlt, fehlt. Wer nicht spricht, ist weg.
Zwischen Sophia und ihrem Vater steht die Großmutter, gespielt von Glenn Close. Sie kommt seit Jahrzehnten auf diese Insel, kennt ihre Wege, ihre Steine, ihre Launen, ihre Gefahren. Close spielt diese alte Frau mit einer Präsenz, die nichts beweisen muss. Sie sieht aus wie Doris Lessing, wenn man sich Doris Lessing auf einer finnischen Schäre vorstellt: rau, klug, trocken, müde, körperlich gewordenes Erinnern. Ihre Großmutter ist keine sanfte Märchenalte, keine pädagogische Instanz und auch keine weise Seelenpflegerin, die dem Kind nun in sorgfältig dosierten Lebenssätzen die Trauer erklärt. Sie raucht, wenn Sophia zu viel redet. Sie sagt Sätze, die wie hingeworfen wirken und doch bleiben. »Life is long«, sagt sie, als Sophia wissen will, wann sie die Puppen im Wald geschnitzt habe.
Gemeinsam erkunden Großmutter und Enkelin die Insel, fahren mit dem Boot auf eine Nachbarinsel, besuchen einen verlassenen Leuchtturm, kümmern sich um eine Katze, geraten aneinander, weichen einander aus und finden doch immer wieder zueinander. Sophia langweilt sich, fragt zu viel, begreift zu wenig und doch mehr, als die Erwachsenen vermuten. Emily Matthews spielt sie mit loser Unfertigkeit. Sophia ist nicht niedlich, sondern eigensinnig, sprunghaft, manchmal anstrengend, manchmal verloren. Sie steht selbst schon im Sog der Vergangenheit, weil der Tod der Mutter die Welt in ein Vorher und Nachher geteilt hat, ohne dass Sophia die Sprache hätte, diese Teilung zu benennen.
So wird Das Sommerbuch zu einer Meditation über das Leben und das Sterben, über das, was gesagt wird, und mehr noch über das, was zwischen den Sätzen liegt. McDowell inszeniert das nicht als Trauerdrama mit großen Ausbrüchen, sondern als Folge kleiner Beobachtungen. Ein Boot auf dem Wasser. Ein Körper im Wald. Ein Kind, das eine Frage stellt. Ein Vater, der nicht antworten kann. Eine Großmutter, die weiß, dass jeder seine eigenen Fehler machen muss. Auch das sagt sie, als sie auf einer anderen Insel einer Familie begegnen, ein wenig lose, assoziativ: »Everyone has to do their own mistakes.« Darin liegt keine Härte, eher eine alte Form der Gnade. Man kann andere nicht vor dem Leben retten, nicht einmal die, die man liebt.
Vielleicht ist das einer der Punkte, den die skandinavische Kritik gestört hat. In finnlandschwedischen Medien wurde McDowells Verfilmung zwar überwiegend positiv aufgenommen, aber nicht ohne Vorbehalte. Johanna Grönqvist lobte bei Svenska Yle Glenn Close als »brilliant«, sah aber in der Fülle der übernommenen Episoden eine fragmentarische Struktur, die ohne Kenntnis des Romans schwerer greifbar bleiben könne. Martina Moliis-Mellberg schrieb im Hufvudstadsbladet, McDowell gehe zu vorsichtig mit seinem Material um; es scheuere nirgends, vielmehr werde es bisweilen etwas sentimental, würde man also gerade in eine Stimmung geführt, von der Tove Jansson selbst weit entfernt gewesen sei. Auch die Sprachwahl wurde kritisiert: ein englischsprachiger Film nach einem schwedischsprachigen finnischen Klassiker, dessen Figuren unterschiedliche englische Akzente »spielen«, während finnischsprachige Musik und schwedischsprachige Straßenschilder nicht immer ganz widerspruchsfrei zusammenfinden.
Das sind wahrscheinlich keine falschen Einwände. Man kann sie als Deutscher zumindest ahnen. Man kann auch verstehen, dass ein geliebter Klassiker, der in Svenskfinland verankert ist, durch die Internationalisierung etwas von seiner sprachlichen und kulturellen Identität verliert. Und doch spricht diese Vieldeutigkeit fast für den Film. Denn offenbar lässt er sich nicht festlegen. Was die eine als Fragmentierung empfindet, kann man auch als assoziative Form verstehen. Das Leben auf einer Insel, die Trauer eines Kindes, das Altern eines Körpers und das Schweigen eines Vaters ergeben keine streng dramatische Kurve. Sie ordnen sich eher wie Fundstücke: Muscheln, Schallplatten, Zigarettenrauch, Katzenhaare, Licht, Wind, Sätze, die man später erst versteht.
Mich hat diese fragmentarische, episodische Struktur der Geschichte nicht gestört. Im Gegenteil. Sie scheint mir dem Stoff angemessen. Das Sommerbuch erzählt nicht auf ein Ereignis hin, sondern von einer Zeit, die vergeht. Von einem Sommer, in dem etwas heilt, ohne heil zu werden. Von einer Nähe, die nicht darin besteht, dass alle einander verstehen, sondern darin, dass sie bleiben. Jeder nimmt am Ende den anderen in den Arm: der Vater seine Tochter, die Tochter den Vater, die Mutter der Mutter ihren Sohn. Wenn man so will, die Vergangenheit die Gegenwart. Generationen des Verstehens, aber ohne große Worte.
Zu den berührendsten Momenten gehört eine Szene, in der Glenn Close als alte Frau nackt durch den Wald geht. Das ist nicht provokant, nicht kokett, nicht symbolisch überfrachtet. Es ist einfach ein alter Körper in der Natur. Man denkt dabei unweigerlich an Emma Thompson, die in Meine Stunden mit Leo nackt vor dem Spiegel steht, an jene späten Befreiungen von der Dominanz des Körpers und des fremden, oft männlichen Blicks. Und doch ist es hier noch einmal anders. Diese Großmutter hat eine feministische Vergangenheit. Sie sagt, sie sei diejenige gewesen, die es ermöglicht habe, dass Mädchen im Zelt schlafen dürfen. Und nun erinnert sie sich nicht mehr daran, wie sich das angefühlt hat. Das ist vielleicht einer der traurigsten Gedanken des Films: Nicht nur der Körper entgleitet, auch die eigenen Siege werden fremd. Das Leben bleibt lang, aber es gehört einem nicht bis zuletzt.
Dass McDowell diese Momente manchmal etwas weicher fasst, als Jansson es vielleicht getan hätte, mag stimmen. Der Film scheut das Scheuern. Er ist vorsichtig, vielleicht übervorsichtig. Aber er fühlt sich nicht »falsch« an. Seine Zärtlichkeit ist keine Schwäche, solange man sie nicht mit Harmlosigkeit verwechselt. Denn unter der Schönheit seiner Bilder liegt immer der Verlust. Das Meer ist nicht dekorativ, es ist gleichgültig. Die Insel ist kein Paradies, sondern ein Ort, an dem man dem Leben nicht ausweichen kann. Und die Natur heilt nicht, weil sie gut ist, sondern weil sie weitergeht.
So gelingt Das Sommerbuch am Ende etwas Seltenes: ein Film über Trauer, der den Tod nicht dramatisiert, sondern ihn in den Kreislauf des Sichtbaren zurückholt. In Steine, Wind, Wald, Wasser, Haut, Rauch, Licht. Glenn Close trägt diesen Film nicht als Star, sondern als alter Mensch, der weiß, dass am Ende nicht mehr viel zu tun bleibt, außer noch einmal hinauszugehen. Emily Matthews gibt Sophia jene unruhige Lebendigkeit, die den Tod nicht versteht und gerade deshalb mit ihm weiterleben muss. Anders Danielsen Lie wiederum spielt den Vater als Mann, dem die Liebe nicht fehlt, sondern die Form, sie zu zeigen.
Und dann gibt es in diesem Film tatsächlich eines der schönsten Sterben seit langem. Schön nicht im sentimentalen Sinn, nicht als Trostbild, nicht als Verklärung. Schön, weil es leise ist. Weil es nicht behauptet, der Tod sei gut. Weil es so etwas wie eine letzte Umarmung mit dem Leben ist. Weil es nur zeigt, dass ein Leben, das entgleitet, dennoch gehalten werden kann – von einem Kind, von einem Sohn, von einer Insel, von einem Sommer, von einem Buch, von einem Film.